Projekt Lebenslang
31.01.2019 Hier & Heute

Warum diese Allgäuerin einen Verein gegen sexuellen Missbrauch gegründet hat

Dieser Fall schockiert: Drei Männer sollen auf einem Campingplatz in Nordhrein-Westfalen mindestens 23 Kinder sexuell missbraucht haben. Sarah Knobloch (25) aus Immenstadt sieht die Horrortat als Spitze des Eisbergs: "Etwa jedes siebte Kind in Deutschland wird missbraucht. Darüber müssen wir reden. Das darf kein Tabu-Thema bleiben!", fordert die Politikwissenschaftlerin, die den Verein "Projekt Lebenslang" gegründet hat. Wie sie sich gegen sexuellen Missbrauch engagiert und was Virtual Reality damit zu tun hat, erfährst Du hier.

Von Tobias Schuhwerk

So wichtig die Aufarbeitung großer Missbrauchsskandale ist: Sie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den meisten Fällen die Täter aus der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis kommen. Genau hier setzt das Engagement von Sarah Knobloch ein. "Mir ist die Prophylaxe wichtig. Ich will aufklären, damit die Betroffenen Gehör und Hilfe finden. Studien zeigen, dass ein Kind im Schnitt sieben Mal von seinem Missbrauch erzählen muss, bis ihm jemand glaubt. Das darf nicht sein", sagt die 25-Jährige, die vor fünf Jahren einen eigenen Verein gegründet hat.

Das "Projekt Lebenslang e.V." mit inzwischen 50 Mitgliedern und vielen Unterstützern trägt das Tabu-Thema sexueller Missbrauch in die Öffentlichkeit. Sarah Knobloch fährt buchstäblich voran. Mit Hilfe von zwei Sponsoren hat sie ihr Auto großflächig mit dem Wort "Tabubruch" und dem Hinweis auf Homepage und Verein beklebt. Sie hält Vorträge an Schulen, Vereinen oder Hochschulen - und entwickelt immer neue Ideen. Dazu gehört neuerdings auch Virtual Reality. Mit einer VR-Brille und einer speziell erstellten Animation, die in einem Kinderzimmer beginnt, wird das Thema auf beklemmende Art und Weise dargestellt. 

Gleichzeitig geht es um eine wichtige Botschaft an Missbrauchsopfer: "Du bist nicht allein und verloren. Es gibt Menschen, die helfen." Sarah Knobloch, die zugleich im "Weißer Ring" aktiv ist, setzt auch hier auf Aufklärung: "Wir informieren Betroffene darüber, welche Möglichkeiten es gibt." 

Seit sie sich gegen sexuellen Missbrauch engagiert, hat sie viele Blockaden gelöst, wie sie erzählt. "Sehr nahe ging mir das Beispiel einer Bekannten, der viele Jahre lang von ihrem Vater vergewaltigt wurde. Ihre Mutter wusste es - und sah darüber hinweg", sagt Sarah Knobloch. Nach einer kurzen Pause fügt sie an: "So etwas macht mich allein schon beim zuhören fertig." Der Vereinsname "Projekt Lebenslang" soll daran erinnern, dass die Opfer lebenslang an den Folgen leiden. 

Das Engagement von Sarah Knobloch begann vor zehn Jahren. Auslöser war eine Nachrichten-Sendung im Radio. "Da wurde über einen Raubkopierer berichtet, der eine höhere Haftstrafe bekam als ein Sexualstraftäter. Das hat mich aufgerüttelt."

Die damals 15-jährige begann an ihrer Schule, dem Gymnasium Immenstadt, über sexuellen Missbrauch zu informieren. Sie entwickelte einen interaktiven Parcours, der Schüler von der achten bis zur zehnten Klasse sowie deren Eltern zum Nachdenken und zur Diskussion anregte. Davon beeindruckt war die damalige Justizministerin Beate Merk, die die Schule besuchte.

Sarah Knobloch hat das Thema seither nicht mehr losgelassen. Sie fordert, dass an einem Tag pro Schuljahr in allen Klassen über sexuellen Missbrauch gesprochen wird. Und: "Dass jeder Einzelne mit geschärftem Blick und offenen Ohren durch die Gesellschaft geht." 

 

           

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