Mit vier Toten
29.01.2019 Hier & Heute

So erlebten zwei Bergretterinnen das Lawinenunglück in Lech

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Ein schreckliches Drama: Bei einem Lawinenunglück im Bereich der Skiroute "Langer Zug" in Lech/Tirol sind Mitte Januar vier deutsche Wintersportler ums Leben gekommen. Die Männer kamen aus dem Raum Biberach und Oberschwaben. Die Bergretterinnen Angelika Kaufmann (32) und Melanie Huber (31) waren beim Einsatz in Lech und bei der Bergung der Verunglückten dabei. Hier erzählen sie, wie sie ihre Arbeit im Team bewältigen und wie sie mit dem Erlebten umgehen.

Frau Kaufmann, Frau Huber, als die Bergrettung vor gut zwei Wochen von vier Vermissten am „Langen Zug“ erfuhr, war es bereits dunkel. Welche Hoffnung auf einen Erfolg machen sich Bergretter, wenn sie in der Nacht aufbrechen?

Kaufmann: Die Frage nach Hoffnung oder Erfolg stellt sich nicht. Für uns ist jeder Einsatz gleich bedeutend. Wenn Menschen in Not sind und draußen unsere Hilfe gebraucht wird, macht unser Einsatz Sinn.
Huber: Wir sind bestens ausgerüstet – egal ob es stürmt oder regnet oder dunkel ist.

Was fühlen Sie, wenn Sie bei solch widrigen Bedingungen losziehen?

Kaufmann: Wenn wir uns beim Einsatz treffen, sprechen wir uns kurz ab. Es gibt keinen Platz für Emotionen.
Huber: Außerdem sind wir ein eingeschweißtes Team, jeder weiß, was seine Aufgabe ist.

In den Tagen vor dem Unglück hatte es viel geschneit, und das Tal, in das Sie aufsteigen mussten, ist von steilen Hängen gesäumt. Empfanden Sie in dieser Situation auch Angst?

Huber: Nein. Das Einsatzleiterteam, das sind fünf Leute, wägt ja ab: Ist dieser Einsatz für unsere Mannschaft zu machen? Auf dieses Urteil verlassen wir uns. Es kann auch mal sein – was für Angehörige dann schwer ist –, dass wir im Moment nicht helfen können und sagen, wir werden unser Bestes geben, sobald es möglich ist.
Kaufmann: Diese Situation hatten wir in diesem Fall ja auch. Wir haben den ersten Einsatzteil abwickeln können, und dann ließ die Sicherheit die weitere Suche nicht mehr zu.

Das war am Tag des Unglücks, als Sie drei Tote geborgen hatten. Was war der Anlass zu sagen: Jetzt brechen wir ab?

Huber: Es hat extrem stark geschneit, und wir hatten keine weiteren Signale mehr von den Verschütteten.

War zu dem Zeitpunkt klar, dass keine Hoffnung für den vierten Mann besteht?

Kaufmann: Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu beurteilen. Wir haben die Arbeit, so gut es geht, erledigt. Wenn wir dann keine weiteren Anzeichen haben, ziehen wir uns zurück – bis wir wieder neue Informationen bekommen.

Spielt der Gedanke keine Rolle, dass jemand vielleicht gerettet werden könnte, wenn die Retter schnell sind?

Kaufmann: Es geht nicht darum, wie schnell man ist – es geht um die Fakten. Geschwindigkeit bringt keine Sicherheit. Bei einer organisierten Rettung muss man Druck rausnehmen, um objektiv sehen zu können, was nötig ist.

Wie gelangen Bergretter zu solch routinierter Haltung: durch Ausbildung, durch Erfahrung?

Kaufmann: Das spielt alles mit rein. Ein wichtiger Punkt ist auch das gegenseitige Vertrauen. Du weißt, dass immer jemand für dich da ist, dass du aufgefangen wirst.
Huber: Wir haben viel gemeinsam erlebt. Man weiß, wie der andere tickt. Es ist auch ein Vorteil, dass wir verschiedene Charaktere sind und unterschiedliche Ansichten haben. Zugleich gibt es eine gegenseitige Wertschätzung. Da sagt nicht einfach einer, was Sache ist. Wir gehen auf Augenhöhe miteinander um.
Kaufmann: Jeder ist auf jeder Position einsetzbar. Dadurch sind wir sehr flexibel. Ich vergleiche die Bergrettung immer mit einem Uhrwerk: verschiedene Räder, die perfekt ineinandergreifen. Jedes Rad tut seinen Teil dazu, dass das ganze Uhrwerk zum Laufen kommt. Nur einer allein könnte das nicht.

Wie gehen Sie im Nachhinein mit den Eindrücken eines Einsatzes um, vor allem wenn Sie Vermisste nur tot bergen konnten?

Huber: Am nächsten Tag gibt es immer eine Nachbesprechung. Es ist ganz wichtig, dass alle reden. Je öfter man darüber redet, desto einfacher ist es, den Einsatz zu verarbeiten.
Kaufmann: Es ist wichtig, alles gemeinsam zu reflektieren, es Schritt für Schritt durchzugehen.

Das Unglück am „Langen Zug“ hat Diskussionen über die Risikobereitschaft der Skifahrer ausgelöst. Denken sich auch Bergretter manchmal: Warum machen die das?

Huber: Nein. Fehler machen wir alle. Und es ist nicht unsere Aufgabe, andere und ihr Verhalten zu verurteilen. Wer das tut, hat in der Bergrettung nichts verloren. Unser Leitsatz ist: Wir helfen Menschen, die in Not sind. Und das tun wir.
Kaufmann: Es steht uns nicht zu, anderen Fehlverhalten zuzuschreiben. Die Menschen haben eine Entscheidung getroffen – und mit ihrem Leben dafür bezahlt.

Mit welchen Gefühlen denken Sie an die Verunglückten und ihre Angehörigen? Können Sie deren Trauer teilen?

Huber: Ich war am nächsten Tag in der Messe und habe eine Kerze angezündet – für uns als Team und für die Angehörigen. Das war für mich wichtig. Es ist damit abgeschlossen.
Kaufmann: Ich gehe auf den Friedhof – meine Mama ist früh gestorben. Die besuche ich und zünde eine Kerze in der Kirche an.

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