Leicht? Schwer? Mittel?
11.10.2019 Land & Leute

Tückische Touren-Schilder: Unterschiedliche Kategorisierungen verwirren Bergsteiger im Allgäu

In den Allgäuer Bergen gibt es unterschiedliche Kategorisierungen. Warum das zu gefährlichen Irrtümern führen kann.

Ein auf Hinweisschildern schwarz bezeichneter Bergweg ist schwierig zu begehen und fordert ein Mindestmaß an alpiner Erfahrung. Blaue Routen sind leicht, ein roter Punkt bedeutet „mittelschwer“. So sieht es zumindest nach der Klassifizierung der Wanderwege aus, wie sie der Deutsche Alpenverein empfiehlt. Diese Systematik ist beispielsweise in Teilen Oberbayerns zu finden, während es im Allgäu und in Vorarlberg (beispielsweise im Bregenzerwald) eine komplett andere Kategorisierung gibt. In Tirol wird in der Regel nur zwischen zwei Farben unterschieden: Schwarze Wege gelten als schwierig, mittlere und eher leichte sind auf Wegweisern rot gekennzeichnet.

„Wir werden immer wieder auf diese Unterschiede angesprochen“, berichtet Thomas Bucher, Pressesprecher des Alpenvereins in München. Der weltweit größte Bergsteigerverband hält eine einheitliche Systematik für wünschenswert. Doch das sei wohl „Zukunftsmusik“, heißt es in einer Beschreibung des Bergwegekonzepts.

Es wäre schon wünschenswert, wenn zumindest in den Allgäuer Alpen, also in Bayern und in Tirol, eine einheitliche Ausweisung des Schwierigkeitsgrades gelten würde.  Wandertrainerin Heike Tharun.

Zu welchen Irritationen unterschiedliche Systeme führen können, erleben Wanderer derzeit beispielsweise im Oberallgäu. Da gibt es Schilder nach dem Allgäuer Modell, auf denen der Hinweis auf den Hochvogel (2592 Meter) blau markiert ist. Demgegenüber tragen Schilder auf demselben Anstieg nach der Tiroler Kategorisierung schwarze Punkte. Ja was nun? Ist der Berg leicht oder schwer zu ersteigen? Letzteres ist natürlich richtig: Der Hochvogel setzt einen trittsicheren und erfahrenen Bergwanderer voraus.

„Es wäre schon wünschenswert, wenn zumindest in den Allgäuer Alpen, also in Bayern und in Tirol, eine einheitliche Ausweisung des Schwierigkeitsgrades gelten würde“, findet Heike Tharun. Die Mainzerin bietet in der Region regelmäßig Sport-Mentalcoachings sowie Wandertrainings an. „Damit Du nicht verwirrt bist, ständig grübeln musst, wo Du bist und welche Markierung gerade was bedeutet.“ Im schlimmsten Fall könnte es passieren, dass ein Wanderer auf einen Steig gelang, mit dessen Schwierigkeitsgrad er absolut überfordert ist. Beispielsweise, weil er die blaue Markierung für den Hochvogel (Allgäuer Systematik) als „einfach“ interpretierte. Weil blaue Routen nach der DAV-Systematik als wenig anspruchsvoll gelten.

Wie bei Skipisten

Dabei ist die vom Alpenverein empfohlene Kategorisierung eigentlich recht einleuchtend, findet Heike Tharun: Die Systematik lehnt sich an die Bewertung von Skipisten an: Leichte Pisten sind blau, mittelschwere sind rot, schwarze Pisten sind steil oder gar extrem abschüssig. Diese alpenweite Skipisten-Bewertung kennen meist schon die Kinder.

In einem Teil der Allgäuer Alpen hat jetzt ein neues Schilder-Zeitalter begonnen. Entlang der 80 Kilometer langen Grenzgänger-Route im Raum Tannheimer Tal/Bad Hindelang/Hinterstein sind 242 Schilder nach der Allgäu-/Vorrarlberg-Systematik abgebaut und durch Tafeln ersetzt worden, die mit ihrer Systematik dem Tiroler Modell (schwarze und rote Wege) entsprechen.

Die neuen Schilder hätten neben der einheitlichen farblichen Kategorisierung auch noch einen anderen Vorteil, findet Grenzgänger-Projektleiter Thilo Kreier: Sie sind signalgelb und deshalb auch bei schlechten Sichtverhältnissen zu finden, beispielsweise bei Nebel. Mehrere Helfer waren wochenlang unterwegs, um alle Markierungen anzubringen. „Ein Schild wiegt 1,4 Kilogramm“, sagt Kreier. Bei der Schilder-Tauschation packte ein Helfer jeweils zwölf Schilder und montierte sie an den jeweiligen Standorten. Und die alten Hinweistafeln mussten natürlich wieder mit ins Tal genommen werden.
Inzwischen sei der Grenzgänger-Weg durchgängig einheitlich beschildert, sagt Projektleiter Kreier über das von der EU geförderte Projekt. Dabei wurden verschiedene Wegabschnitte bereits saniert, bis 2021 sollen weitere Teilstücke folgen. Dann ist „der Grenzgänger“ als mehrtägiger Etappenweg fertig.


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