Probiert's mal aus
13.03.2018 Land & Leute

Schuhwerk trifft Barfußläufer: Warum dieses Paar an den Sohlen blank zieht

Schuhwerk braucht kein Mensch! Da sind sich Eva Maria Lockstädt (51) und ihr Partner Wolfgang Hilden (63) aus Roßhaupten einig. Die beiden sind überzeugte Barfußläufer - und zwar ganzjährig. Doch was passiert, wenn Schuhwerk plötzlich bei ihnen vor der Tür steht? Unser Reporter Tobias Schuhwerk probiert es aus.

Hilfe, ich werde gemobbt. "Schuhwerk brauchen wir hier nicht", sagen Eva Maria und Wolfgang grinsend, als ich vor ihrer Tür stehe.

Doch schnell ist klar. Sie meinen es nicht persönlich. Im Gegenteil: Die beiden gut gelaunten Barfußläufer bitten mich herzlich in ihre Wohnung. Meine Schuhe ziehe ich vorsichtshalber gleich mal aus. Denn vom Schuhwerk an den Füßen halten die beiden nicht viel. Sonst würden sie wohl kaum einen Blog betreiben mit dem Titel: Barfuß - Leben ohne Schuhe.

Mit der Seite wollen die beiden zum Mitmachen inspirieren; sie geben Tipps und stellen Touren vor: "Barfußlaufen eröffnet Dir ein ganz besonderes Lebensgefühl", heißt es dort. "Erspüre und entdecke unsere Erde neu." Ich bin gespannt. Vor allem auf die Geschichte von Eva Maria. Ich meine: Welche Frau verzichtet freiwillig auf Schuhe?! Die meisten, die ich kenne, haben minimum ein Regal voll davon... 

Eva Maria tickt da ein wenig anders. Sie kommt mit gerade einmal zwei Paar aus. Sozusagen für Notfälle. "Ein Paar Gummistiefel und ein Paar Tanzschuhe", erklärt sie lachend. 

Den Rest hat sie buchstäblich in die Tonne gekloppt. Seit drei Jahren lebt und läuft sie barfuß. Im Sommer. Im Winter. Im Supermarkt. Im Kino. Im Konzertsaal. Im Wald. 

"Ich kann es mir anders nicht mehr vorstellen. Barfußlaufen fühlt sich für mich einfach richtig an", sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die ein Vermietungsbüro für Ferienwohnungen und Gästezimmer betreibt. Ihr Aha-Erlebnis hatte sie im Sommer 2015 bei Ausflügen zum Forggensee. "Ich hab das so sehr genossen, dass ich irgendwann sogar barfuß hingeradelt bin." Ihr ungewöhnliches Hobby bescherte ihr sogar privates Glück.

In einem Barfußläufer-Forum lernte sie Wolfgang kennen. Der frühere EU-Beamte in Pension besuchte sie im Allgäu - und es funkte sofort. Seither gehen sie gemeinsam durchs Leben. Barfuß natürlich. Bei ihren Ausflügen fallen sie als Exoten auf. Doch die Reaktionen sind meist positiv, berichten sie. Sogar im Nobel-Restaurant, wie sie schon herausgefunden haben. "Die Leute sind interessiert. Wenn jemand nachfragt, ergeben sich oft tolle Gespräche. Und beim Theaterbesuch wird man schon mal für einen Künstler gehalten", erzählt Wolfgang augenzwinkernd. 

Der Pensionär feiert das Barfuß-Leben und schreibt sogar ein Buch darüber. In seinem Job habe er sich oft gewünscht, die Schuhe ausziehen zu dürfen. Barfußlaufen vermeide Schweißfüße, Fußpilz und kräftige das Immunsystem und die Fußmuskulatur. Außerdem werde das Selbstvertrauen gestärkt und die Durchblutung gefördert. "Früher hatte ich gerade im Winter oft kalte Füße beim Einschlafen. Das ist heute zum Glück nicht mehr so", erzählt er, ehe mich die beiden zu einem kleinen Barfuß-Spaziergang einladen.

Ehrlich gesagt: Ein bisschen komisch komme ich mir schon vor, als wir bei 6 Grad mit blanken Sohlen durchs Dorf laufen. Erster Gedanke: "Zum Glück kennt mich hier keiner..." Doch spätestens bei einem Abstecher ins Gelände wird ein Schuh drauß. Alles fühlt sich natürlich und stimmig an. Erdverbunden, wenn man so will. Ein bisschen kalt anfangs, aber schon bald ziemlich gut durchblutet und angenehm. Die Begeisterung fürs Barfußlaufen kann ich durchaus nachvollziehen. 

Auch wenn ich mich persönlich nie völlig vom Schuhwerk trennen werde. Dafür hänge ich zu sehr an meinem Nachnamen. 


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