Schul-Projekt in Pfronten
29.11.2018 Sehen & Hören

Wie der Allgäuer Rapper "Wiedmann" gegen Rassismus kämpft

Rassismus begegnet uns oft im Alltag. Eine internationale Modekette wirbt mit einem farbigen Kind in einem Pullover mit der Aufschrift "Coolest Monkey in the Jungle". Oder denk an die Mutter mit Kopftuch, die bei Kontrollen am Flughafen ganz besonders intensiv inspiziert wird. Abwertende Blicke gegenüber Fremden im Bus oder der Türsteher vorm Club, der Andersaussehenden den Einlass verweigert. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Ein Allgäuer Rapper will nicht mehr länger zusehen. Lies hier, wie Philipp Wiedmann gegen Rassismus kämpft und dafür sogar an Schulen geht.

Philipp Wiedmann, gebürtiger Pfrontener, ist gelernter Industriemechaniker und macht hauptberuflich "irgendwas mit Maschinen". Seit 2009 ist er Sänger der Band "Wiedmann" und schreibt eigene Songs. Alles begann schon zu Schulzeiten, als er in der 7. Klasse mal wieder nachsitzen musste. Statt Hausordnungen und Aufsätze schrieb er lieber eigene Texte. "Da war ich voll auf dem Eminem-Trip und fand Reime megacool!" 

Sein soziales Engagement startet im Jahr 2015. Die große Flüchlingswelle erreicht Deutschland und somit auch Philipps Heimatort Pfronten. Es ist Herbst und die Flüchtlinge in Pfronten haben keine dicken Winterjacken, die sie vor der Allgäuer Kälte schützen. Also animiert der Musiker seine Kumpels. "Wir fahren alle Ski, jeder hatte also mindestens fünf Skijacken zuhause. Aber kein Mensch braucht fünf verschiedene Jacken. Wir haben unsere alten Jacken gesammelt, in Kartons gepackt und in die Unterkunft gekarrt." 

Die Liebe und Wertschätzung, die ihm nach der Aktion entgegengebracht wird, machen dem 26-Jährigen Mut. Selbst, wenn es im Nachhinein auch dumme Bemerkungen wie "Ah, und du hängst jetzt also mit den Negern ab?!" gibt. Er merkt: Es ist Zeit, etwas zu tun! "Man muss einfach diesen Alltagsrassismus aus den Köpfen der Leute bekommen", sagt er im allgaeu.life-Interview.

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage 

Seit Oktober ist Philipp offizieller Pate des Projekts "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" an der Pfrontener Mittelschule, die er früher selbst besucht hat. An dem Projekt nehmen bundesweit über 2.800 Schulen und über 1,5 Millionen Schüler teil. Prominente Paten sind unter anderem Rap-Kollege Jan Delay, Schaupielerin Iris Berben, Comedian Kaya Yanar oder Fußballer Jerome Boateng. 

Ihre Grundüberzeugung: Alle Menschen sind gleich! "Die Diskriminierung von Menschen wegen ihres Glaubens, des Geschlechts und der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe und Herkunft, der Behinderung, der Schulart, der Nationalität und was auch immer, lehnen wir ab", heißt es in der Projektbeschreibung.

Das Ziel ist es, die Schüler zu gegenseitiger Anerkennung und Achtung zu animieren. Wenn eine Schule eine "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" werden möchte, dann muss die Initiative von den Schülern kommen. Keiner wird überredet, die Klassen sollen selbst aktiv gegen Rassismus werden.

So auch die Schüler der Pfrontener Mittelschule. "Die Kids dort hören meinen Sound und feiern meine Musik." Also haben die Schüler Philipp als Pate vorgeschlagen. Bei der Verleihung des Slogans sind 350 Schüler anwesend und lauschen gespannt Philipps Rede. Seine Rolle als Pate definiert er so:

"Das Wichtigste ist, dass ich selbst vorlebe, worüber ich spreche. Ich muss für die Kinder die Person sein, die es richtig macht. Und unser gemeinsamer Nenner ist die Musik."

Dabei will Philipp nicht als Oberlehrer auftreten, sondern als Freund und Vermittler: "Ich steh zwischen Kindern und Lehrern. Und weil ich selbst auf diese Schule gegangen bin, wissen die Kids, dass wir im gleichen Boot sitzen und ich viele Situationen selbst mitgemacht habe."

An der Schule sind um die zwölf Nationen vertreten - da ist das Streitpotenzial extrem hoch. "Einfach schon durch die kulturellen Unterschiede entstehen schnell Unstimmigkeiten und Probleme untereinander. Vieles ist leider auch anerzogen."

Dabei ist gerade diese Mischung an einer kleinen Allgäuer Schule das Spannende, findet Philipp. Mit seiner Musik möchte er den Schülern vermitteln, dass der gesunde Mix das Beste ist - egal ob in seinen Songs, in der Politik oder auf dem Schulhof. "In der Musik besteht der Mix aus verschiedenen Instrumenten, Stimmen und Beats. In einer Gruppe kommt der Mix durch die verschiedenen kulturellen Hintergründe der Mitglieder. Und so gibt jeder seinen Teil zum großen Ganzen." 

Das Ziel bei "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist es, mindestens einmal pro Jahr ein gemeinsames Projekt zum Thema Diskriminierung mit Pate und Schülern auf die Beine zu stellen. Langfristig soll gegen jegliche Form von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, vorgegangen werden. Philipps persönliches Ziel ist es, irgendwann mit seiner Patenklasse 8a einen gemeinsamen Song zu schreiben, aufzunehmen und zu performen. 

"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage"
- eine kreative Jugendbewegung
- Kinder und Jugendliche werden aus eigenem Antrieb aktiv, wenn Menschen beispielsweise aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder ihrer Religion beschimpft, gemobbt oder sogar bedroht werden
Wie wird man eine Courage-Schule?
- Eigeninitiative der Schüler muss da sein
- Schüler müssen selbst entscheiden, in wie weit sie die Vorraussetzungen zur Teilname erfüllen - mindestens 70 Prozent der direkten Angehörigen ihrer Schule (Schüler, Lehrer, Sozialpädagogen etc.) müssen sich in Form von ihrer Unterschrift dafür aussprechen
Tipps zum Sponsoring und für die Kooperation mit Lehrern findest Du hier. 
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