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03.12.2018 Land & Leute

Was kannst Du Dir leisten? Allgäuer Studenten sprechen über ihr Geld

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Obwohl sie sparen, wo es geht, reicht das Geld am Ende des Monats oft nicht aus: Das Leben als Student ist teuer geworden. Während die Mieten in den Städten explodieren und die Benzinpreise steigen, bekommen viele Studis nicht mal BAföG. Wer da am Ende des Monats nicht ins Minus rutschen will, muss neben dem Studium arbeiten. So geht es auch vielen jungen Allgäuern. Uns haben drei Studenten verraten, wie sie über die Runden kommen und für was sie ihr Geld ausgeben. Wie das noch vor ein paar Jahren aussah, darüber haben wir mit ihren Profs gesprochen.

Ist fürs Studium von Köln ins Allgäu gezogen: Angelina (21)

Angelinas große Schwäche? Ganz klar, Klamotten. Da die Studentin aber mit 600 Euro im Monat auskommen muss, landen teure Stücke auf der Wunschliste zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Jessica Stiegelmayer
Achso, die 21-Jährige hat da noch so ein Steckenpferd... Jessica Stiegelmayer
Statt wegzugehen, feiert Angelina oft in ihrer WG oder bei Freunden. Jessica Stiegelmayer
Was der Wocheinkauf kostet? "So zwischen 10 und 25 Euro. Außer das Bier ist alle..." Jessica Stiegelmayer

Angelina Urbanik, 21, studiert Tourismusmanagement und lebt von 600 Euro im Monat:

Brutto hat nicht viel mit Netto zu tun, viele Familien müssen beispielsweise ein Haus abbezahlen. Genauso kann es sein, dass man kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat - da habe ich echt Glück. Deshalb fände ich ein generell elternunabhängiges BAföG gut. Dann hat jeder die Möglichkeit, eine Unterstützung zu bekommen.
Angelina Urbanik (21) studiert Tourismusmanagement

BAföG bekommt Angelina nicht, weil ihr Vater zu gut verdient. "Ich wollte aber trotzdem nicht komplett von meinen Eltern abhängig sein.“ Deshalb hat die Kölnerin einen Studienkredit aufgenommen, mit den 300 Euro von ihren Eltern kommt sie so auf 600 Euro im Monat.  „Alles was teurer ist, muss ich gut planen  - beispielsweise, wenn ich nach Hause fahren oder mit meinen Freunden verreisen möchte.“ Damit sie sich den Silvesterurlaub und Weihnachtsgeschenke für Freunde und Familie leisten kann, arbeitet Angelina im Dezember auf dem Kemptener Weihnachtsmarkt – dabei werden wohl etwa 800 Euro rausspringen.

"Neben dem Studium Vollzeit zu arbeiten, finde ich schwierig. Die Zeit braucht man zum Lernen“, sagt die 21-Jährige. Lieber verdient sie sich in den Semesterferien etwas dazu. „Wir haben hier eine sehr günstige Wohnung, für mein kleines Zimmer zahle ich 250 Euro. In der Top-Lage gäbe es das in Köln nicht.“ Den Wocheneinkauf teilt sich die Studentin mit ihrem Mitbewohner, ihr Auto mit ihren Eltern. "Kleidung ist so ein bisschen mein Steckenpferd, das können auch mal 80 Euro im Monat werden. Alles was mehr kostet, wünsche ich mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten.“

Hat sich während des Studiums selbstständig gemacht: Stefan (26)

Als Hobby hat das Filmen für Stefan begonnen, später ist daraus eine Geschäftsidee geworden. Durst Media GbR
Anfang des Jahres gründete er zusammen mit seinem Bruder die "Durst Media GbR". Ihr Startkapital lag bei 2000 Euro. Jessica Stiegelmayer
Ihr Equipment leihen sich die Beiden oft aus - alles zu kaufen, würde ihren finanziellen Rahmen sprengen. Beispiel: diese Kamera kostet etwa 50.000 Euro, einen Tag ausleihen dagegen "nur" 500 Euro. Jessica Stiegelmayer
Eine Drone haben sich die Brüder inzwischen geleistet. Kostenpunkt: 6000 Euro. Durst Media GbR
"Wir bauen uns Stück für Stück aus", sagt Stefan. Nach dem Studium würde er am liebsten Vollzeit für "Media Durst" arbeiten. Jessica Stiegelmayer

Stefan Durst, 26, studiert Wirtschaftsingenieurwesen Elektrotechnik und lebt von 1.500 Euro im Monat:

