Fette Abschieds-Party
13.12.2018 Land & Leute

So schräg rockt sich der Kaufbeurer Sparkassen-Boss in die Rente

Ein Sparkassen-Boss geht in Rente... Keine Nachricht wert? Von wegen! Denn dieser Abschied war alles andere als gewöhnlich! Zehn Jahre lang war Winfried Nusser Chef der Kreis- und Stadtsparkasse in Kaufbeuren. Jetzt ist Schluss. Doch bei seiner Verabschiedung ließ es der 64-Jährige noch mal so richtig krachen! Mit seiner Hobby-Rock-Band legte der 64-Jährige einen irren Auftritt hin, den wir hier im Video zeigen. Doch Nusser kann auch ernst. Im AZ-Gespräch blickt er auf ein dramatisches Erlebnis zurück, das seinem Leben eine tragische Wendung gab.

Wie ist das eigentlich, wenn der Vorstandsvorsitzende einer Sparkasse sein Büro ausräumt, weil er nun in den Ruhestand geht? Ziemlich normal, so viel kann man sagen. Eigentlich wie bei jedem anderen Mitarbeiter auch. Zehn Jahre war Winfried Nusser (64) Chef der Kreis- und Stadtsparkasse, dieser Tage stapeln sich in seinem Büro in der Kaufbeurer Ludwigstraße die Umzugskartons.

Vertrauliche Unterlagen werden archiviert oder geschreddert. Anderes, persönlichen Dinge, Erinnerungen, seine Kontoauszüge, bringt er heim. Abschiedsbesuche, viele Anrufe, Schlüsselübergabe, noch einmal Unterschriften. Aber auch Umarmungen und Tränen. Dazwischen ein Gespräch über das, was war und was kommt. Winfried Nusser ist nachdenklich und nimmt sich Zeit für die Antworten auf Fragen …

Zu seiner Band 

Die Liebe zur Musik begleitete den Kaufbeurer, mal mehr, mal weniger, ein Leben lang. Er spielte als Jugendlicher Gitarre. Nach seinem 60. Geburtstag wurde es dann wieder ernst. Mittlerweile gibt es eine Band „Lehman Brothers“, eine ironische Anspielung auf den Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank und den Höhepunkt der Banken- und Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008. Der Name wurde aber nur für die Verabschiedungfeier gewählt. Mit Roman Harasymiw (Sologitarre), Robbie Hochwind (Gesang, Orgel, Gitarre und Soloeinlagen), Heinz Gom (Rhythmusgitarre), Helmut Harrer (Gitarre) und Willi Fritz (Schlagzeug) absolvierte Nusser (Bass) auch schon halböffentliche Auftritte mit 1960er und 1970er Rock. Zuletzt hat er sich mit der Band und dem Song Susie Q von seinen Mitarbeitern verabschiedet. „Wir sind nicht schlecht“, sagt Nusser. „Da kommt noch mehr.“

Zu Dingen, die er vermissen wird 

„Kurz und bündig: Meine Mitarbeiter und Kollegen“, sagt er. Für sein Minikonzert vor der Belegschaft legte er demonstrativ die Krawatte ab, die er nun nie wieder tragen wolle, knöpfte unter dem Applaus des Publikums sein Hemd auf. Den Auftritt absolvierte er im T-Shirt, das er darunter trug. Und was wird er nicht vermissen? „Die permanente Präsenz in der Öffentlichkeit“, sagt er.

Zu Wendungen im Leben 

Es war der 11. September 2017, als Nussers Leben eine tragische Wendung nahm. Er und sein Segelpartner gerieten nachts bei schwerer See im Mittelmeer in Seenot. Sein Freund ertrank trotz einer dramatischen Rettungsaktion, er selbst überlebte schwer verletzt. Nusser hat lange dieses traumatische Ereignis aufarbeiten müssen. „Der Blick auf das Leben verändert sich.“ Es möge wie ein Klischee klingen, aber dann ist es eben doch so, dass der Maßstab, was wichtig ist und was nicht, sich grundlegend verschiebe.

Zu seinem Start in Kaufbeuren 

Mit seinem Dienstantritt in Kaufbeuren veränderte auch die globale Finanzkrise für die Banken alles. „In einer solchen Situation kann man keinen Blumentopf gewinnen“, erinnert sich Nusser an seine ersten Jahre. Die Bankenaufsicht hält seitdem sowohl die Großbanken, aber eben auch die Sparkassen und die Genossenschaften an der kurzen Leine, verschärft die Regulatorik. Es folgte die Niedrigzinsphase, die den Banken die Erträge wegbrechen ließ. Filialen wurden auch bei der Sparkasse geschlossen, neue Geschäftsmodelle erschlossen. Das Internet und die Digitalisierung halten immer mehr Einzug. „Wir sind heute ein sehr gesundes Haus“, sagt Nusser, „und auf einem guten Weg.“ Aber auch das: „Wir alle mussten unseren Beruf ein gutes Stück weit neu lernen.“ 

