Live gucken im Internet
07.11.2018 Sport & Action

Sprade.tv-Erfinder: Dieser Allgäuer macht tausende Eishockey-Fans glücklich

Stell Dir vor, Dein Lieblingsverein spielt auswärts – vielleicht sogar das entscheidende Match um Meisterschaft oder Abstieg. Und Du kannst es nicht sehen… Für tausende Eishockeyfans gehört diese Vorstellung der Vergangenheit an. Und das nicht nur in Deutschlands Top-Liga DEL. Denn seit geraumer Zeit streamt die Internet-Plattform Sprade.tv alle Spiele der zweiten Liga und viele Drittliga-Partien (darunter die des ECDC Memmingen) live auf die Tablets oder TV-Geräte der Fans. Einer der Erfinder des Projekts ist der Westallgäuer Christian Müller. allgaeu.life hat ihn getroffen.

"Sprade.tv lohnt sich für uns in jedem Fall." Michael Kreitl, Geschäftsführer des klassenhöchsten Allgäuer Eishockeyclubs ESV Kaufbeuren, ist voll des Lobes. Seit der Saison 2015/16 werden alle Heimspiele des ESVK per Livestream im Internet übertragen. "In den Play-offs letzte Saison gegen Bad Nauheim hatten wir einmal 1.500 Buchungen. Zuletzt im Heimspiel gegen Frankfurt waren es rund 750." Im Schnitt über 500 Zuschauer klicken sich aktuell für 5,50 Euro pro Spiel in den Livestream der Buron Joker.

"Dabei hatten wir am Anfang etwas völlig anderes geplant", verrät Christian Müller (45) im allgaeu.life-Interview. Der Westallgäuer ist Geschäftsführer und einer der Hauptgesellschafter der Sports Trade GmbH, die sich hinter Sprade.tv verbirgt. Zusammen mit vier Bekannten aus ganz Deutschland hatte er die Firma 2011 gegründet. "Wir wollten eigentlich eine Art Facebook für Eishockeyspieler und Fans ins Leben rufen. Eine Internet-Plattform, in der sich Spieler präsentieren und anbieten können und in der auch alle Statistiken zu finden sind."

Doch dann richtete sich der Blick nach Ostdeutschland, wo die Zweitligisten Weißwasser und Crimmitschau eine Vorreiterrolle in Sachen Videoaufzeichnung einnahmen. "Sie haben ihre Spiele gefilmt und auf DVD gebrannt. Wir haben dann gesagt: Ihr kümmert euch um die Aufnahmen und Kommentatoren, wir übernehmen die technische Seite der Übertragung, die Bezahlabwicklung und versuchen, die Spiele zu verkaufen", erzählt Müller über die Anfänge. 

Sieben Jahre später sind alle 14 Vereine der DEL 2 an Bord, jedes Spiel aus Deutschlands zweithöchster Liga wird live im Internet übertragen. Und der Wachstumskurs geht weiter: Auch eine Klasse tiefer, in der Oberliga, machen immer mehr Clubs mit. Im Süden ist neben den Traditionsstandorten Riessersee, Landshut, Regensburg und Rosenheim seit dieser Saison der Allgäuer Vertreter ECDC Memmingen neu dabei. Für die Fans ist es ganz einfach, ein Spiel ihres Lieblingsteams zu buchen: Nach der Registrierung auf Sprade.tv klickt man auf die gewünschte Partie, bezahlt wird per Kreditkarte, Sofort-Überweisung oder Abbuchung vom Konto.

Zuschauer auf der ganzen Welt

"Die Zuschauer sind überwiegend Fans des jeweiligen Auswärtsteams, die nicht mitfahren konnten. Wir haben aber auch Buchungen aus der ganzen Welt: Der Auswanderer in Thailand schaut bei uns genauso zu wie die Familien von Kontingentspielern in Nordamerika", erzählt Christian Müller. 5,50 Euro pro Partie (5 Euro in der Oberliga) zahlen eingefleischte Fans gerne mal, um live mit ihrem Team mitfiebern zu können.

Zumal auch die Vereine von jedem Sprade.tv-Zuschauer profitieren. Wie groß der Betrag ist, den der übertragende Club pro Buchung bekommt, will Müller nicht verraten, aber: "Der Löwenanteil geht an den Verein. Sie bekommen durch uns einen extremen Mehrwert, auch finanziell."

