allgaeu.life mystery
09.01.2018 Land & Leute

Sie behütet das geheimnisvolle Gschnaidt: 2.000 Sterbekreuze, aber nur ein einziges Grab

Manche nennen sie die "Herrin der Sterbekreuze". Doch das hört Maria Zaha nicht so gerne. Die 84-Jährige lebt seit Kindesbeinen an einem der mysteriösesten Plätze im Allgäu: dem Gschnaidt. Der Wallfahrtsort auf einer Anhöhe bei Altusried (Oberallgäu) ist zu einer einzigartigen Erinnerungsstätte mutiert: 2.000 Sterbekreuze stehen im Schatten des düsteren Waldes. "Da wird's einem schon unheimlich", sagt Zaha. Jahrelang hat sie als Mesnerin die Kreuze gepflegt. Jetzt hört sie auf - und äußert in unserer Serie allgaeu.life-mystery eine dringende Bitte.

"Mach Dir, wenn i amol tot bi,
mach Dir dei G'sicht it nass.
Als Grabstui tut's a Brettla
von irgendam Faß."

Schlicht und einfach, wie in einem Lied des Allgäuer Liedermachers Werner Specht besungen, stellen sich viele Allgäuer ihre letzte Ruhestätte vor. In symbolischer Form gibt es sie im abgeschiedenen Ortsteil Gschnaidt. Im Wald neben den beiden Wallfahrtkapellen und umgebenen von 14 Kreuzwegstationen reihen sich die Sterbekreuze. Viele davon mit Bildern der Gestorbenen sowie ihrem Namen und dem Geburts- und Todesdatum versehen.

Über 2.000 Holzkreuze sollen es sein. Manche sind ganz frisch. Andere schon viele Jahre alt und morsch von Wind und Wetter. Ursprünglich zierten sie provisorisch die Gräber der Verstorbenen, ehe nach einer gewissen Zeit der Grabstein folgte. Dann hatten ihre Angehörigen Skrupel, sie zu entsorgen: "Ich kann doch das Sterbekreuz von meinem Mann nicht einfach auf den Wertstoffhof fahren oder verbrennen", begründet eine Kemptenerin ihre Fahrt ins Gschnaidt: "Hier in der Natur hat es einen würdigen Platz."

Maria Zaha kann sich noch gut daran erinnern, wie alles begann. 1985 habe sie erstmals ein Sterbekreuz entdeckt, das ein Wallfahrer nahe der großen Kapelle in die Erde geschlagen hatte. "Das muss vom Namen her ein Fremder gewesen sein", erzählt sie. Schon wenige Wochen später entdeckte sie ein zweites Kreuz. So wurde das Gschnaidt zu einem symbolischen Gottesacker. Jahrelang, erzählt Maria Zaha, habe sie ihn liebevoll gepflegt.

Doch mittlerweile wird es ihr zu viel. "Es muss Schluss sein. Es sind schon so viele. Ich möchte die Leute bitten, keine Kreuze mehr zu bringen", sagt die scheidende Mesnerin. Auch aus der katholischen Kirchengemeinde Altusried ist ähnliches zu hören. Die Entsorgung von fauligen Kreuzen sei aufwändig: Da sie lackiert sind, können sie nicht einfach verbrannt werden. Stattdessen werden sie mit einem Lader auf den Wertstoffhof gefahren.  

Die Legende vom Gschnaidt
Einstmal soll ein armer Einsiedler im Gschnaidt gelebt haben. Auf der Anhöhe zwischen Kimratshofen und Frauenzell baute er sich eine hölzerne Hütte, wo er recht beten und leben konnte. Eines Tages besuchte ihn ein jüngerer Bruder aus Kempten. Den Alten zog es zwar nicht fort, aber er bat den Besucher, nach etlichen Jahren wiederzukommen. Bei seiner Rückkehr fand dieser den Eremiten tot in einem mit Gestrüpp verwachsenen Grab.

Wenig später sollte er ehrenvollen bestattet werden. Man trug den toten Eremiten zum Brünnlein hinab, wo ein Wagen nach Frauenzell bereitstand. Aber die Zugtiere weigerten sich dorthin zu traben. Sie zogen den Wagen immer wieder den Berg hinauf.

Darin sah man eine höhere Weisung und begrub den Waldmenschen auf seinem Berg. Seit 1848 erhebt sich auf seinem (vermuteten) Grab eine kleine Kapelle. Wegen der großen Wallfahrer-Zahl wurde 1855 mit dem Bau einer zweiten, größeren Kapelle begonnen. Auch eine Wirtschaft gibt es seit dieser Zeit. Treffender Name: "Gasthof zum Kreuz". Dem Brünnlein sprechen manche Besucher übrigens heilende Wirkung zu. 

Dieser profane Akt kann mitunter aber auch zu sehr emotionalen Momenten führen: Wenn Angehörige das Sterbekreuz ihres Verstorbenen nicht mehr finden.

"Im letzten Jahr musste ich eine Frau trösten, die fürchterlich geweint hat, weil sie das Kreuz ihres Mannes nicht mehr gefunden hat", erinnert sich Zaha. Obwohl sie seit ihrer Kindheit im Gschnaidt lebt, empfindet sie den Ort mittlerweile als unheimlich.

Ähnlich geht es auch manchem Besucher. "(...) um so näher man kam, um so negativer wurde die Atmosphäre. Die Energie wurde von Meter zu Meter erdrückender", schreibt eine Autorin von PSIHunter.de, einer Webseite, die paranormalen Phänomenen auf der Spur ist. Dem Gschnaidt-Sog können sich auch die Erfolgsautoren Klüpfel/Kobr nicht entziehen: "Allgäuer Volksfrömmigkeit wird wohl nirgendwo drastischer spürbar", sagten die Kluftinger-Autoren in einem Bild-Interview über den "gruslig-morbiden" Ort. 

Maria Zaha wünscht sich, dass der Kreuze-Kult vom Gschnaidt nicht noch weitere Blüten treibt. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran. Als ihr Mann vor zwei Jahren starb, kaufte sie als Provisorium ein nicht lackiertes Holzkreuz. "Das hab ich später im Garten verbrannt." 

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