Wahrzeichen im Ostallgäu
02.07.2019 Land & Leute

Wächter über Kaufbeuren: Wie der Fünfkopfturm seine neue Bestimmung fand

Stadtmauer Ensemble Kaufbeuren
Ab Donnerstag (11. Juli) schauen viele Menschen in der Region nach Kaufbeuren: Dann rückt die Buronstadt mit ihrem historischen Tänzelfest in den Blickpunkt der Allgäuer. Wir nehmen die tollen Kaufbeurer Tage zum Anlass, Dir mehr über das Wahrzeichen der Stadt zu verraten: Unsere Reporterin Marlene stieg die 92 Stufen des Fünfkopfturms hinauf. Von Klaus Müller, dem Vorsitzenden des "Fördervereins Fünfknopfturm" erfuhr sie dabei, was den Turm im Allgäu so einzigartig macht, warum er bis vor wenigen Jahren bewohnt wurde und weshalb man dort inzwischen sogar heiraten kann!

Der Name ist beim "Fünfknopfturm" Programm. Denn der stammt - woher auch sonst - von den von den fünf metallenen Kugeln, die dem Turm hoch oben sein charakteristisches Aussehen verleihen. Angebracht sind die "Knöpfe" an den Dächern der vier Scharwachttürmchen sowie auf der großen Hauptspitze in der Mitte.

Die Bauweise mit vier Ecktürmen sei typisch für das 15. Jahrhundert, erklärt Klaus Müller (64), der Vorsitzende des "Fördervereins Fünfknopfturm" beim allgaeu.life-Ortsbesuch. Die Knöpfe dienten als Dekoration. "Das Einzigartige am Fünfknopfturm ist aber seine Stellung innerhalb der Stadt", sagt Müller. Denn gemeinsam mit der Kaufbeurer Stadtmauer, der St. Blasiuskirche und dem Berggarten des Crescentiaklosters bildet er ein beeindruckendes Mittelalter-Ensemble in der Altstadt. 

Durch seinen Standort auf der Anhöhe des Klosters wirkt das 36 Meter hohe Wahrzeichen Kaufbeurens noch mächtiger. Hinzu kommt das markante Wappenschild auf seiner Vorderseite. Tatsächlich handelt es sich um ein Kriegswahrzeichen, das einen Adler und die Wappen der Türkei, Bulgariens, des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns zeigt, die im ersten Weltkrieg verbündet waren. Ab 1917 konnten Bürger gegen eine Gebühr einen Nagel in das Schild schlagen, die den Familien von Kriegsopfern zugutekam. Die 165 eingeschlagenen großen Nägel stehen heute sinnbildlich für die im Krieg gefallenen Kaufbeurer. 

Im Jahre 1420 erbaut, feiert der Turm im kommenden Jahr seinen 600. Geburtstag. Deshalb soll es im September 2020 ein Turmfest geben, das zum Jubiläum noch größer ausfallen wird. Dabei wird es wieder ein „Turmblasen“ geben, bei dem Musiker auf verschiedenen Türmen der Stadt abwechselnd Stücke spielen, sodass die Musik von allen Seiten hörbar ist, ähnlich wie es früher bei den Türmern gewesen sein muss.

Müller schätzt, dass der Turm etwa seit 1600 ständig von einem Türmer und seiner Familie bewohnt wurde, dessen Aufgabe es war, Signale zu geben und vor Feuer zu warnen. 1920 wurde die Arbeit des Türmers schließlich für überflüssig befunden und der letzte Türmer erhielt eine andere Arbeit, bis er 1928 aus dem Turm auszog.

Im selben Jahr vermietete die Stadt den Turm an eine Familie, die vier Generationen lang dort wohnen bleiben sollte. Eine Tochter blieb jeweils mit Ihrer Familie in dem ungewöhnlichen Domizil, bis 2014 die letzte Tochter aus dem Turm auszog. Der Alltag im Turm war durchaus beschwerlich, wie etwa der Aufstieg über 92 Stufen, auch wenn der Ausblick auf weite Teile des Allgäus für so manches entschädigte.

Nun stand die Frage im Raum, was mit dem Turm zukünftig geschehen soll. An dieser Stelle kam einigen engagierten Stadtführern und Reiseleitern aus Kaufbeuren die Idee, einen Förderverein zu gründen, „um den Turm der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und zu erhalten. Gleichzeitig wollten wir die Kinder Kaufbeurens mit ihrer Stadtgeschichte bekannt machen“, meint Müller.

Die Kosten von etwa 270.000 Euro für die Sanierung übernahmen die Stadt und der Verein gemeinsam - mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen und Gönnern, die das Wahrzeichen von Kaufbeuren bewahren wollten.

Bei den Bauarbeiten kamen teils jahrhundertealte Rissbildungen zu Tage, weshalb Stahlstangen durch die Wände des Turms gebohrt werden mussten. Ein kurioser Fund war ein altes katholisches Mariengebetbuch, das offenbar von einem der Türmer versteckt wurde, da die Stadt und deren Beamte zu dieser Zeit evangelisch waren.

Neben der Statik war die größte Herausforderung der Brandschutz, sodass heute maximal 16 Personen den Turm gleichzeitig betreten dürfen. Außerdem kam der Verein mit dem Standesamt ins Gespräch. Und so kam es, dass sich seit 2018 im Turmzimmer auch Paare das Ja-Wort geben können!

Von Mai bis Oktober finden Führungen im Fünfknopfturm statt. Die Besucher kommen aus dem ganzen Allgäu. „Die Rückmeldungen sind überaus positiv, darüber freuen wir uns natürlich, weil man dann auch für sein Engagement belohnt wird“, sagt Klaus Müller. Der Förderverein-Chef plant mit seinen Mitstreitern in Zukunft laufend neue Ausstellungen, „damit der Turm mit Leben erfüllt wird und bleibt.“

Die Führungen finden von Mai bis Oktober an jedem zweiten Sonntagnachmittag jeweils um 14 und 15 Uhr statt. Sie dauern etwa 45 Minuten (Erwachsene 4 Euro, Kinder 1 Euro). Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Weitere Infos findest du hier: https://www.kaufbeuren-tourismus.de/fuehrungen/fuenfknopfturmfuehrungen.html
Mehr über die Geschichte des Fünfknopfturms erfährst Du auf der Seite des Vereins. https://www.fuenfknopfturm.de/index.html
Weitere Artikel