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13.09.2018 Sehen & Hören

Wie das Alphorn vor 60 Jahren in Bad Hindelang wieder entdeckt wurde

Alphornbläsertreffen in Wengen
Heute gehört es wie Kässpatzen und Kuhglocken zum Allgäu: das Alphorn. Hättest Du gewusst, dass es fast 200 Jahre lang in unserer Region nicht mehr ertönte? Erst vor 60 Jahren wurde das Instrument wiederentdeckt. Daran beteiligt war drei Musiker aus Bad Hindelang.

Hermann Schlipf war einer der Ersten im Allgäu, der Ende der 50er Jahre wieder das Alphorn spielte. Michael Bredl hatte den Vorderhindelanger und seinen Bruder Josef aufgefordert, bei einem Trio dabei zu sein. Die Schlipf-Brüder ließen sich nicht lange bitten, denn beide waren ja voller Tatendrang und Jungmusiker mit Leib und Seele. Hermann spielte damals Geige und Gitarre, sein älterer Bruder Josef Akkordeon und Zither.

„Fast 200 Jahre war das Alphorn bei uns ausgestorben“, sagt Hermann Schlipf. Dabei war es doch ursprünglich in der Region beheimatet. Musikpädagoge Hermann Regner – später Professor in Salzburg – hatte damals die Geschichte des Alphorns erforscht. „Auf sein Betreiben hin wurden vom Heimatbund Schwaben die ersten drei Alphörner in der Schweiz gekauft und 1958 an Michael Bredl überreicht“, erinnert sich Hermann Schlipf. „Die ursprüngliche Idee, diese Alphörner in zwei Bergbauerhöfen hoch über Hindelang heimisch werden zu lassen, scheiterte und so durften mein Bruder Josef und ich das Alphornspiel erlernen.“

Bredl und die Schlipf-Brüder fanden musikalisch gut zueinander. Was aber fehlte, das waren Noten. „Schweizer Alphornstücke wollten wir nicht, also schrieb Michael Bredl für uns etwas Eigenes, wie den Hindelanger Alphornruf“, sagt Hermann Schlipf, der auch selbst komponierte, beispielsweise „d’r Zillebächlar“. 2013 hat er ein eigenes kleines Büchlein mit 28 Alphornstückle drucken lassen. Noch heute gibt er sein Wissen ums Alphorn gerne an junge Musiker weiter.

„Am schönsten ist es, im Freien zu blasen“, sagt Hermann Schlipf. Es sei fast eine „Todsünde“ in einem geschlossenen Raum zu spielen. Noch heute schultert der 76-Jährige an schönen Abenden sein Instrument, geht hinters Haus auf eine Anhöhe und bläst das Horn. Ganz alleine. Einfach so, weil es gut zur Stimmung passt. „Wer das Alphorn bläst ohne direkte Zuhörer, der bekommt fürs Tal ein anderes Gefühl“, sagt Schlipf, der früher Postbeamter war. „Es erzeugt eine gewisse Heimatliebe.“ Sein Bruder Josef bläst aus gesundheitlichen Gründen seit zwei Jahren nicht mehr, Michael Bredl ist 1999 gestorben.

Ursprünglich, so sagt Schlipf, war das Alphorn „ein reines Hirtensinstrument zur Verständigung im alemanischen Sprachraum“. Früher sei es eine Männerdomäne gewesen. „Dass heute auch Frauen das Alphorn blasen, finde ich aber gut“, sagt Schlipf. Dass das Instrument aber eine so große Verbreitung wie derzeit findet, das sei „sicher nicht der Plan von Regner und Bredl gewesen“. Es gebe sogar Blasmusikkomposition mit Alphorn.

1960 waren erstmals elf Alphörner am Hindelanger Viehscheid, sagt Schlipf. „1965 war das erste Alphornbläsertreffen in Hindelang mit elf Bläsern vor der neugebauten Kirche in Oberjoch. Einen großen Auftritt hatten die Bläser 1972 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München. Sicherheitshalber in Playback, also nicht live. Das Dumme war nur, dass die Technik streikte – und nichts zu hören war. „Deshalb schwenkte die Kamera gleich weiter“, erinnert sich Schlipf. Die Musiker seien dann eilenden Schritts in die Katakomben, um ihr Instrument zu verstauen und dann den Einmarsch der Nationen nicht zu verpassen.

„Wir waren damals alle Autodidakten“, sagt Schlipf. Mehrmals in der Woche war Üben angesagt. „Du formst den Ton mit der Lippenspannung am Mundstück“, beschreibt er, was der Bläser tun muss. Das erfordere viel Übung und Kraft. „Da braucht’s mehr Druck als beim Blechblasinstrument.“ Damals sei das Alphornspiel wirklich etwas Besonderes gewesen. „Da ist jeder stehen geblieben.“ 

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