Reiseleiterin erklärt
17.09.2019 Land & Leute

Warum immer mehr Chinesen aufs Allgäu abfahren

Wenn im Oktober die Reiszeit in China beginnt, macht sich das auch im Allgäu bemerkbar. Chinesen zieht es immer häufiger in unsere Region. Allein in Füssen übernachteten im Vorjahr knapp 75.000 Chinesen. In Marktoberdorf sind es pro Jahr bis zu 20.000. Doch was fasziniert die Chinesen an unserer Region? Wir sprachen mit Expertin Jieshan Kong. Die 34-Jährige arbeitete fünf Jahre als Reiseleiterin in Bayern und hat viele Touren ins Allgäu geführt. Heute bildet sie chinesische Reiseleiter aus; u.a. in Frankfurt, München, Paris und Rom.

Frau Kong, immer mehr Chinesen strömen im Urlaub nach Bayern und ins Allgäu. Was fasziniert sie am meisten bei uns? 

Kong: Schloss Neuschwanstein ist bei allen Chinesen klar die Nummer eins. Wenn wir an Deutschland denken, dann fällt uns das Schloss ein. Nicht Berlin oder Frankfurt am Main. Viele Chinesen träumen davon, einmal im Leben das Schloss sehen zu können. Es ist ein Mythos. Dazu kann ich auch ein persönliches Beispiel nennen. Der Vater meiner besten Freundin aus der Jugendzeit ist ein Weltenbummler. An der Wand in seiner Bibliothek in China hängen vier große Fotos. Sie zeigen ein weißes Schloss. Im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter. Dieses weiße Schloss ist Schloss Neuschwanstein...    

Woher kommt diese Faszination? 

Kong: Für die Chinesen steht Neuschwanstein für Romantik und Liebe. Es ist für sie so ergreifend wie der Eiffelturm in Paris oder einer Gondelfahrt in Venedig. Viele junge Ehepaare wollen unbedingt Hochzeitsfotos in der Nähe des Schlosses machen. Sie bringen ihre Hochzeitskleider mit oder leihen sich vor Ort welche aus. Diesen Trend verstärkt hat der chinesische Superstar Zhou Jielun. Der junge Sänger und Schauspieler veröffentlichte vor vier Jahren Hochzeitsfotos mit Schloss Neuschwanstein im Hintergrund. Davon lassen sich viele inspirieren. Auch die Landschaft ist natürlich besonders. Vor allem im Winter. Dann ist es speziell für Süd-Chinesen sehr beeindruckend. Viele von ihnen haben noch nie Schnee gesehen. 

Wie bekannt ist Märchenkönig König Ludwig II, der Erbauer von Schloss Neuschwanstein, in China? 

Kong: Er ist nicht besonders bekannt. Das Schloss steht über allem. Und natürlich kennen viele Chinesen Ludwigs Cousine, Kaiserin Elisabeth von Österreich, aus den Sissi-Filmen. Wenn man Chinesen etwas über den "Kini" erzählen will, fängt man am besten mit Sissi an...

Wie reisen Chinesen? 

Kong: Am liebsten schnell. Chinesen wollen ihre Urlaubszeit voll ausnutzen. Manchmal besichtigen sie zwei Städte an einem Tag. Eine beliebte Europa-Tour ist zum Beispiel: Vom Flughafen Frankfurt am Main weiter nach München und von dort nach Italien, zum Beispiel nach Rom, Mailand oder Neapel. Nach fünf Tagen Italien geht es wieder zurück. Die letzte Station vor dem Rückflug ist dann Schloss Neuschwanstein. Das Beste kommt zum Schluss. 

Was die Chinesen immer überrascht, sind die großen Portionen. Sie werden als Zeichen für besondere Gastfreundschaft angesehen.
Reiseleiterin Jieshan Kong

Was gefällt Chinesen an Bayern und dem Allgäu? 

Kong: Da gibt es einiges. Chinesen glauben, dass alle Deutschen am liebsten in Lederhosen und Dirndl herumlaufen. Deshalb freuen sie sich sehr, wenn sie in Bayern dann auch wirklich Menschen in Tracht sehen. Auch das in China bekannteste deutsche Gericht stammt aus Bayern: Schweinshaxe.

Und wie kommt die an?

Kong: Den meisten schmeckt sie. Manchen ist sie aber auch zu salzig oder sie liegt ihnen schwer im Magen. Was die Chinesen immer überrascht, sind die großen Portionen. Sie werden als Zeichen für besondere Gastfreundschaft angesehen. Auch das Sauerkraut begeistert Chinesen, denn es schmeckt vertraut. Der Unterschied liegt darin, dass die chinesische Version aus Chinakohl besteht. Und das bayerische Bier schmeckt Chinesen sowieso. Es wird teils auch nach China importiert. Aber dann ist viel teurer als hierzulande.

Das heißt die chinesischen Gäste fühlen sich rundum glücklich bei uns...

Kong: Ja, sie schätzen auch die sauberen Städte und die Freundlichkeit der Menschen. Da viele Chinesen und Deutsche gut Englisch sprechen, fällt die Verständigung nicht schwer. 

Was erstaunt Chinesen?

Kong: Die Fernsehnachrichten! Sie wundern sich, dass in Deutschland so viel negatives berichtet wird. In ihrer Heimat dagegen werden vor allem positive Nachrichten gesendet. Und noch etwas aus dem Alltag fällt ihn auf: dass gerade in Bayern am Abend Brotzeit gegessen wird. Ein kaltes Essen nach getaner Arbeit ist für einen Chinesen unvorstellbar. Man isst am liebsten mehrere warme Speisen. Auch der Humor der Deutschen ist für Chinesen ungewohnt.

Chinesische Touristen verstehen also keinen Spaß? 

Kong: Sie sind mit Ironie und Selbstironie nicht so vertraut. Aber Humor haben sie natürlich. Wollen Sie mal einen chinesischen Witz über Deutsche hören? 

Nur zu.

Kong: Warum haben Deutsche abends keine Zeit zum Kochen? Antwort: Weil sie ständig damit beschäftigt sind, neues Küchenzubehör zu erfinden... Chinesen schmunzeln darüber, wie perfekt deutsche Küchen ausgestattet sind.

Und worüber können Chinesen bei ihrem Besuch in Bayern gar nicht lachen? 

Kong: Die ständige Frage, ob sie Hunde essen. Das nervt viele chinesische Gäste. Die allermeisten Chinesen tun dies nämlich nicht.

Welches Reiseziel empfehlen Sie uns in China? 

Kong: Die Hauptstadt des Panda-Bären: Chengdu, in der Provinz Sichuan in Westchina. Sie ist berühmt für die Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding, eine Schutzstation, in der die Besucher sich die vom Aussterben bedrohten Großen Pandas in einem natürlichen Lebensraum ansehen können. Die Stadt hat viel Grün zu bieten, ist sehr entspannt und gehört zu den lebenswertesten Städten in China.  

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