Stefans Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr, bis 16 Uhr arbeitet er bei einem Technologie-Unternehmen - das Praxissemester bringt ihm jeden Monat 1.050 Euro. "Das ist gerade echt Luxus." Danach geht es für den 26-Jährigen direkt ins eigene Büro, einem kleinen Zimmer in der Gründervilla Kempten. Dort pflegt er einmal Artikel  für einen Onlineshop in Dietmannsried ein - macht 450 Euro. Und dann ist da noch seine eigene Filmproduktion "Durst Media GbR", gegründet hat er sie Anfang des Jahres mit seinem Bruder Christian. Gewinn wirft ihre junge Firma jedoch noch nicht ab, was übrig bleibt fließt direkt in neues Equipment.

BAföG bekommt der Student nicht, dafür verdient sein Vater als Serviceberater bei Audi zu viel. Vor dem Studium hat der 26-Jährige eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht, danach sein Fachabitur an der Berufsoberschule nachgeholt - damals bekam er noch BAföG, elternunabhängig. Ohne seinen Nebenjob, das Praxissemester oder Ferienarbeit, könnte er sich das Studium so nicht leisten. Allein für sein Büro zahlt er 300 Miete im Monat. Dazu kommen noch seine festen persönlichen Ausgaben: Lebensmittel (150-200 Euro), studentische Pflichtversicherung (90 Euro), Riester-Rente (50 Euro), Berufsunfähigkeits-und Lebensversicherung (150-200 Euro) und alles, was mit Freizeit zu tun hat (80-100 Euro). "Bräuchte ich eine eigene Wohnung, würde das nicht hinhauen."

Was ist BAföG überhaupt?
Das BAföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz) ist eine staatliche Studienfinanzierung, die es seit 1971 gibt. Es soll jungen Menschen das Studium ermöglichen, wenn sie es sich selbst nicht leisten können. Gleichzeitig unterstützt es auch andere Ausbildungen wie den Besuch der Berufsoberschule. Alles behalten dürfen die Studenten nicht: die Hälfte müssen sie wieder zurückzahlen, und zwar fünf Jahre nach dem Studiumsende. Bei 10.000 Euro ist aber Schluss: mehr muss keiner tilgen.
Wer bekommt BAföG?
Wer die Förderung beantragen möchte, darf bei Ausbildungsbeginn nicht älter als 30 sein, bei Masterstudiengängen liegt die Altersgrenze bei 35. Grundsätzlich gilt: Die Förderung kann nur für die Erstausbildung beantragt werden. Ob jemand BAföG erhält oder nicht, hängt außerdem vom eigenen Einkommen und dem der Eltern ab. Jeder Fall wird individuell geprüft.
Was soll sich jetzt ändern?
Der Höchstsatz soll ab Ende 2019 von 735 Euro auf ungefähr 850 Euro ansteigen. Geplant ist auch, den Wohnzuschlag zu erhöhen: von 250 Euro auf 325 Euro. Außerdem sollen mehr Studenten und Azubis Anspruch auf BAföG haben.

 

Hat sich für ein duales Studium entschieden: Lukas (21)

Der Legauer Lukas Merk macht ein duales Informatik-Studium. Bedeutet: Während der Semsterferien arbeitet er, ein Praxissemester ist im Studium integriert und seine Bachelorarbeit schreibt er in einem Unternehmen. Merk
Schon vor dem Studium hat Lukas Webseiten gestaltet und sich bei Freunden und Verwandten gekümmert, "wenn der PC Wehwehchen hat". Merk
Dieses Bike hat sich der 21-Jährige für eine Tour ausgeliehen, für ein eigenes Motorrad spart er zurzeit. "Das liegt aber nocht in weiter Ferne..." Merk

Lukas Merk (21) studiert Informatik und lebt von 820 Euro im Monat:

Es gibt Eltern, die zwar gut verdienen, aber einfach nichts zahlen wollen. Da kann ja kein Student was dafür. Daher finde ich es wahnsinnig unfair, wenn jemand nichts bekommt.
Lukas Merk (21) ist für ein generell elternunabhängiges BAföG

Für den Legauer Lukas war früh klar: "Eine Wohnung in Kempten wird für mich teurer als das Pendeln." Zur Hochschule braucht er ungefähr eine halbe Stunde, macht etwas mehr als 100 Euro im Monat fürs Tanken - die Steuer und Versicherung übernehmen seine Eltern. Günstiger fallen für ihn die Monate aus, in denen er für ein Legauer Softwareunternehmen arbeitet. "Wenn ich Lust habe und gutes Wetter ist, fahr ich mit dem Rad." Vorteil am dualen Studium: Lukas sammelt Praxis-Erfahrung und verdient Geld. Inzwischen sind es knapp 820 Euro im Monat.

