Etwas Aufwand, großer Nutzen
23.11.2018 Land & Leute

Verpackungsfrei einkaufen: Diese Allgäuerin macht's uns vor

„Ein Vollkornbrot und einen Nusszopf bitte“, bestellt Karin Wehle-Hausmann in einer Bäckerei in Marktoberdorf und legt einen Stoffbeutel und eine mitgebrachte Box auf den Tresen. Statt in Plastikfolie und Papiertüte verstaut die Verkäuferin die Gebäckwaren in den mitgebrachten Utensilien. Wenn Wehle-Hausmann einkaufen geht, nimmt sie stets verschiedene Beutel und Behälter mit, denn die Marktoberdorferin bemüht sich seit Jahren, plastikfrei einzukaufen und Müll zu vermeiden.

Ob beim Einkaufen, beim Reisen oder im Alltag: Wehle-Hausmann versucht, in allen Bereichen verantwortungsbewusst zu handeln. „Das ist jeden Tag aufs Neue eine große Aufgabe“, sagt die 60-Jährige. Die Erzieherin fragt sich so immer wieder: „Wie kann ich etwas verändern?“. So fliegt Wehle-Hausmann nicht in den Urlaub, sondern fährt lieber zum Campen.

25 Millionen Tonnen Plastikmüll produzieren die Europäer jedes Jahr laut der Europäischen Kommission. Um den Plastikverbrauch einzuschränken sollen bis 2021 folgende Einwegprodukte verboten werden: Strohhalme, Einweggeschirr und -besteck, Luftballonstäbe, Rührstäbchen für den Kaffee, dünne Plastiktüten, Wattestäbchen, Getränkeverpackungen aus erweitertem Polystyrol und „oxo-abbaubares Plastik“ (ein Material mit Metallbeimischung).
Weniger als 30 Prozent des Plastikmülls in Europa werden recycelt. Die Europäische Union möchte deshalb unter anderem durch neue Vorschriften die Recyclingfähigkeit der Kunststoffe auf dem Markt verbessern. Ebenso sollen größere Recyclinganlagen eingerichtet werden und ein standardisiertes System für die Sammlung und Sortierung von Abfall innerhalb Europas geschaffen werden.
85 Prozent der Abfälle an Stränden weltweit sind Kunststoffe. Sie stellen eine Gefahr für die Meeresbewohner dar. Tiere verhungern mit vollen Mägen, da das Plastik ihren Verdauungsapparat verstopft. Wenn der Plastikkonsum gleich bleibt, wird im Jahre 2050 mehr Plastik in den Ozeanen schwimmen als Fische.
20 Jahre braucht eine reguläre Plastiktüte circa bis sie sich zerlegt. PET-Flaschen benötigen sogar 500 Jahre, verrotten jedoch nicht vollständig. Deshalb ist es umso wichtiger, sie zu recyceln.

Statt einer Plastikzahnbürste benutzt Wehle-Hausmann eine Zahnbürste aus Holz. Ebenso werden Klamotten und Altpapier bei ihr nicht weggeschmissen, sondern umgearbeitet. „Ich werfe Sachen ungern weg und verwende Verpackungen immer wieder“, sagt Wehle-Hausmann. Die 60-Jährige wuchs in der Nachkriegszeit auf. In einer Zeit, in der es nichts im Überfluss gab. „Die Dinge wurden noch wertgeschätzt. Im Gegensatz zur heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft“, bedauert sie.

Jeder Einkauf wird genau geplant

Um ein Zeichen zu setzen und ihr Verhalten vor sich selbst zu verantworten, hat sie deshalb vor circa sechs Jahren ihre Einkaufsgewohnheiten umgestellt. Das Ziel: Plastik und Verpackungen so gut es geht zu vermeiden. „Um nicht so viel Müll zu produzieren, kaufe ich nur so viel, wie ich wirklich brauche“, sagt sie. Wehle-Hausmann plant vor jedem Einkauf, was genau sie braucht.

Die Erzieherin lebt nach ihrer Überzeugung, aber nur bis zu einem bestimmten Maße. Bei gewissen Dingen muss auch sie Abstriche machen. So kommt auch sie beim Einkaufen nicht drumrum, auch mal nach dem ein oder anderen Plastikprodukt zu greifen. „Ich bin kein Freund von Extremen. Ich wäge ab, welches Produkt mit welcher Packung ich kaufe“, sagt Wehle-Hausmann, während sie eine Packung Bio-Hackfleisch in ihren Einkaufswagen legt. Das gibt es nur in Plastik verpackt im Kühlregal.

