Freiwilligen-App "letsact"
27.08.2019 Kind & Kegel

Per App zum passenden Ehrenamt: Im Ostallgäu ist das jetzt möglich

Wow, scharf! Darauf hab ich Lust - da wische ich gleich mal nach rechts... Nein, die Rede ist nicht von der Dating-App "Tinder". Obwohl das Prinzip fast genauso funktioniert, werden mit "letsact" potenzielle Ehrenamtliche mit passenden Vereinen und Projekten verbunden. In Großstädten wie München ist die Freiwilligen-App schon ein Erfolgsmodell. Jetzt ist auch der Landkreis Ostallgäu dabei - auf Initiative des Kreisjugendrings. Wie das Ganze funktioniert und wie auch Du das passende Projekt für Deine Freizeit findest, verraten wir hier.

„Es gibt im Ostallgäu viele Vereine, die ehrenamtliche Mitarbeiter suchen“, sagt Sozialpädagogin Anna Heiland vom Kreisjugendring (KJR). Zugleich gebe es viele Menschen, die ehrenamtlich etwas tun wollen. Laut Familienministerium ist ihr Potenzial groß: 60 Prozent aller Menschen, die sich nicht ehrenamtlich engagieren, wären demnach „grundsätzlich dazu bereit“. Deshalb will der KJR schnell und unbürokratisch junge Freiwillige („Volunteers“) mit Vereinen verkuppeln.

Dieses Ziel – Appetit aufs Ehrenamt zu machen – ist ein Kernanliegen des Kreisjugendrings. Er kann dafür seit Neuestem auf die App „letsact“ zurückgreifen, die die beiden 20-Jährigen Paul Bäumler und Ludwig Petersen aus Gauting erfunden haben. „Damit werden junge Leute auf zeitgemäße Weise angesprochen“, sagt Anna Heiland. Ohne lästiges Herumtelefonieren oder E-Mail-Schreiben.

Man kann sich bei letsact jederzeit kurzfristig engagieren oder ’reinschnuppern und geht nicht automatisch eine längere Verpflichtung bei einem Verein ein.
Anna Heiland

Die App sieht aus wie Instagram und soll ein praktischer digitaler Helfer sein. So wie Tinder Liebesbedürftige beziehungsweise Xing Arbeitgeber und Arbeitsuchende zusammenbringen möchte, will „letsact“ das mit Vereinen und Ehrenamtlichen tun.

Wie Tindern - nur mit Projekten

Konkret geht es darum, Projekte anzubieten, für die sich jeder engagieren kann. Statt von Datingpartner zu Datingpartner wischt man von Projekt zu Projekt und ist mit einem Klick dabei. Organisationen, die freiwillige Mitstreiter suchen, können in der App wiederum ihr jeweiliges – gemeinnütziges – Anliegen kurz vorstellen und dadurch publik machen.

„Man kann sich bei letsact jederzeit kurzfristig engagieren oder ’reinschnuppern und geht nicht automatisch eine längere Verpflichtung bei einem Verein ein“, sagt Heiland. Dennoch lernen Ehrenamtliche automatisch den Verein oder Verband ein wenig kennen. Es kann sofort gebloggt beziehungsweise gechattet werden. Heiland nennt ein (erfundenes) Beispiel. „Wenn der Bund Naturschutz über letsact etwa die einmalige Aktion ,Wir befreien Marktoberdorf vom Müll’ starten würde, würden Interessierte über die App auch direkt mitbekommen, was der BN hier in der Gegend noch so alles macht.“

Erfolgsmodell in Städten

Sie berichtet vom Erfolg der Freiwilligen-App in Großstädten wie München und Stuttgart. Das Ostallgäu ist ihr zufolge der erste ländliche Landkreis, in dem sie künftig genutzt wird – dank des Jugendrings und der Servicestelle Ehrenamt am Landratsamt, die das Projekt bezuschusst. Ansprechpartnerin für die App ist Heiland selbst, die beim KJR die Fachstelle Verein(t) Aktiv (Infokasten) leitet. Sie geht nun auf die Ostallgäuer Vereine zu, um die App vorzustellen. „Ab Herbst rechnen wir mit Projekten“, sagt sie. Jugendlichen rät sie, die App dann herunterzuladen „und einfach zu schauen, was es alles gibt“.

Jugend ins Ehrenamt Jugendliche fürs Ehrenamt begeistern und mit Organisationen zusammenbringen will auch das Ostallgäuer Erfolgsprojekt Jugend ins Ehrenamt, bei dem vergangenes Schuljahr 161 junge Menschen ab der achten Klasse 5.677 Stunden freiwillige Arbeit leisteten. Begleitet wurden sie dabei vom KJR. Die Teilnehmer engagieren sich ehrenamtlich für mindestens 30 Stunden in einem Bereich ihrer Wahl. „Sie erhalten dafür ein Zertifikat, das sie Ausbildungs- oder Studienbewerbungen beilegen können“, sagt Heiland.

Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wozu es das Ehrenamt braucht.
Anna Heiland

Jetzt im September startet das Projekt wieder, das fast alle Schulen im Landkreis unterstützen und das der KJR vom Roten Kreuz übernommen hat. Der Landkreis bezuschusst es mit bis zu 20.000 Euro jährlich. Über 100 Einsatzstellen bietet der KJR Jugendlichen dafür an – darunter Kindergärten, Seniorenheime, Behinderten-Einrichtungen, Hausaufgabenhilfe, das Tierheim, Kulturstätten und Umweltschutz-Institutionen. Jugendliche dürfen an dem Projekt teilnehmen, so oft sie wollen.

„Für die Einsatzstellen ist es eine schöne Möglichkeit, für ihre Berufe zu werben“, sagt Heiland. Denn es gebe immer wieder Teilnehmer, die durch das Projekt Gefallen an einem Job im sozialen Bereich finden. „Aktuell weiß ich etwa von einer Mittelschülerin aus Buchloe, die nach 30 Stunden im Seniorenheim Altenpflegerin werden will.“ Laut Heiland leisten zudem die meisten Teilnehmer mehr als die geforderten 30 Stunden. „Und viele besuchen auch nach dem Projekt noch die Kinder oder Senioren, mit denen sie zu tun hatten.“

Für entscheidend an dem Projekt hält sie aber noch etwas anderes: „Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wozu es das Ehrenamt braucht“, sagt sie. Denn ohne Freiwillige Feuerwehr lösche keiner, wenn es brennt. Ohne Bergwacht hole unter Umständen keiner Verletzte vom Berg. Und ohne Trainer gebe es kein Fußball-Jugendtraining.

Weitere Infos bei Anna Heiland, E-Mail: vereintaktiv@kjr-ostallgaeu.de; Telefon 08342/911-811
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