Interview
02.11.2019 Sehen & Hören

Zusammenleben, Streitkultur, AfD: Dunja Hayali liest in Memmingen und Lindau

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Streitbar, meinungsfreudig, preisgekrönt: Die Journalistin Dunja Hayali hat sich in ihrem Buch „Haymatland“ über das Zusammenleben Gedanken gemacht. Darüber will sie in Lindau und Memmingen mit dem Publikum reden. Hayali tritt am Freitag, 8. November (20 Uhr), in der Inselhalle in Lindau auf und am Sonntag, 10. November (19 Uhr), im Kaminwerk in Memmingen. Karten gibt es bei der Allgäuer Zeitung, Telefon 0831/206 5555.

Frau Hayali, im Untertitel Ihres Buches „Haymatland“ stellen Sie die Frage: „Wie wollen wir zusammenleben?“ Was läuft denn gerade schief?

Hayali: Neben dem, dass manche denken, dass das Unsagbare wieder sagbar geworden ist, und versuchen Grundrechte neu zu verhandeln, ist eines der Probleme sicherlich, dass viele nur noch Schwarz-Weiß und Entweder-Oder kennen. Der Diskurs und damit die Streitkultur sind flöten gegangen, auch weil einige keinen Widerspruch ertragen. Aber in der Demokratie müssen Dinge eben auch ausdiskutiert werden. Wir haben ja nicht nur eine Meinungsfreiheit, sondern auch eine Meinungsvielfalt, aus der sich eine Lösung, die auch einen Kompromiss mitdenkt, ergeben soll. Da tun sich aber nicht nur wir, also die Gesellschaft schwer, sondern auch Parteien. Das führt bei vielen Bürgern zu Parteienverdrossenheit und Frust.

Wie wünschen Sie sich denn das Zusammenleben?

Hayali: Ein vernünftiges Zusammenleben ist nicht so schwer. Was man dazu braucht, ist unser Grundgesetz und meinetwegen auch die Zehn Gebote – ich war ja einmal Messdienerin. Und es wäre sicherlich hilfreich, eine gute Kinderstube gehabt zu haben. Man kann aber auch den einen Leitsatz hernehmen: Behandle jeden so, wie du selber behandelt werden möchtest, also mit Respekt, Anstand, Empathie und Toleranz.

Eine Partei wie die AfD, die bei den Landtagswahlen in Thüringen fast ein Viertel der Wählerstimmen erhielt, hat damit aber Probleme.

Hayali: Mit der AfD haben wir eine demokratisch gewählte Partei, die extrem polarisiert, zuspitzt und die Demokraten in diesem Land mit ihren Inhalten oder vielmehr Nicht-Inhalten vor den Kopf stößt. Diese Partei hat sich über die letzten Jahre in Teilen antidemokratisch, verfassungsfeindlich und menschenfeindlich gezeigt. Als Bürgerin kann ich nicht mehr verstehen, wenn jemand sagt: Ich wähle die AfD aus Protest. Dann sollen sich die Bürger ehrlich machen und sagen, sie wählen sie genau wegen dieser Inhalte. Als Journalistin stehe ich aber dazu, dass wir mit der AfD sprechen und diskutieren.

Man kann aber auch den einen Leitsatz hernehmen: Behandle jeden so, wie du selber behandelt werden möchtest, also mit Respekt, Anstand, Empathie und Toleranz.
Dunja Hayali

Rechtsextreme und Rechtsradikale ziehen um ihre Heimat gern eine Grenze ...

Hayali: Ein Land hat immer davon profitiert, wenn es sich verändert hat, vor allem wenn es in der Lage war, diese Veränderung mitzugestalten. Die Migration gehört dazu. Die gibt es in Deutschland nicht erst seit 2015, sondern schon seit Jahrhunderten. Wer nur auf Abschottung und Ausgrenzung setzt, wird nie ein friedliches gemeinsames Zusammenleben inklusive Fortschritt organisieren können.

Das Schöne am Begriff Heimat ist „seine Anpassungsfähigkeit an die Wechselfälle der Biographie“, schreiben Sie. Wie meinen Sie das konkret?

Hayali: Heimat ist immer individuell, es gibt nicht nur die eine Heimat. Für den einen ist Heimat die Eckkneipe für den anderen der Sportverein, für manche Europa oder auch der Planet Erde.

Sie plädieren für mehr Warum-Fragen, um Perspektivenwechsel zu erhalten ...

Hayali: Wenn ich warum frage, dann weiß ich, warum sich jemand etwas wünscht, warum er tickt, wie er tickt. Sind Sie alt, ich bin jung, wollen wir unterschiedliche Dinge – vielleicht. Kommen Sie aus dem Osten, ich aus dem Norden, dann wollen wir eventuell andere Dinge. Sind Sie arm, bin ich reich, sehen wir die Welt mit anderen Augen. Wohnen Sie auf dem Land, ich in der Stadt, sind unsere Bedürfnisse unterschiedlich. Ich glaube, das müssen wir in Diskussionen mehr mitdenken. Und von den politischen Akteuren würde ich mir wünschen, dass sie die Bürger noch besser einbeziehen, vorausschauende Politik machen, Inhalte und Entscheidungen mehr erklären und zu Lösungen kommen, die dann auch konsequent umgesetzt werden. Dass sich Entscheidungen in Teilen dann als falsch herausstellen und Korrekturen erfordern, gehört auch dazu.

Wie gehen Sie mit den wüsten Beschimpfungen und Hasskommentaren um, die im Internet auf sie einprasseln?

Hayali: Manchmal helfen Humor, Sarkasmus und Ironie oder Fakten, Familie und Freunde. Manchmal hilft es auch einfach, viel zu atmen und nicht zu antworten und mit dem Hund ne Runde um den Block zu gehen. In der letzten Instanz hilft der Anwalt.

Wie sehen Ihre Lesungen aus?

Hayali: Ich lese und erzähle sehr viel, so zwei Stunden lang, und dann geht es in den Dialog, und der kann dauern. Ich sage immer, bedenken Sie zwei Sachen: Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen und ich bin nicht die Kanzlerin, die Ihnen alles, was in diesem Land politisch passiert, erklären kann. Ich hab selber mehr Fragen, als Antworten.

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