Streit zum Saisonstart
09.05.2018 Hier & Heute

Zerstört Motorradlärm unser schönes Allgäu?

AZ
Was gibt es Schöneres, als an einem Frühsommertag durchs Allgäu zu düsen, über unsere Bergstraßen zu kurven und den Fahrtwind zu spüren, denken sich die einen. Was gibt es Schlimmeres, als ständig dieses Geknattere zu hören, schimpfen die anderen. Seit langem ist im Allgäu eine Diskussion über Motorradlärm entbrannt. Was also tun? Fahrverbote, Tempolimits und scharfe Kontrollen, wie ein Allgäuer Hotelier fordert? Oder reicht ein Appell an die Vernunft der Biker? allgaeu.life hat nachgefragt.

"An bestimmten Tagen, besonders am Wochenende und an Brückentagen, ist es hier kaum auszuhalten!" Karl Traubel findet deutliche Worte. Der Geschäftsführer des Hotels "HUBERTUS Alpin Lodge & Spa" in Balderschwang hat mit seinem Bruder Walter und Sohn Marc eine Oase der Ruhe geschaffen: ein Refugium in den Allgäuer Bergen für Wellness, Gesundheit und Erholung.

Doch die wachsende Zahl von Motorradfahrern sorgt für immer mehr Lärm, der die Ruhe von Gästen und Einheimischen stört. Längst ist das Problem bekannt: Der Riedbergpass gehört neben Jochpass, Queralpenstraße und B308 zu den beliebtesten Motorradausflugsstrecken im Allgäu. Startet die Saison mit einem Super-Frühjahr wie heuer, herrscht von Anfang April bis in den Oktober reger Biker-Verkehr. Und zwar nicht von Urlaubern oder Ausflugsfahrern aus München oder Stuttgart, sondern überwiegend von Allgäuer Freizeitfahrern. 70 Prozent seien Einheimische, die am Abend oder am Wochenende mal schnell eine Runde drehen, schätzte das Landratsamt Oberallgäu im vergangenen Jahr.

Seit der Riedbergpass ausgebaut wurde und man dort überwiegend 100 Stundenkilometer fahren darf, habe sich das Problem dramatisch verschlimmert, sagt Hotelier Traubel im allgaeu.life-Interview. Sein Wellness-Tempel liegt direkt am Ortsausgang Balderschwangs in Richtung Pass. Während man im Ort nur 30 km/h fahren darf, gilt ab dem Ortsschild Tempo 60. Und hier liegt Teil eins der Problematik: Das Gros der Lärmbelästigung kommt nämlich nicht von der Endgeschwindigkeit, sondern vom "Aufzieh-Effekt", wenn die Biker beschleunigen. Und das tun sie direkt vor Traubels Hotel. 

"Die Motorradfahrer ziehen direkt vor unserem Haus das Gas auf. Und um auf einem Motorrad nur auf 60 km/h zu beschleunigen, da muss man sich schon äußerst diszipliniert verhalten. Die meisten ziehen deutlich mehr an", berichtet der Geschäftsführer. Teil zwei der Problematik: Im Talkessel in Balderschwang dröhnt der Schall noch lauter.

Besonders sauer stößt Traubel auf, dass manche Motorradfahrer den ausgebauten Riedbergpass offenbar als Rennstrecke entdeckt haben. "Es gibt welche, die schauen, ob die Polizei kontrolliert, und wenn nicht, dann heizen sie drei, vier Mal über den Pass. Es wurden Millionen in den Ausbau der Straße gesteckt und letztendlich sind wir davon die Leidtragenden", schimpft der Hotelier.

Vor längerer Zeit suchte er deshalb schon das Gespräch mit Bürgermeister Konrad Kienle und dem Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. "Sie wissen um die Probleme, sagten aber, dass die Straße jetzt eben ausgebaut sei und man dort überwiegend 100 fahren kann." Im vergangenen Jahr wandte sich Traubel deshalb sogar an die damalige bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf und formulierte in einem Schreiben seine Forderungen.

Verbote und Begrenzungen - ja oder nein?

Dazu gehören: eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 km/h auf dem kompletten Pass, ein Überholverbot, Nachtfahrverbote für Motorräder von 20 bis 9 Uhr, eine stationäre Tempo-Messstelle in Balderschwang und regelmäßigere Polizeikontrollen auch am Abend, am Wochenende und an Feiertagen. "Die Antwort war desillusionierend. Ich bin enttäuscht von den Entscheidungsträgern und weiß momentan nicht, was ich noch mehr tun soll?", bekennt Traubel. 