Sie kauft ihre Nahrungsmittel hauptsächlich in gängigen Supermärkten. „Es ist durchaus möglich mit wenig Aufwand und nicht viel mehr Geld etwas zu bewirken“, sagt Wehle-Hausmann. Sie weiß genau, welche Produkte sie nehmen muss, um Verpackungsmüll zu sparen. So kauft sie die Gurke, die nicht eingeschweißt ist und legt die Bananen lose auf das Kassenband anstatt sie in eine Plastiktüte zu stecken. Die Joghurts nimmt sie im Glas und die Sahne in der Flasche und nicht im Plastikbecher.

Ebenso bevorzugt Wehle-Hausmann Großpackungen. „Dort ist mehr drin. So habe ich wieder eine Verpackung mehr gespart“, sagt sie. Neben einer regionalen Herkunft ist ihr wichtig, dass die Produkte einfach verpackt sind. 

Wehle-Hausmann möchte nicht nur bei sich selbst etwas ändern, sondern auch bei der größten Plastikquelle: in den Supermärkten. Schon öfter hat sie sich mit der Bitte an Geschäftsführer gewandt, Plastiktüten abzuschaffen. Denn das Angebot an Plastikprodukten in den Einkaufsläden ist riesig: kleine Plastiktüten im Gemüsebereich, große Plastiktüten an der Kasse neben unzähligen anderen Verpackungen. Müll, der der Umwelt schadet, weil er nicht vollständig zersetzt werden kann.

„Ich finde es wichtig, sich eine Meinung zu bilden und dazu zu stehen“, sagt Wehle-Hausmann. Andere Menschen reagieren durchaus positiv auf ihre Bemühungen und auch Probleme habe es noch nie gegeben. Und selbst wenn es mal zu einer Diskussion komme, sei das gut, „da die Menschen anfangen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, findet Wehle-Hausmann.

Keine Kaffeebecher mit Plastikdeckel mehr im Café, keine Strohhalme in der Bar und keine kleinen Plastiktüten mehr im Supermarkt: Das geplante Einwegverboterbot, für das sich die EU ausgesprochen hat, bedeutet nicht nur eine Umstellung für den Verbraucher, sondern auch für die Gastronomie und Industrie. Ein Problem für die Cafés und Läden in Marktoberdorf? Wir haben uns umgehört.

Café Für das Café Torino und Café Muckefuck stellt das Verbot kein Problem dar. So wird im Café Torino ein To-Go Becher verkauft, der wiederverwendet werden kann. Besitzerin Franziska Uhl ist es wichtig, Abfall zu reduzieren. "Ich befülle aus Prinzip jeden Becher mit Kaffee, auch wenn er nicht bei mir gekauft wurde", sagt Uhl. Dass Einwegbecher bald verboten werden könnten, findet sie gut. Auch das Café Muckefuck hat kein Problem mit dem Verbot. Das Café verwendet ausschließlich Glashalme und Bambusbecher. "Ein Verbot stört uns deshalb nicht im Geringsten", sagt Mitarbeiterin Katrin Haslach.

Bäckerei Plastikverbrauch reduzieren: Das versucht auch die Bäckerei Druckmiller. "Ich wasche mir lieber ein paar Mal mehr die Hände, als jedes Mal neue Plastikhandschuhe anzuziehen", sagt Mitarbeiterin Angelika Fritsch. Ebenso verpacken sie die Ware der Kunden gerne in mitgebrachte Boxen, auch wenn sie diese aus Hygienegründen nicht über die Theke heben dürfen.

Supermarkt Auch das Lebensmittelunternehmen Feneberg unterstützt das Einsparen von Plastikmüll. "An unseren Bedientheken können Kunden zum Beispiel mit selbst mitgebrachten Behältern einkaufen", sagt Pressesprecherin Sonja Kehr. Ebenso arbeite das Unternehmen gerade daran, in Kürze wiederverwendbare Obst- und Gemüsenetze anzubieten. "Ein Verbot von Einwegprodukten aus Plastik stellt für uns kein Problem dar, weil wir bereits jetzt Alternativen anbieten", sagt Kehr. So können Kunden anstatt der Plastiktüte Papiertüten, Stofftaschen, oder Einkaufsboxen aus Pappe kaufen.

Geschäfte Der Kampf gegen Plastiktüten hat auch in den Mode- und Einkaufläden Einzug gehalten. Seit über zweieinhalb Jahren sind die Tüten dort für Kunden kostenpflichtig. Seitdem ist laut dem Handelsverband Deutschlandder Verbrauch von Kunststofftüten um mehr als ein Drittel gesunken. 
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