Zweierlei Konzepte
20.11.2019 Hier & Heute

Verschiedene Jahreskarten beim ÖPNV: Drohen Kempten und dem Oberallgäu ein Ticketchaos?

AZ
Jetzt wird in Kempten und dem Oberallgäu parallel an zwei Preissystemen gearbeitet, um den öffentlichen Nahverkehr für die Menschen attraktiver zu machen: Einem kürzlich beschlossenen 100-Euro-Ticket für den Landkreis Oberallgäu setzt die Stadt Kempten gemeinsam mit dem Ostallgäu sowie der Stadt Kaufbeuren eine möglicherweise 200 Euro kostende Jahreskarte entgegen, verkündete Oberbürgermeister Thomas Kiechle als Vorsitzender der Verkehrsgemeinschaft Mona nach hektischen Beratungen in den vergangenen Tagen. Da zu diesem Verkehrsverbund auch der Landkreis Oberallgäu gehört, passen die beiden Konzepte nicht zusammen.

Die Konzepte: Im Landkreis Oberallgäu soll eine Jahreskarte für Bus und Bahn gleichzeitig gelten. Kiechle hält den Geltungsbereich für „vom Grundansatz her falsch, ich verstehe die klein-strukturierte Denkweise nicht“. Das Mona-Ticket soll in Kempten und Kaufbeuren, im Oberallgäu und Ostallgäu gelten und ist derzeit auf den Bus beschränkt.

So geht‘s gar nicht! - Kommentar von Peter Januschke
Im Oberallgäu und in Kempten wird jetzt an zwei Ticketsystemen gearbeitet, mehr oder weniger aneinander vorbei. Das eine superbillig, das andere vermutlich immer noch sehr günstig.
Das Ganze kann schon deshalb nicht funktionieren, weil das in Kempten favorisierte System auch im Oberallgäu sowie im Ostallgäu und in Kaufbeuren gelten soll. Es kann doch aber nicht sein, dass das Oberallgäu ein 100-Euro-Ticket vorlegt und dann später auf ein - wie viel auch immer - teureres Allgäuticket umstellt. Bei den supergünstigen 100 Euro zu bleiben, Kempten aber auszusparen, würde auf Dauer einen Keil zwischen Stadt und Land treiben und funktioniert daher auch nicht. Kein Mensch hätte Verständnis dafür, in diesem unzerreißbar verknüpften Gebiet beim Umsteigen ein zweites Ticket lösen zu müssen.
Es war richtig und gut, dass die Oberallgäuer jetzt mit ihrem Beschluss eine unumkehrbare Dynamik auslösten. Es wird nicht weitere Jahre diskutiert und verhandelt, sondern es geschieht etwas. Jetzt und nicht am Sanktnimmer-leinstag. Kempten hätte ansonsten vermutlich nur wie bisher häppchenweise weitergemacht.
Da beide Seiten in der Sache irgendwo Recht haben, die Ansätze aber nicht zusammenpassen, bleibt nur eines: So schnell wie möglich in Klausur gehen und die Dinge gemeinsam auf den Weg bringen. Alles andere würde den Verantwortlichen ansonsten ziemlich sicher bei der Kommunalwahl um die Ohren fliegen.
Was kann am Ende dabei herauskommen? Die 100 Euro haben sich bei der Oberallgäuer und auch bei der Kemptener Bevölkerung in den Köpfen festgesetzt.

Die Preise: Das im Oberallgäu vom Kreistag beschlossene Entgelt ist revolutionär: 100 Euro. Ein Jahresticket auf der kurzen Strecke Betzigau-Kempten kostet 503 Euro, die Verbindungen Altusried-Kempten 737 Euro und Immenstadt-Wertach 828 Euro. Der Kemptener Oberbürgermeister wollte sich während der jüngsten Sitzung des städtischen Finanzausschusses und im Gespräch mit unserer Redaktion noch nicht auf einen Mona-Preis festlegen: „Das wäre derzeit noch unseriös.“ Hochrechnungen zufolge könnte eine Summe knapp unter 200 Euro herauskommen.

Die Strecken und Fahrplantaktung: Im Oberallgäu wird mit dem derzeitigen Angebot gearbeitet. Beim Mona-Konzept geht es nach Worten von Kiechle auch um „zeitgleiche Verbesserungen“.

Die Zeitabläufe: Das 100-Euro-Ticket im Oberallgäu soll im April kommenden Jahres eingeführt werden. „Wenn wir das jetzt nicht machen, geht die nächsten Jahre gar nichts voran“, sagt Landrat Anton Klotz. Kiechle hofft auf baldige Berechnungen der Fachleute und Verhandlungsergebnisse der Partner im Frühjahr. Bis zum Sommer 2020 könne eine Umsetzung gelingen.

Die Probleme: Bleibt es bei einem 100-Euro-Ticket für das Oberallgäu, können Fahrgäste aus dem Landkreis damit nur bis zum jeweiligen Endpunkt der Linie in Kempten fahren, in der Regel der Bahnhof oder die ZUM. Steigen sie dort um, um beispielsweise zum Klinikum zu kommen, wären weitere 1,70 Euro für eine Einzelfahrt fällig. Das Oberallgäu kann allerdings kaum beim angedachten Mona-Ticket für den Großbereich mitmachen und dieses im Landkreis auf 100 Euro heruntersubventionieren, räumt Kiechle ein. In diesem Fall müsste der Landkreis ein Vielfaches der momentan erwarteten 1,5 Millionen Euro pro Jahr bereitstellen.

Die politischen Debatten: Der Oberallgäuer Landrat hat „Verständnis dafür, dass Kempten sich uns jetzt nicht sofort anschließt“. Kiechle ist nach wie vor verärgert, dass das Oberallgäu vorgeprescht ist, ohne sich abzustimmen. Quer durch die Fraktionen schlossen sich die Stadträte während der Sitzung des Finanzausschusses seiner Marschrichtung an. CSU-Fraktionsvorsitzender Erwin Hagenmaier „gratuliert dem Oberallgäu für den mutigen Beschluss“ und wünscht „viel Glück“ bei der Umsetzung, in Kempten werde man jedoch zunächst einen anderen Weg gehen.

Landrat Klotz wurde am Dienstag bei einer Anfrage der Allgäuer Zeitung von dem Vorstoß Kiechles überrascht. Er habe tags zuvor noch einen gemeinsamen Termin mit dem Oberbürgermeister wahrgenommen, dieser habe allerdings kein einziges Wort darüber fallen lassen. Keinesfalls werde das Oberallgäu zeitgleich ein eigenes 100-Euro-Ticket sowie zusätzlich eine Jahreskarte für das Mona-Gebiet subventionieren: „Das ist undenkbar, das ist unbezahlbar.“

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