Freudentränen bei Treffen
06.09.2019 Land & Leute

Rührend! Warum ein Kaufbeurer 73 Jahre warten musste, ehe er seinen Bruder umarmen konnte

Wiedersehen der Brüder Benecke
"Wir sind uns in die Arme gefallen – als würden wir uns ewig kennen, ein ganz vertrautes Gefühl“, sagt Wolfgang Holtrup (77). Dabei ist er seinem Bruder vor wenigen Stunden zum ersten Mal gegenüber gestanden. Seinem Bruder Manfred Benecke (73), der in Kaufbeuren lebt und von dem Wolfgang sein ganzes langes Leben lang so gut wie nichts wusste.

Auch räumlich waren sie weit voneinander getrennt – Wolfgang hat bis 1988 in der DDR gelebt und ist heute in Frankfurt am Main zu Hause. Über 70 Jahre hat es gedauert, bis sich die Brüder in die Arme schließen konnten. „Ich habe gehört, wie dein Herz schlägt“, sagt Wolfgang zu Manfred und lächelt. Beide haben glänzende Augen, die Freudentränen kommen immer wieder.

Jetzt sitzen die Brüder Seite an Seite auf der Eckbank eines Cafés, mit Manfred Beneckes Kindern Petra Baiz und Michael Hofmann und seinem Neffen Ray Zille-Bielß. Auf den ersten Blick sieht die Runde aus wie ein ganz normales Familientreffen – niemand würde vermuten, dass sich einige, die hier um den Kaffeehaustisch versammelt sind, vorher noch nie gesehen haben.

Ray ist der Sohn der Schwester von Manfred und Wolfgang. Ohne ihn wäre es wahrscheinlich nie zu dem Treffen gekommen. Auch die Mutter des 54-Jährigen, Sigrid, wollte eigentlich an diesem Tag dabei sein. Weil sie vor zwei Wochen einen Schlaganfall hatte, ist das nicht möglich. Die lange Reise – die 82-Jährige wohnt in Dresden – wäre zu anstrengend gewesen. „Wir werden aber morgen eine Videokonferenz über Facetime machen“, sagt Ray. Dann könnten sich die drei Geschwister zumindest virtuell zum ersten mal in die Augen schauen.

Ich halte nicht viel von Facebook, aber hier war es doch mal zu etwas gut. Die Stasi wäre froh gewesen, wenn es damals so etwas gegeben hätte.
Ray Zille-Bielß, der den Kontakt über Facebook vermittelte

Manfred war lange auf der Suche nach seiner Schwester und seinem Bruder, wusste aber so gut wie nichts über sie. Seine Pflegeeltern haben zu dem Thema immer geschwiegen. Er sei traurig, dass man ihm so lange vorenthalten habe, Menschen, die ihm so nahe stehen, überhaupt kennenzulernen. Bei ihm sei es ähnlich gewesen, erinnert sich Wolfgang: „Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, fand ich einen Brief an meine Mutter, der mit ,Liebe Mutti’ begann und mit ,Dein Manfred’ unterzeichnet war.“

Als er nachgefragt habe, habe die Mutter abweisend reagiert, wollte nicht darüber reden. Denn Manfred war ein uneheliches Kind, die Brüder haben also unterschiedliche Väter. Wie Sigrid ist auch Manfred in Schongau zur Welt gekommen. Er ist bei Pflegeeltern in Peißenberg aufgewachsen. Die Mutter sei mit seinen Geschwistern und ihrem Ehemann nach dem Krieg zurück in ihre Heimatstadt Köthen gezogen.

Den Kontakt stellte schließlich Ray her, der in Lohmen (Sachsen) lebt. Über den Facebook-Account seiner Tochter schrieb er Manfred, der aber nicht reagierte. Weil es ein ihm unbekannter Frauenname war, glaubte er, es mit einem Fake-Profil zu tun zu haben, und dass dahinter etwas Unseriöses steckt. Aber der Neffe blieb hartnäckig und fand Beneckes Tochter Petra, seine Cousine also, in dem sozialen Netzwerk. Ihr schrieb er eine lange Nachricht. Erzählte von seiner Mutter – Beneckes Schwester Sigrid. Und von Wolfgang, der seinen Bruder kennenlernen möchte. „Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als ich das gelesen habe“, erzählt Petra.

Das war im August. Nachdem sie ihren Vater benachrichtigt hatte, wurde ziemlich schnell ein Treffen vereinbart. „Ich halte nicht viel von Facebook, aber hier war es doch mal zu etwas gut“, gibt Ray zu. Und Wolfgang, der in der DDR aufgewachsen ist, fügt hinzu: „Die Stasi wäre froh gewesen, wenn es damals so etwas gegeben hätte.“

Die Brüder sind glücklich, sich endlich gefunden zu haben. Bald wollen sie auch zusammen ihre Schwester in Dresden besuchen. Und hoffen, dass ihnen noch ein paar gemeinsame Jahre bleiben. Das sei nicht selbstverständlich, denn „wir sind ja schließlich nicht mehr jung.“

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