Skischul-Gründer erzählt
09.01.2019 Land & Leute

"So furchtbar ist es, von einer Lawine mitgerissen zu werden."

In den Allgäuer Alpen gilt derzeit die zweithöchste Lawinenwarnstufe. Sepp Tauscher (78) aus Grän (Tannheimer Tal) hofft inständig, dass Tourengeher zuhause bleiben und Skifahrer die Skipisten nicht verlassen. Die enorme Wucht einer Lawine hat er selbst erlebt. Bei einem Unglück an der Krinnenspitze entging der Bergretter und Skischul-Gründer vor 40 Jahren nur knapp dem Tod. An den Folgen des Unfalls leidet er noch heute.

"Ich appelliere an alle Wintersportler, dass sie sich der Lawinen-Gefahren stets bewusst sind und die Warnungen nicht ignorieren", sagt Sepp Tauscher. Wie schnell und brutal eine Lawine zuschlagen kann, hat er am eigenen Leib erfahren. Wenn er von seinem tragischen Unfall erzählt, dann nur, um andere zu warnen: "Das geht alles so blitzschnell, dass man es sich gar nicht vorstellen kann."

Am 18. März 1979 brach der Bergretter, wie man in Österreich zur Bergwacht sagt, mit einem Kameraden zu einer Skitour zur Krinnenspitze auf. Die Männer bildeten die Vorhut für eine großangelegte Übungsaktion mit 100 Bergrettern im Tannheimer Tal.

Tags zuvor hatte es geschneit. Nach dem Aufstieg über die Südseite sollten beiden die Schneeverhältnisse auf der Nordseite prüfen, wo die Übung stattfinden sollte. Vom Gipfel in 2.000 Metern Höhe machte Sepp Tauscher erste Schritte abwärts. Doch schon nach wenigen Metern witterte im steilen Gelände Gefahr: "Ich entschied mich umzukehren und zum Gipfel zurück zu laufen." 

Eine vermeintlich harmlose Bewegung reicht aus

Er setzte zur Spitzkehre (Wendung um 180 Grad) an - und löste durch diese vermeintlich harmlose Erschütterung eine Lawine aus. "Es ging ein Riss durch den Schnee nach oben. Plötzlich waren die Massen am Steilhang in Bewegung und schossen auf mich zu."

Lebensrettende Informationen gibt der Allgäuer Lawinentag für alle Wintersportler. Er findet am 27. Januar am Nebelhorn statt.  

Tauscher wurde von der weißen Last 800 Meter in die Tiefe mitgerissen. "Ich spürte einen unglaublichen Druck auf der Brust. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern." Dass er mit dem Kopf gegen einen Stein schlug und sich eine offene Verletzung zuzog, sollte sich für ihn - so paradox es klingt - als Glücksfall erweisen.

Sein Kamerad Hartwig Singer, der das schreckliche Unglück vom Gipfel beobachtete, fand später Blutspuren im Schnee, die ihn zu jenem Punkt führten, an dem Sepp Tauscher verschüttet lag. "Innerhalb von 20 Minuten hat er mich gefunden und freigeschaufelt. Ohne ihn wäre ich nicht mehr. Das war eine unglaubliche Leistung. Einen Piepser wie heute hatten wir damals nicht", erzählt Tauscher. Nach der Rettung wurde er vom Hubschrauber in die Klinik nach Innsbruck geflogen.

Immer mehr Menschen glauben heute, die Natur müsse sich nach ihrem Terminplan richten. Das ist idiotisch.

Diagnose: inkompletter Querschnitt. "Ich konnte anfangs nur noch Mund und Augen bewegen." Einer monatelangen Therapie und seinem eisernen Willen ist es zu verdanken, dass sich der damals 38-Jährige ins Leben zurückkämpfte. Die Krücken sind bis heute sein ständiger Begleiter und erinnern ihn jeden Tag an das Unglück. Die Lawinengefahr am damaligen Tag sei nicht groß gewesen, sagt Tauscher. "Passieren kann so etwas leider trotzdem. Leider."

Umso mehr schüttelt er den Kopf über jene fahrlässigen Wintersportler, die hohe Warnstufen, wie sie derzeit herrschen, ignorieren. "Immer mehr Menschen glauben heute, die Natur müsse sich nach ihrem Terminplan richten. Das ist idiotisch", warnt er.  

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