Mit "Bachelor" Paul Janke
18.11.2019 Sehen & Hören

So bringen die Chippendales 600 Frauen in der Memminger Stadthalle zum Träumen

Da steht ein Mann unter der Dusche und wäscht sich. Obwohl es weder Wasser noch Seife gibt, ist das jedem klar, der die Szene beobachtet. Und das sind nicht gerade wenige. 600 junge und ältere Frauen sind in die Memminger Stadthalle gekommen, um die Chippendales zu sehen. Schätzungsweise drei Männer sind auch dabei, oder sind es doch vier? In jedem Fall ist unser Reporter David Specht darunter.

Der Mann, der da unter der Dusch-Attrappe steht, schnappt sich ein (echtes) Handtuch, dreht sich um und schlendert langsam Richtung Publikum. Die Zuschauerinnen hätten wohl nichts dagegen gehabt, wenn er seinen Körper tatsächlich eingeseift hätte - wohl aber seine gegelten Haare, denn die müssen ja noch etwa zwei Stunden lang sitzen. Solange dauert der Auftritt der Chippendales in Memmingen. Dort macht die Männer-Strip-Gruppe Station auf ihrer "Let’s Misbehave"-Tour durch Europa. Schlechtes Benehmen zeigen erst mal zahlreiche Zuschauerinnen, die trotz anderslautender Ansage Bilder und Videos machen - aber so wirklich stört das die Chippendales und ihre Sicherheitsleute nicht.

Also zieht sich der trockene, frisch aus der Dusche kommende Mann - mit Hilfe einer Zuschauerin und von zahlreichen Handykameras festgehalten - seinen Schlafanzug an. Klares Zeichen: Bei den Chippendales dürfen und sollen die Besucherinnen träumen. Es bleibt die einzige Szene an diesem Abend, in der ein Mitglied der Gruppe sich auf der Bühne Kleidung anzieht.

Einen Namen oder eine Vorstellung bekommen die Künstler erst mal nicht. Charakter ist hier aber auch zweitrangig, es geht schließlich um die Optik. Bei "Chipp-Chat", einer Art Herzblatt-Kuppelshow, verrät zumindest Moderator Teddy, breites Kreuz, muskelbepackt und Sixpack, seinen Namen und stellt netterweise noch zwei seiner neun Kollegen vor: Marty und Kip (Beschreibung siehe oben).

Und dann haben die gut gebauten Männer aus Los Angeles ja noch den fast genauso gut gebauten Paul Janke aus Hamburg dabei, der den drei Teilnehmerinnen bei "Chipp-Chat" Aufgaben stellt. Janke ist aus TV-Serien wie Bachelor und Promi Big Brother bekannt - und wer das nicht weiß, dem erklärt er es noch mal. Da er ja auch bei Let’s Dance mitgemacht habe, soll die Kandidatin doch mal zeigen, wie gut sie tanzen kann, fordert Janke. Auf einer Bühne mit der wohl bekanntesten Männer-Strip-Gruppe der Welt ist freilich kein Discofox und auch kein Walzer gefordert. Nein, ein Lapdance soll es sein. Da werden dann auch die Männer in der ausverkauften Memminger Stadthalle hellhörig - alle vier, oder sind es doch fünf?

Während einige bei dem Gedanken, vor Hunderten von Besuchern einen solchen Tanz aufführen zu müssen, vor Scham in den Boden versunken wären, nehmen die Chippendales die Frauen bei ihren Aufgaben gekonnt an die Hand. Sie ergreifen die Initiative, lachen, kommentieren und schaffen so die Gratwanderung, das Publikum zum Jubeln, Schreien und Kreischen zu bringen, ohne dafür die Frauen auf der Bühne bloßzustellen.

"Nicht zum ersten Mal"

"That is not your first Lapdance", stellt Moderator Teddy vergnügt fest. Und für alle, die dem Englischen nicht mächtig sind, oder - was die Mehrheit sein dürfte - von den Muskelspielchen gerade abgelenkt waren, übersetzt der Bachelor - mit schwarzem Anzug, Krawatte und Rose in der Hand eindeutig der Mann mit der meisten Kleidung auf der Bühne - "Ja, das hat sie nicht zum ersten Mal gemacht."

Von Kandidatin Nummer zwei möchte Janke gerne ihre Lieblingsstellung sehen. Teddys "Yoga"-Anspielungen verstehen die Zuschauerinnen ohne Übersetzung und so belässt der Bachelor es bei: "Damit hätte ich nicht gerechnet." Die Siegerin von "Chipp-Chat" erhält schließlich einen Foto-Kalender der Gruppe und darf nach der Vorstellung als erstes ein Bild mit der versammelten Truppe machen. Das hat durchaus Seltenheitswert. Während ihres Auftritts in Memmingen sind so gut wie nie alle Chippendales gemeinsam auf der Bühne.

Eine typische Chippendale-Nummer sieht stattdessen so aus: Vier bis fünf Männer kommen in Kostümen auf die Bühne. Wahlweise als der elegante Anwalt, der rußige Bauarbeiter oder der gehorsame Admiral legen sie einen perfekt einstudierten Tanz hin. Spannung kommt vor allem dadurch auf, dass nie klar ist, wann genau die Hüllen fallen. Je mehr Kleidung sich die Männer in einer Art und Weise vom Leib reißen, für die jede Mutter ihrem Kind die Ohren lang ziehen würde, desto mehr verhüllen Lichteffekte und Nebel die Sicht.

Für die Zugabe tragen die Männer das legendäre Chippendales-Outfit mit weißem Kragen, schwarzer Fliege und weißen Manschetten an den Handgelenken. Als sie nach zwei Stunden Tanzen, Springen und Ausziehen, die Faust nach oben gereckt, vor dem Publikum stehen, heben und senken sich die Bäuche der Künstler deutlich. Und die fünf, oder sind es doch sechs, Männer im Saal bemerken wohlwollend: Auch diesen durchtrainierten Männerkörpern geht einmal die Luft aus.


Weitere Artikel