Tolles Engagement
08.01.2020 Land & Leute

So hilft ein Allgäuer Ex-Banker einem Krankenhaus in Ghana

Knapp ein Jahr ist der frühere Kaufbeurer Sparkassenchef Winfried Nusser im Ruhestand. Doch untätig ist er deshalb nicht - im Gegenteil: Mit großem Einsatz engagiert sich der 65-Jährige ehrenamtlich im westafrikanischen Ghana. Für ein Krankenhaus, in dem jährlich rund 6.000 Kinder zur Welt kommen, wurden auf seine Initiative hin schon über eine halbe Million Euro an Spenden gesammelt. Und auch seine Wirtschaftskompetenz bringt er ein. Lies hier, weshalb der Ex-Banker sein Herz an Ghana verlor...

Das Panorama ist atemberaubend. In voller Pracht, so sieht Winfried Nusser (65) die verschneiten Allgäuer Berge von seinem Arbeitszimmer aus. Doch die Idylle ist schnell vergessen, wenn der ehemalige Chef der Kaufbeurer Sparkasse von seinem Engagement im fernen Afrika erzählt.

Das Holy Family Hospital in der Distrikthauptstadt Techiman ist das größte Missionskrankenhaus, das der National Catholic Health Service in dem westafrikanischen Land betreibt. „Und doch war es viel zu klein, um alle Patienten gut behandeln zu können“, sagt Nusser. 6.000 Kinder kommen in dem Hospital jährlich zur Welt, davon 20 Prozent durch Kaiserschnitt. Doch die Station verfügte bis vor kurzem nur über 27 Betten. Mütter mussten mit ihren Säuglingen auf Matratzen liegen, die über den Boden verteilt waren. Die Hygiene: aus europäischer Sicht unvorstellbar. Viele Frauen und Kinder infizierten sich. „Das Ziel war es, schlicht die Sterblichkeitsrate in dem Krankenhaus zu verbessern“, sagt Nusser, der bei einem Besuch 2013 die Liebe zu dem Land und den Menschen entdeckte, aber auch mit bitterer Armut und desolater medizinischer Versorgung konfrontiert wurde. Und daraufhin handelte.

Viel ehrenamtliches Engagement

Kaum ein Jahr ist es her, dass Nusser sich als Vorstandsvorsitzender der Kreis- und Stadtsparkasse Kaufbeuren in den Ruhestand verabschiedete. Ihm blieben ehrenamtliche Posten als Vorsitzender, Schatzmeister und Beirat in neun Vereinen und Institutionen. Für eine Aufgabe brennt er aber besonders: sein Engagement in Ghana. „Ich will mein Wirtschaftswissen nicht brachliegen lassen“, sagt er.

Wir müssen mit den Menschen auf Augenhöhe reden, nicht von oben herab.
Winfried Nusser

Ghana ließ Nusser nicht mehr los, seitdem er damals seine Tochter, eine angehende Medizinerin, die dort einige Monate ihres praktischen Jahres absolvierte, besuchte. Zu seinem Sechzigsten bat der Sparkassenchef gemeinsam mit den Kaufbeurer Rotariern um Spenden zum Ausbau des Hospitals. Mithilfe der Rotarier Deutschland und des Bundesentwicklungsministeriums kamen dafür zwischenzeitlich mehr als eine halbe Million Euro zusammen. Bei seinem Abschied sammelte Nusser erneut 42.000 Euro, allein 1.500 Euro steuerten Mitarbeiter bei.

Mit dem Geld wird seitdem die technische Ausstattung verbessert. Heute verfügt das Krankenhaus über einen Computertomografen, eine sichere Strom- sowie eine zentrale Sauerstoffversorgung und eine Geburtshilfe. Nusser berichtet zudem, dass Ärzte und Pflegepersonal weitergebildet wurden, unter anderem an den Kliniken in Kaufbeuren und Bad Reichenhall. Zwischenzeitlich hat Bischof Dominic Nyardo Yeboah das modernisierte Klinikum im Zentrum Ghanas eingeweiht. Nusser betont, dass bei seiner Aufgabe auch Sozialkompetenz gefragt sei. „Wir müssen mit den Menschen auf Augenhöhe reden, nicht von oben herab“, sagt der frühere Banker. „Und oft macht man einen Schritt nach vorn und zwei zurück.“ Es gebe unbeschreiblichen Optimismus und Offenheit ebenso wie verkrustete Strukturen und Korruption.

Bankerwissen weitergeben

Seit Januar 2019 engagiert sich Nusser in Ghana zudem in einem Projekt der Deutschen Sparkassen-Stiftung im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Bank of Ghana, das ihn mehrmals pro Jahr für jeweils mehrere Wochen nach Ghana führt. Dabei berät er den Verband der fast 600 genossenschaftlichen Kleinbanken im Bilanz- und Reportingwesen, da diese Credit Unions gegenüber der aufsichtsführenden Zentralbank regelmäßig Rechenschaft ablegen müssen. „Ein System, das noch Löcher hat“, sagt der Kaufbeurer. Auch Fusionen werden ein Thema sein. „Das ist wie in Deutschland“, sagt Nusser, „wo die Tendenz zu einer Mindestgröße bei den Banken geht.“ Dass auch die Mitglieder bei den Genossenschaften in Ghana Mitspracherecht haben, wird sich im Vorfeld solcher Fusionen zeigen. „Wie steht es dann um die Anteile der Mitglieder?“, nennt Nusser eine der Fragen, auf die Vorstände der Credit Unions Antworten finden müssen.

Viel hat Nusser erlebt, seitdem er sein geräumiges Sparkassenbüro mit Blick auf die Kaiser-Max-Straße geräumt hat. Englisch paukt er, vor allem Business-Englisch. Zudem versucht er, sich fit zu halten – Zeit- und Klimaunterschiede können ganz schön schlauchen. „Ich lerne jeden Tag dazu“, sagt er. Der echte Ruhestand muss noch warten.

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