Landrat fordert Umdenken
13.11.2019 Wissen & Quizzen

Statt Diesel: Sind Wasserstoff-Züge eine Alternative fürs Allgäu?

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Auch im Allgäu wird der Ruf nach umweltfreundlicheren Bahnverbindungen immer lauter. Ein Meilenstein: Die Elektrifizierung der Strecke zwischen Lindau und München über Memmingen. Das war's aber auch schon - andernorts fahren die Züge in unserer Region weiterhin mit Diesel. Deshalb hat der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz jetzt Wasserstoff-Züge vorgeschlagen. Hier liest Du, welche Chancen neue Techniken eröffnen und wie realistisch eine weitere Elektrifizierung ist...

Das Problem ist bekannt: Das Allgäuer Schienennetz gilt als größtes „Dieselloch“ Deutschlands. Das wird sich zwar Ende nächsten Jahres ändern, wenn die elektrifizierte Strecke zwischen München und Lindau über Memmingen in Betrieb geht. Aber das war´s dann auch. Eine Umrüstung weiterer Strecken im Allgäu auf elektrischen Antrieb ist zumindest kurz- und mittelfristig aber kein Thema.

Deswegen hat der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz wiederholt ein Verfahren ins Gespräch gebracht, bei dem – vereinfacht gesagt – aus Wasserstoff Strom zum Antrieb gewonnen wird: die Brennstoffzellentechnik.

Info - Elektrische Antriebe:
>> Wasserstoff in Gasform entsteht durch Elektrolyse aus Sonnen-, Wasser- oder Windenergie sowie durch Dampfreformation und steht in fast unbegrenzter Menge zur Verfügung. Der Brennstoffzellenantrieb (Wirkungsgrad 70 Prozent) nutzt die Reaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff. Dabei wird im Wasserstoff gespeicherte Energie als Strom freigesetzt, der einen Elektromotor antreibt. Als Endprodukt entsteht kein Abgas, sondern Wasser.

>> Elektrifiziert sind in Deutschland 60 Prozent aller Bahnstrecken. Bis 2025 soll der Anteil laut Koalitionsvertrag auf 70 Prozent steigen. In Bayern liegt der Elektrifizierungsanteil derzeit bei 50 Prozent. Er soll bis 2025 auf 60 Prozent steigen.

Um mehr darüber zu erfahren, lohnt eine Fahrt nach Niedersachsen. Dort gibt es nicht nur mehrere Werke des Schienenfahrzeugherstellers Alstom, sondern zwischen Cuxhaven und Buxtehude ist seit September 2018 auch Deutschlands erster Wasserstoff-Zug im Dauereinsatz.

Das Fahrzeug vom Typ „Coradia iLint“ habe kurz zuvor beim Eisenbahn-Bundesamt die Zulassung für den Personenverkehr in Deutschland erhalten, teilte Alstom mit. Nach Unternehmensangaben sind zudem aus Niedersachsen 14 Fahrzeuge und aus Hessen sogar 27 Wasserstoffzüge bestellt worden. „Aktive Vertragsverhandlungen“ gebe es mit anderen Bundesländern.

Einer, der sich seit geraumer Zeit für die Wasserstoff-Technologie auch auf der Schiene interessiert, ist der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. „Da tut sich Einiges“ sagt er und verweist auf die rasante technische Entwicklung und auf die Aufgeschlossenheit von Unternehmen im Oberallgäu. Erst kürzlich habe sich eine Allgäuer Delegation mit dem Bundestagsabgeordneten und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und dem Kaufbeurer Abgeordneten Stephan Stracke davon überzeugen können, dass das Zulassungsverfahren für neue Loks mit Wasserstofftechnik bei Siemens derzeit laufe.

Einsatz zur Nordischen Ski-WM 2021

Landrat Klotz will auf jeden Fall, dass bei der Nordischen Ski-WM Anfang 2021 Wasserstoff-Züge zwischen Kempten und Ulm eingesetzt werden. Eine Zusage von Hersteller Alstom für das Fahrzeugmaterial gebe es. Zustimmen müsste aber auch noch die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die im Auftrag des Freistaats den Schienen-Nahverkehr ausschreibt und an Eisenbahngesellschaften vergibt. Klotz hält zudem an seiner Idee fest, Züge mit Wasserstoffantrieb zwischen Ulm und Oberstdorf einzusetzen. Zumindest so lange, bis diese Strecke elektrifiziert ist. Diese Verbindung würde sich für diese Technik anbieten, da keine großen Steigungen zu überwinden sind.

Der frühere Westallgäuer Bundestagsabgeordnete Eberhard Rotter sitzt im Aufsichtsrat der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) und ist Vize-Vorsitzender der CSU-Verkehrskommmission. Er sagt über Wasserstoff-Züge: „Früher war ich da mal euphorischer.“ Rotter glaubt nicht, dass in den bestehenden Fahrplan Wasserstoff-Zugverbindungen einfach so eingeflochten werden können, ohne dass die bestehenden Anschlussmöglichkeiten durcheinander geraten.

Nichts für Neigetechnik

Rotter („Was einfach klingt, ist schwierig im Detail“) will sich einem Test aber nicht verschließen. Ganz ungeeignet wären solche Züge dort, wo mit Neigetechnik gefahren wird. Zudem seien die meisten Strecken an Verkehrsträger bis 2029/30 vergeben. In den Verträgen ist auch das Antriebssystem festgeschrieben. Rotter: „Elektrifizierung ist das, was am meisten Sinn macht.“

Das sieht Martin Sambale vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (Eza) ähnlich. Der Wirkungsgrad von elektrisch fahrenden Zügen sei deutlich besser als der von Wasserstoffzügen. Dennoch befürworte er ein Pilotprojekt, sagte Sambale. Die eindeutigen Vorteile der Wasserstofftechnologie lägen aber im Bereich des Schwerverkehrs und als Antrieb für Busse.

Der Oberallgäuer Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Gehring meinte, eine Mobilitätsoffensive sei wichtig. Aber: „Wir sollten uns nicht verzetteln, der eine will Wasserstoff-Züge, der andere eine Seilbahn.“ Die Elektrifizierung aber sei „das A und O“. Gehring sagte dabei sei in erster Linie der Bund gefragt. Auch der Freistaat sollte sich nach dem Vorbild von Baden-Württemberg finanziell engagieren.

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