Zur Politik 

Die Kreis- und Stadtsparkasse Kaufbeuren gehört je zur Hälfte der Stadt Kaufbeuren und dem Landkreis Ostallgäu. Ein Vorstandsvorsitzender muss also auch immer die Strömungen in der Politik erkennen und sich im Verwaltungsrat mit Oberbürgermeister, Landrätin, den entsandten Stadt- und Kreisräten sowie Unternehmern auseinandersetzen. „Es hilft, auch mal wie ein Politiker zu denken“, sagt Nusser. „Aber das geht angesichts hochkomplexer wirtschaftlicher Fragen nicht immer.“ Als Nusser sich vor zehn Jahren beworben und vorgestellt hat, war seine Frage auch: „Wie groß ist der Einfluss der Politik auf die Sparkasse?“ Die Antwort habe ihn zufriedengestellt, und er sei in den folgenden Jahren nie enttäuscht worden. Eine kommunale Haushaltssanierung mit Sparkassengewinnen oder Fusionsbestrebungen seien in seiner Amtszeit zwar immer mal diskutiert, aber letztlich nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurden.

Zu Großbanken 

Ziemlich genau 40 Jahre war Nusser dem Bankgeschäft treu. Gelernt hat er Industriekaufmann, danach folgte ein Studium der Betriebswirtschaft. 24 Jahre seines Berufslebens verbrachte er bei der Bayerischen Vereinsbank und Hypovereinsbank, 16 Jahre bei der Sparkasse, davon sechs Jahre als Vorstandschef in Altötting und zehn Jahre in Kaufbeuren. Er kennt den Unterschied zu den Großbanken aus eigener Erfahrung. „Dort ist vieles ausschließlich ertragsgetrieben, die Rendite muss stimmen“, sagt er. Natürlich müsse das Ergebnis auch bei der Sparkasse stimmen. Aber die Verwurzelung in der Region und die kommunalen Eigentümer seien auch Verpflichtung. Dazu zähle, dass die Sparkasse in der Region in Vereinen und Institutionen präsent sei und diese mit Spenden fördere, aber auch als Investor auftrete. Der Neubau des Sparkassen-Parkhauses Süd, die Sanierung der Sparkassen-Hauptstelle mit der Passage und des Gebäudes am Salzmarkt wären ohne diesen öffentlichen Auftrag so sicher nicht denkbar gewesen. 

Zu größten Herausforderungen 

Nusser übernahm Ende der 1990er Jahre einen Bereich bei der Hypovereinsbank, der heute umgangssprachlich mit Schrottimmobilien umschrieben wird. Die Finanzierung dieses Steuersparmodells mit überteuerten Gebäuden, das die Immobilienbranche Anfang der 1990er Jahr entdeckt hatte, brachte zahlreiche Kleinanleger in Geldnot und stürzte etliche Banken in eine Vertrauenskrise. Bei der Aufarbeitung des Skandals sah sich Nusser zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. In zwölf Fernsehauftritten musste er sich für Fehler seiner Branche rechtfertigen, an denen er selbst nicht beteiligt war. „Ich habe dabei jedoch viel gelernt und konnte mit dieser Erfahrung eventuelle künftige Fehler vermeiden.“

Zu seinen Plänen 

Winfried Nusser hat ehrenamtliche Posten als Vorsitzender, Schatzmeister und Beirat in mehreren Vereinen und Institutionen. Die bleiben ihm. Für eine Aufgabe brennt er aber besonders: sein Engagement in Ghana/Westafrika. Zu seinem Sechzigsten hatte er gemeinsam mit den Kaufbeurer Rotariern statt Geschenke um Spenden zum Aufbau eines Notfallkrankenhauses in Ghana gebeten. Mithilfe der Rotarier Deutschland und des Bundesentwicklungsministerium sind dafür mittlerweile eine halbe Million Euro zusammengekommen. Im April wurde die Erweiterung einer Klinik in Techiman/Ghana eingeweiht. Dort soll nun noch eine Fotovoltaikanlage errichtet werden. Bei seinem Abschied sammelte Nusser erneut 37.000 Euro, allein 1.500 Euro steuerten Mitarbeiter bei. Auch künftig möchte er sich in Ghana in einem Projekt der deutschen Sparkassen-Stiftung und der Bank of Ghana engagieren, etwa bei Mikro-Finanzierungen, der Reintegration von Flüchtlingen und im Bildungssektor. „Ich will mein Wirtschaftswissen nicht brachliegen lassen“, sagt er. „Das wird mich in Anspruch nehmen.“

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