Nebenbei gestaltet der 21-Jährige noch Webseiten. Wie er darauf kam? Ganz zufällig, sagt Lukas. "Meine Tante hat mich gefragt, ob ich für einen Freund eine Webseite bauen kann." Nach und nach kamen immer mehr Anfragen.  Um die Aufträge abrechnen zu können, hat er sich selbstständig gemacht. Vergangenes Jahr kam er auf einen Gewinn von 600 Euro,  "dieses Jahr wird es auf jeden Fall vierstellig". Was am Ende des Monats übrig bleibt, spart der Student - beispielsweise für Reisen oder um sich irgendwann einmal ein Motorrad zu leisten. Den Führerschein hat er vergangenes Jahr schon gemacht, Kostenpunkt: 1.400 Euro.

Wie war das eigentlich früher? Profs von der Hochschule Kempten blicken auf ihr Studium zurück:

Veronika Schraut, heute Professorin an der Fakultät Gesundheit und Soziales:

Ich habe mich in dieser Zeit ganz stark strukturiert und organisiert. Zu jedem Zeitpunkt, wo das Kind geschlafen hat, habe ich alles liegen und stehen lassen und bin an den Computer.
Prof. Veronika Schraut über ihr Studium mit Kind

Gleich zum ersten Semester ist Prof. Veronika Schraut gewollt schwanger geworden. Studiert hat sie von 2004 bis 2008 an der evangelischen Hochschule in Nürnberg. Dorthin ist sie um die 100 Kilometer gependelt, denn gewohnt hat sie zwischen Pfaffenhofen und Ingolstadt. Warum sie nicht in ihre Studienstadt zog? Die Wohnung in Oberbayern gehörte ihren Eltern, so sparte sich Schraut die Mietkosten. Und: "Ich brauchte den familiären Kontext, um das zu schaffen." Ihre Großeltern haben oft auf ihre Tochter Sophie aufgepasst, während Schraut in der Vorlesung saß oder in der Altenpflege arbeitete.

Zuvor hatte die junge Mutter schon eine Ausbildung in der Pflege abgeschlossen und der Nebenjob brachte ihr während des Studiums jeden Monat 450 Euro. "Ich wusste: Wenn ich nicht arbeiten gehe, habe ich nicht genügend Geld, um mich und das Kind zu finanzieren." Vom Staat bekam sie außerdem noch ihr Kindergeld, das für ihre Tochter (jeweils 154 Euro) und Erziehungsgeld (300 Euro). Dem gegenüber standen etwa Kosten für das Pendeln, die Kinderbetreuung, Lebensmittel und Kleidung für die kleine Sophie. "Ich habe in dieser Zeit gelernt, mit sehr wenig zu leben." Ist es am Ende des Monats eng geworden, griff sie auf ihr Erspartes aus der Ausbildung zurück.

Peter Stich, heute Professor an der Fakultät Elektrotechnik:

Gerade einmal 230 Euro hat Prof. Peter Stich für sein erstes Zimmer im Studentenwohnheim gezahlt - und das in München! "Ich hatte Glück, dass ich gleich am Anfang in die Studentenstadt Freimann einziehen konnte." Studiert hat er von 2005 bis 2010: Allgemeiner Maschinenbau, Mechatronik-und Informationstechnik. Während der ersten beiden Semestern bekam er knapp 550 Euro BAföG, danach zwischen 300 und 400 Euro. Warum? In seinen Werkstudenten-Jobs hat Stich mit steigender Erfahrung immer besser verdient.

Mit dem BAföG komme aber auch ein "gewisser Schuldenberg am Anfang der Berufskarriere", schildert Stich. Er hätte damals die Höchstsumme von 10.000 Euro zurückzahlen müssen, bekam aber einige Vergünstigungen. "Wenn man sein Studium gut abgeschlossen hat, hat man einen kleinen Bonus bekommen." Bedeutet: Einmal Rabatt, weil Stich knapp ein Semester früher fertig wurde. Rabatt zum Zweiten, weil er zu den besten 30 Prozent seines Jahrgangs gehörte. Und ein drittes Mal, weil er alles auf ein Mal tilgte. So blieben schließlich etwa 5.000 Euro übrig.

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