Viel ehrenamtliche Arbeit, aber auch gute Zusatzeinnahmen für die Vereine

ESVK-Geschäftsführer Michael Kreitl bestätigt dies und spricht von den Sprade.tv-Einnahmen als "schönen zusätzlichen Sponsor." Dafür müsse der Verein natürlich zu allererst in die entsprechende Technik investieren, etwa Kameras und die entsprechende Live-Streaming-Software kaufen. Und: Ein großes, kompetentes Medienteam muss zusammengestellt werden – Leute, die fast ausnahmslos ehrenamtlich filmen, Interviews führen und die Spiele kommentieren. "Sechs bis neun Personen arbeiten bei uns an der Live-Übertragung. Zuletzt haben wir in eine neue Rundumkamera investiert, die an der Hallendecke angebracht ist.  Aber wir haben jeden Cent wieder reinbekommen", so Kreitl.

Beim Oberligisten Memmingen haben sich nach anfänglicher Skepsis sogar über zehn Ehrenamtliche gefunden, die an der Neuerung mitarbeiten. "Ich sage den Vereinen immer: Ihr könnt nur gewinnen.  Wenn ein TV-Sender wie Sky so eine Übertragung stemmen soll, kostet das den Verein 10.000 bis 15.000 Euro, wenn die mit Übertragungswagen und Personal anrücken. Bei uns bekommen die Clubs sogar Geld", so Christian Müller. 

Auch die Befürchtung mancher Clubverantwortlicher, dass durch die Live-Übertragungen Zuschauer im Stadion wegbleiben könnten, hat sich nach seinen Worten in keinem Fall bestätigt. "Im Gegenteil: Wir haben eine Schwungmasse erzeugt. Mehr Aufmerksamkeit für die Sportart Eishockey hat in der DEL 2 auch zu mehr Besuchern in den Stadien gesorgt", so der gelernte Bauingenieur mit einem Bachelor in Business Administration. ESVK-Manager Kreitl stimmt zu: "Sprade.tv kann nicht die Stadionatmosphäre ersetzen. Aber es kann Leute abholen, die verhindert sind, etwa weil sie krank sind oder die Auswärtsfahrt beruflich nicht hinkriegen." Bei den Buron-Jokern haben seit letzter Saison sowohl die Zuschauer im Stadion als auch im Livestream kontinuierlich zugenommen.

Geschäftsführer Müller spricht deshalb von einem einzigartigen Erfolgsmodell seiner Sports Trade GmbH. Durch immer besser werdende Internet-Leitungen und gute Übertragungstechnik bekommen auch Semi-Professionelle und Ehrenamtliche heutzutage Übertragungen in ansprechender Qualität hin. Kein Wunder, dass immer mehr Clubs auch unterhalb der DEL 2 mitmachen. Durch den zweiten Geschäftsführer, den ehemaligen Zweitliga-Profi Marcel Linke, haben die Sprade-Verantwortlichen längst Kontakte nach ganz Eishockey-Deutschland.

"Wir haben als Garagenfirma begonnen, durch das coole Geben und Nehmen mit den Vereinen sind wir zu dem geworden, was wir heute sind", resümiert Christian Müller. Inzwischen betreut seine Firma auch die Homepage und App der DEL 2. Eine Ausdehnung des Livestreamings auf andere Sportarten sei denkbar, so der Westallgäuer – gibt aber zu bedenken: "Eine so stabile und geile Fanbase wie im Eishockey gibt's fast nirgends." Deshalb prüfen die Macher gerade eine mögliche Kooperation mit der ersten österreichischen Eishockey-Liga. Zukunftsmusik. Das nächste Projekt aus Wangen steht bereits in den Startlöchern. Mit thefan.fm gibt es ganz frisch ein Podcast- und Videoportal, auf dem es schon Highlight-Videos und interessante Fantalks zum Anhören gibt. "Die Idee dahinter ist: Jeder kann zum Fan-Reporter werden. Egal ob Eishockey oder Fußball, hier können die Fans noch näher an ihren Lieblingsverein heranrücken", sagt Müller.

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