Cold Case
30.12.2019 Land & Leute

Seine Ehefrau wurde vor 30 Jahren erstochen. Witwer hofft auf neue Spur im "Käserei-Mord"

Kommt 30 Jahre nach der Tat neue Bewegung in einen mysteriösen Mordfall? Das zumindest hofft Witwer Walter Föger (63). Seine Ehefrau Angelika wurde am 9. Juni 1990 in einer Käserei im idyllischen Tannheimer Tal erstochen. Die Polizei verhaftete am Tatort einen jungen Mann, der später wegen Mordes verurteilt wurde. Sein anfängliches Geständnis widerrief er jedoch. Nicht nur deshalb wirft das Verbrechen Fragen auf. Witwer Föger ist sicher, dass der wahre Mörder nie gefasst wurde. Nun hat er den bekannten Kriminalbiologen und Buchautoren Mark Benecke eingeschaltet. Bringen neue DNA-Untersuchungen die Wende?

Von wem stammten die blonden Haare in der rechten Hand der Getöteten? Das ist die zentrale Frage im mysteriösen Mordfall Angelika Föger, der seit 30 Jahren in Tirol immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Weder das Opfer noch der junge Mann, den das Landgericht Innsbruck später des Mordes schuldig sprach, waren blond.

Nicht die einzige Ungereimtheit, die Witwer Walter Föger auch drei Jahrzehnte später in Alpträumen verfolgt: "Ich bin sicher, dass der wahre Mörder noch immer frei herumläuft. Die Justiz hat sich von Beginn an auf einen Täter festgelegt und ist davon nicht mehr abgerückt."

Und schon ist er mittendrin in den Geschehnissen des 9. Juni 1990, die seither sein Leben bestimmen. Föger, damals beim SV Reutte aktiv, spielte Fußball, als ihm zwei Polizisten die schreckliche Nachricht überbringen. Seine Ehefrau Angelika wurde ermordet. Die damals 33 Jahre alte Buchhalterin war mit der monatlichen Abrechnung in einer Käserei beschäftigt, als jemand mit einem Jagdmesser vier Mal auf sie einstach und sie tödlich verletzte. Die Mutter von zwei Kindern verblutete.

Die Polizei nahm wenig später den blutverschmierten Lehrling der Käserei fest. Noch im Polizeiwagen gestand Andreas L. (Name geändert), der 1,8 Promille im Blut hatte, die Tat. Er wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Der Fall schien abgehakt. Doch ausgerechnet in Walter Föger reiften Zweifel. Bei den Gerichtsverhandlungen gewann er den Eindruck, dass Andreas L., den er als bubenhaft und harmlos wirkend in Erinnerung hat, "nie und nimmer als Mörder infrage kam." In dieses Bild passte, dass Andreas L. sein Geständnis wiederrief. Und dann war da noch dieses Büschel blonder Haare in der Hand der Toten, das bis heute Fragen aufwirft.

In einem ersten Gutachten (10. Juni 1990) schrieb der Gerichtsmediziner laut Föger, dass die sichergestellten Haare "offensichtlich" nicht vom Opfer stammten. Zehn Monate später habe derselbe Gerichtsmediziner jedoch nach einem neuen Haargutachten geschrieben, dass die dunkelhaarige Getötete "helle bis weiße Haare in einer Geheimratsecke" hatte. 

"Eine solche Stelle gab es aber nicht", hält Föger dagegen. "Außerdem: Warum sollte sie sich selbst vor ihrer Ermordung Haare ausgerissen haben? Das ist doch absurd." Der Witwer ist sicher, dass die Haare von einer anderen Person - dem in seinen Augen wahren Mörder - stammen. Gegen dessen Attacken habe sich seine Frau gewehrt, ihm dabei Haare ausgerissen. 

Doch das Rätsel um die blonde Haarprobe lässt sich nicht mehr Lösen. Auf der Gerichtsmedizin existiert sie nicht mehr. Die Haare seien bei Untersuchungen "verbraucht" worden, heißt es offiziell in einem Schreiben von 2011. Andere behaupten: verschlampt. Sogar von Vertuschung ist die Rede. 

Weiteren Stoff für Verschwörungstheorien gibt diese Geschichte: Föger erzählt, dass nach der Verurteilung von Andreas L. ein anderer Gerichtsmediziner noch einmal den Fall untersuchte. Nach ersten Ergebnissen meldete er sich telefonisch. Er habe Hinweise auf einen anderen Täter. Ein neues Gutachten würde erstellt. Details werde er der Familie in den nächsten Tag schildern. Zwei Tage nach dem Telefonat starb der renommierte Gerichtsmediziner bei einem Verkehrsunfall.       

Walter Föger kommt seither nicht mehr zur Ruhe. Hartnäckig kämpft er um eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Doch egal wie viele neue Gutachten er in Auftrag gab, wie viele Zeugen er befragte und wie viele Experten er zu Rate zog: Sein sehnlichster Wunsch erfüllt sich bislang nicht. Vor fünf Jahren musste er sogar herbe Enttäuschung verdauen. Der deutsche Profiler Axel Petermann, den er hinzuzog, erklärte nach seiner Spurenanalyse, dass das damalige Urteil die Realität abbilden könnte. "Anerkannter Profiler stärkt im Mordfall Föger die Justiz", brachte es die Tiroler Tagszeitung auf den Punkt. Föger gab trotzdem nicht auf. In all den Jahren hat er für eigene Recherchen, zwei frühere Anwälte, Gerichtskosten sowie Unterlassungsklagen 150. 000 Euro ausgegeben. Verklagt wurde er, weil er eine Familie öffentlich bezichtigte, in den Mordfall verwickelt zu sein.

Walter Föger musste seine Wohnung verkaufen. Er erlebte, wie sich die Stimmung gegen ihn selbst richtete. Als er vor einigen Jahren im Tannheimer Tal Zettel aufhing, in denen er 5.000 Euro für Hinweise zur Ergreifung des Täters bot, waren sie nach zwei Stunden abgerissen. Auf seiner Homepage mordfall-angelika-foeger erhielt er Morddrohungen. Einschüchtern ließ er sich nicht. "Ich hab keine Angst. Angelika steht mir da oben im Himmel bei. Das weiß ich", sagt er. Allein: Es fehlt ihm an Beweisen, die auf höchster Ebene Wirkung entfalten. Das Strafverfahren ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft "rechtskräftig abgeschlossen", wie es unmissverständlich in einem Schreiben des Oberlandesgerichts vom Dezember 2019 heißt.

Andreas L. wurde nach acht Jahren Haft vorzeitig entlassen. Obwohl er die Tat später bestritt, hat er nie Angaben zu einem anderen Täter gemacht. Dennoch glaubt Walter Föger, dass es diesen gibt und er eines Tages überführt wird. Kleidungsstücke, die seine Frau am Mordtag trug und die er von Gerichtsmedizin zurückbekam, spielen dabei eine Rolle. Mithilfe von modernster Kriminaltechnologie sollen sie von Mark Benecke analysiert werden. "Ich hoffe auf neue DNA-Spuren, die dazu beitragen, dass der Fall neu aufgerollt wird", sagt Föger. 

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