Landwirtschaft 4.0
21.10.2019 Land & Leute

Roboter machen's möglich! "Mein Allgäuer Hof läuft übers Handy"

Die Landwirtschaft aufgeben oder mit großem Aufwand modernisieren? Vor dieser Frage stand Familie Hefele aus Hopferau (Ostallgäu). Hofnachfolger Markus Hefele (32) entschied sich mit seiner Frau und seinen Eltern für ein radikales "Update": Roboter übernehmen im neuen Stall mit 55 Milchkühen einen Großteil der Arbeit. Die Steuerung erfolgt über Handy und PC. Der Umbruch hin zur Landwirtschaft 4.0 zahlt sich aus, sagen die Hefeles: "Wir haben mehr Zeit für die Pflege der Tiere und können exakt wirtschaften." Für allgaeu.life öffneten sie die Stalltüren.

Einen Stallburschen hat Markus Hefele nicht. Stattdessen vertraut er Robotern. Sie haben weitgehend die Regie im neu gebauten Laufstall übernommen: Eine Maschine schnurrt einen langen Gang entlang und verteilt Futter, eine andere reinigt im Stundentakt den Boden. Derweil trottet eine Kuh zum Melkstand, wo ihr ein Roboter wie von Geisterhand gesteuert die Zitzen reinigt, anschließend die so genannten Zitzenbecher ansteckt und zu melken beginnt. Eine ähnlich moderne Anlage wie die der Hefeles haben bayernweit wohl nur 100 Höfe. "Wir haben uns entschieden, diesen Schritt zu gehen. Das war eine große Investition. Aber wir glauben, dass sie sich auszahlen wird", sagt Markus Hefele.

Vor drei Jahren hat seine Familie einen neuen Stall etwa einen Kilometer vom Hof entfernt gebaut. Statt für bislang 30 ist nun Platz für 55 Milchkühe. Die Erweiterung ist ein Signal dafür, dass Markus Hefele eine Zukunft in der Landwirtschaft sieht. Aber der elterliche Hof ist nicht sein einziges Standbein. Da er durch den Roboter-Einsatz nicht mehr so viel Arbeit im Stall hat, konnte der Techniker für Landbau eine Teilzeitstelle in einer Rinder-Besamungsstation annehmen. Über das Geschehen im eigenen Stall ist er dennoch immer informiert. Die Milchkühe tragen einen Transponder-Chip um den Hals. Auf ihm sind alle relevanten Alltags-Daten  gespeichert. Wie viel Futter hat "Moni" heute schon vertilgt? Wie oft lief sie in den Melkstand? Wie viel Milch hat sie gegeben? Wie war das Fett-Eiweiß-Verhältnis? Wie schnell floss die Milch und welche Temperatur hatte sie?

Sage und schreibe 24.000 Daten werden pro Tag in dem Familienbetrieb mit 55 Milchkühen erhoben. Auf dem Server des Stallcomputers laufen die Daten zusammen. Sie werden ausgewertet und in Verlaufskurven pro Kuh dargestellt. Per App kann Markus Hefele die wichtigsten Nachrichten auf dem Smartphone abrufen. Gibt es Auffälligkeiten, ist er zur Stelle. "Ich schaue mir das Tier dann genau an und rufe bei Bedarf sofort den Tierarzt." Trotz High-Tech kennt er alle Kühe beim Namen und mit ihren Besonderheiten. "Die Technik hilft, rechtzeitig zu agieren, bevor ernsthafte Probleme auftreten." Manchmal klingelt sein Handy sogar nachts und er wird von einer weiblichen Computerstimme über Notfälle informiert.

Markus Hefele führt uns das Prinzip vor, in dem er eine Fehlermeldung provoziert. Er schaltet den Futterkran an, lässt aber eine Luke zum Lager offen. Postwendend stoppt die Maschine ihre Aktivitäten und er erhält einen Anruf mit der Nachricht:  "Fehler. Unerlaubtes Betreten der Futterentnahme." Erst als die Luke geschlossen ist, legt der Roboter wieder los: Mit seinen Greifern steuert er verschiedene Futter-Haufen an und holt jeweils eine vorgegebene Menge an Mais, Grassilage, Grummet, Weizenkleie und Kraftfutter. Die Mischung wird in einem großen Kessel mit Wasser versehen - und vom Roboter im Stall ausgefahren.

Das hätte ich noch vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Senior-Landwirt Alto Hefele

Bis zu drei Tonnen Futter werden im Hefele-Stall am Tag ausgebracht. Um sie zu bewegen, wäre früher viel Muskelkraft nötig gewesen. Heute läuft alles per Knopfdruck! Alto Hefele (57), der Vater von Markus, kann die Entwicklung manchmal selbst kaum glauben: "Das hätte ich noch vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten." Die technische Revolution im Kuhstall begeistert ihn: "Unseren Kühen kann es nicht besser gehen. Sie bewegen sich frei in einem sauberen Stall. Sie entscheiden selbst, wann sie gemolken werden. Sie haben immer genug und vor allem gutes Futter."

Doch wie eng ist die Bindung zwischen Bauer und Tier? Diese Frage steht wohl als erstes im Raum, wenn ein Besucher einen High-Tech-Stall, wie den der Hefeles, betritt. Er entspricht kaum noch dem Bild von traditioneller Landwirtschaft, zu dem für viele ein Bauer mit Strohhut und Heugabel gehört. Bleibt durch den Roboter-Einsatz nicht der Draht zum Tier auf der Strecke?

"Kühe haben am liebsten ihre Ruhe"

Dem widerspricht Alto Hefele. "Kühe wollen am liebsten ihre Ruhe. Sie fühlen sich in ihrer Herde wohl und brauchen nicht ständig Menschen um sie herum." Andererseits zeige die Technik frühzeitig an,  wenn ein Tier Hilfe benötigt. "Die Roboter nehmen uns viel Arbeit ab. Wir haben also mehr Zeit, um uns jetzt noch intensiver um die Pflege oder die Probleme von einzelnen Kühen zu kümmern." Der Roboter-Einsatz ermöglicht den Hefeles nicht zuletzt selbst neue Kräfte zu tanken: "Wir können viel leichter in Urlaub fahren als früher. Der Stall kann auch mal ein paar Tage von einem befreundeten Bauern mit betreut werden, der die gleiche Technik von seinem Hof kennt."

Während körperliche Arbeit eine geringere Rolle als früher spielt, sehen sich Alto und Markus Hefele an anderer Stelle stärker gefordert: "Ein Landwirt ist heute vor allem als Manager gefragt. Er muss viel von Betriebswirtschaft verstehen, unterschiedliche Prozesse kontrollieren und optimieren - und die richtigen Entscheidungen treffen."

Die Hefeles sind überzeugt, dass ihnen Letzteres mit dem Bau der Stallanlage "4.0" gelungen ist. 

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