Integratives Wohnen
27.11.2019 Land & Leute

Tolles Projekt! Lerne die alternative Vorzeige-WG in Kaufbeuren kennen

Integrative WG
Menschen mit und ohne Behinderungen leben in Kaufbeuren in einer integrativen Wohngemeinschaft zusammen. Das geht? Na klar! "Wir sind ein super Team", sagen die fünf Ostallgäuer WGler und verraten hier, wie die Idee der Lebenshilfe zu einem tollen Erfolg wurde.

Inklusion braucht Geduld. Das ist eine der Hauptlehren, die Hannah Rieger, Ansprechpartnerin für Inklusion bei der Lebenshilfe Ostallgäu, aus der alternativen Wohngemeinschaft in Kaufbeuren gezogen hat. Nahe der Innenstadt gibt es seit November 2016 eine integrative WG, bestehend aus zwei Bufdis (Bundesfreiwilligendienstleistende), einem FSJler (Freiwilliges-Soziales-Jahr-Leistender) und zwei Menschen, die Unterstützung benötigen, um ihren Alltag zu bewältigen.

Das Zusammenleben soll den beiden die Möglichkeit geben, so eigenständig wie möglich zu wohnen. Die Lebenshilfe Ostallgäu, die Kulturwerkstatt Kaufbeuren und die Antonie-Zauner-Stiftung stehen hinter dem Projekt, das heuer sein dreijähriges Bestehen feiert.

Der 53-jährige Johann ist einer der beiden Menschen mit Behinderung, die dort wohnen. Er ist ein Alteingesessener, seit der Gründung der WG dabei. Moritz macht gerade seinen Bufdi bei der Kulturwerkstatt um die Ecke. Der 19-Jährige ist mit der anderen Freiwilligen der Kulturwerkstatt, Lara, erst im September in die fünfköpfige WG gezogen. Davon merkt man bei Kaffee und Kuchen an dem großen Küchentisch jedoch nicht viel – die Bewohner gehen miteinander um, als würden sie sich seit Jahren kennen.

Endlich raus aus dem Wohnheim

In der Küche wartet Yannick, der zweite Bewohner der Lebenshilfe. Seine ruhelosen Hände spielen immer mit etwas. Er und Johann wohnen schon am längsten in der WG – seit sie 2016 gegründet wurde. Die anderen Bewohner haben zwischenzeitlich alle gewechselt, doch eine bunte Mischung aus Fotos an Yannicks Zimmerwand erinnert an „die Alten“. Der 24-Jährige denkt gerne an sie und ist froh, seinem Wohnheim entkommen zu sein. „Da gab es kindergartenmäßige Regeln im Wohnheim, und am Wochenende durften wir auch nicht lange raus“, beschwert er sich.

Der Fünfte im Bunde ist Illia aus der Ukraine. Der 22-Jährige macht ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Lebenshilfe, und dazu gehört das Leben in der WG. An manchen deutschen Vokabeln hapert es zwar noch, aber das Denglisch ist stilsicher. „Außerdem wir probieren lernen ukrainisch“, gibt er grinsend zu. Johann und er müssen zwar oft in Zeichensprache kommunizieren, aber ernsthafte Probleme gebe es nicht – nur sein Brot verschwinde dank Johanns innovativem Sinn für Ordnung manchmal. Da es aber bei Nachfrage immer wieder auftaucht, ist das kein Problem für Illia.

Hannah Rieger erklärt die Idee der WG: „Menschen mit Behinderung wohnen mit Menschen ohne Behinderung zusammen. Ganz einfach, ohne die Menschen mit Behinderung in irgendeiner Art in den Mittelpunkt zu stellen.“ Und das Verhältnis ist keinesfalls eines zwischen Pfleger und Patient. „Wir sind ein spitze Team“, sagt Johann über seine Mitbewohner.

Keine Betreuer, sondern Mitbewohner

Moritz betont, dass Lara, Illia und er „keine Betreuer der anderen sind, sondern Mitbewohner. Wir sind alle auf dem gleichen Level.“ Deshalb kommt regelmäßig jemand, um Johann zum Beispiel beim Kochen zu helfen. Yannick hingegen kann sich gut um sich selbst kümmern. Johann und Yannick können sich allzeit mit ihren Problemen an die Lebenshilfe wenden, und dieser Service wird auch von ihren Mitbewohnern gerne genutzt. „Es sind oft die Menschen ohne Behinderung, die Hilfe brauchen – gerade, wenn sie noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Behinderten haben“, erklärt Hannah.

Das WG-Leben ist von Aktivitäten geprägt, bei denen niemand ausgeschlossen wird. Johann hat eine besondere Vorliebe für Kniffel, Yannick schwelgt in Erinnerungen ans „Party machen“ und Konzerte seiner Lieblingsband Jamaram. Während Yannick den Eindruck vermittelt, dass die nächste Fete gar nicht schnell genug kommen kann, hat der 53-jährige Johann es lieber behäbiger. Er ist bei der Produktion von Zunder ganz in seinem Element. Von seinem Zimmer zweigt eine kleine Werkstatt ab, in der kistenweise Palettenreste darauf warten, verarbeitet zu werden.

Es sind oft die Menschen ohne Behinderung, die Hilfe brauchen – gerade, wenn sie noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Behinderten haben.
Hannah Rieger

Johann arbeitet hingebungsvoll, und nach fünf Minuten konzentrierten Hantierens kommt tatsächlich ein perfektes Produkt heraus. „Johanns Zunder“ verschickt der 53-Jährige an Verwandte bis nach Hamburg. Er hat neben seinen flinken Fingern auch eine natürliche Veranlagung zum Gastgeber. Kaum in der Küche, bietet er schon Tee an. Deshalb ist es wohl kein Wunder, dass die WG sich meistens beim Tee auf einen Plausch trifft, WG-Angelegenheiten bespricht und den nächsten Ausflug plant.

Die Bewohner schenken sich traditionell gegenseitig Ausflüge, was die lästige Geschenksuche für konsumscheue Mitbewohner sehr vereinfacht. Als nächstes steht ein gemeinsamer Geburtstagsausflug für Lara zum Tollwood-Weihnachtsmarkt nach München an.

Ganz diskussionsfrei läuft auch das Kaffeekränzchen nicht ab. Yannick erklärt, dass die Veganerin Lara „nur Gemüse“ esse, mit einem so spitzbübischen Grinsen, dass die Angesprochene in den Köder beißt und in einen kurzen Exkurs zum Thema „Vegane Vielfalt“ eintaucht. Danach wird die nächste Tasse Tee serviert.

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