Fahrverboten, zeitlichen Sperren und durchgehenden Tempolimits erteilten die zuständigen Stellen bereits mehrfach eine Absage. Ein Argument: Man könne öffentliche Straßen, die zudem dem überregionalen Verkehr dienen, nicht so einfach sperren. Das sei rechtlich schwierig. Zumal wie oben beschrieben häufig nicht die Endgeschwindigkeit, sondern das "Gas aufziehen" das Problem sei.

Und natürlich sehen es nicht alle so wie Traubel: Motorradfahrer sind auch im Allgäu ein Wirtschaftsfaktor, an vielen Gasthöfen, Pensionen und Hotels sieht man die Schilder mit der Aufschrift "Biker willkommen". 

Trotzdem will man im Oberallgäuer Landratsamt die Motorradfahrer sensibilisieren. Im Mai 2017 gab es im Amt einen Runden Tisch zum Thema Motorradkrach. In der Folge wurde das interregionale Projekt "Lärmfreier Lebens- und Erholungsraum Bayern-Tirol" ins Leben gerufen. "Innerhalb eines Jahres sind schon einige gute Maßnahmen gefunden worden", sagt Felix Fleischhauer, der zuständige Sachgebietsleiter des Landkreises, auf allgaeu.life-Nachfrage.

Zum einen werden in den kommenden Wochen an den neuralgischen Motorradstrecken im Oberallgäu Hinweisschilder aufgestellt. "Bitte leise fahren", steht dort an die Biker gerichtet. "Die Tafeln werden durch das Interreg Projekt und vom Landkreis bezuschusst. Unter anderem werden die Schilder in Bad Hindelang, Sonthofen, Fischen, Oberstaufen, Wiggensbach und Buchenberg zu sehen sein. Balderschwang hat eine Vorreiterrolle, hier sind die Tafeln schon länger genehmigt", sagt Fleischhauer.

Zum anderen verweist er auf eine neue Motorrad-Blitzanlage, die von der Stadt Sonthofen mit Unterstützung des Landkreises angeschafft wurde. Die könne Motorräder samt Kennzeichen von hinten blitzen. "Auf Antrag kann diese Anlage von allen 28 Gemeinden im Landkreis Oberallgäu eingesetzt werden."

Als dritte Maßnahme soll in diesem Sommer ein neues technisches Gerät zum Einsatz kommen: Die Allgäuer Polizei hat ein sogenanntes Motorradlärm-Display angefordert. Eine Art Leitpfosten misst  Geschwindigkeit und Geräuschentwicklung der Biker und zeigt über ein Hinweisschild dem Fahrer "Bitte langsamer" oder "Bitte leise" an. Am Riedbergpass soll noch in diesem Sommer ein solches Display installiert werden.

Hotelier Traubel zweifelt am Erfolg solcher Hinweistafeln. "So etwas gibt es seit längerem in Baden-Württemberg, und der Erfolg dort ist sehr begrenzt." Er glaubt, dass nur Verbote und scharfe Kontrollen die Situation verbessern können. Sachgebietsleiter Fleischhauer dagegen setzt auf die Wirkung der Tafeln. "Das Allerwichtigste ist, den Motorradfahrern immer wieder ins Gewissen zu rufen, dass sie sich anständig im Straßenverkehr zu verhalten haben."

Gleichwohl schließt er nicht aus, dass Beschränkungen (wie zuletzt das neu eingeführte Tempolimit auf der beliebten Motorradstrecke zwischen Immenstadt und Zaumberg) eines Tages kommen, sollte sich die Lärmproblematik nicht verbessern.

Karl Traubel kann derweil nur an die Vernunft der Allgäuer Biker appellieren: "Ich bin selbst Motorradfahrer. Klar macht es Spaß, auch mal Gas zu geben. Aber bitte nicht in einer Ortschaft. Und es macht noch mehr Spaß, relaxt durch die Natur zu fahren und unsere Berge zu genießen."

Mit ein bisschen gegenseitiger Rücksichtnahme könnten ALLE etwas von unserem schönen Allgäu haben.

In der Allgäuer Zeitung und ihren Heimatausgaben vom Samstag, 12. Mai, findest Du einen aktuellen Beitrag über Geschwindigkeitskontrollen der Polizei auf der B308 zwischen Oberstaufen und Lindenberg.
Weitere Artikel