Irres Eishockey-Abenteuer
31.01.2019 Sport & Action

Patrick Vetter: Vom Bayernliga-Torhüter zum Profi-Trainer in China

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Eishockey-Torwarts gehört, schnell zu reagieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wahrscheinlich ist es so zu erklären, dass Patrick Vetter keine drei Tage brauchte, um den weitreichendsten Entschluss seines Lebens zu fassen. Der führte ihn aus dem beschaulichen Allgäu ins knapp 8.000 Kilometer entfernte Harbin in der nördlichsten Provinz Chinas. In der 5-Millionen-Stadt arbeitet der Memminger (31) seit dem vergangenen Sommer als Profi-Torwarttrainer bei Kunlun Red Star Junior. Ein schier unglaubliches Abenteuer, von dem er vor einem Jahr noch nicht einmal zu träumen wagte.
Denn eigentlich hatte es der Allgäuer nach Jahren in der Ferne anders geplant. "Ich wollte mich wieder in Richtung Heimat orientieren. Meine Familie und meine Freundin sind in Memmingen. Ich war mit einigen Vereinen im Umkreis im Gespräch", erzählt Vetter im allgaeu.life-Interview. "Doch dann fragte mich mein Spielerberater plötzlich, ob ich Lust hätte, Torwarttrainer in Russland zu sein. Ich dachte erst, das sei ein Scherz..."
Patrick Vetter:
Das Eishockeyspielen lernte Patrick Vetter im Memminger und Kaufbeurer Nachwuchs, bis 2010 fing er für die Indians in der Bayernliga. Königsbrunn, Krefeld, Waldkraiburg und Passau hießen seine Stationen danach. Unbestrittenes Highlight: Für die Pinguine in Krefeld absolvierte er 2011 ein Spiel in der DEL, zeitweise fungierte er als Ersatztorhüter in Deutschlands höchster Spielklasse. Mit Waldkraiburg gewann Vetter 2016 die Bayernliga-Meisterschaft, ehe er beim Ligakonkurrenten Passau anheuerte. Dort war er bis Ende der vergangenen Saison Stammtorhüter.

Doch weit gefehlt. Denn während seiner Laufbahn in Deutschland knüpfte Vetter Kontakte, die ihm jetzt nützlich sein sollten. "In den vergangenen zehn Jahren war ich jeden Sommer in einem Trainingscamp in den USA. Mein dortiger Mentor empfahl mich Steve Kasper." Kasper, ein ehemaliger kanadischer Eishockeystar, der über 900 Spiele in der NHL bestritt, arbeitet als einer der Coaches in China. "Ich habe ihm einen Lebenslauf geschickt, wir haben ein bisschen gesprochen, und drei Tage später saß ich im Flieger von München nach Peking", erzählt der Memminger.

Dort bot sich dem 31-Jährigen eine völlig neue Welt: Die Kunlun Red Stars aus Peking sind der bekannteste chinesische Eishockeyverein. Weil es in dem riesigen Land keine ernstzunehmende Profiliga gibt, spielt der Club in der höchsten Spielklasse Russlands, an der auch Teams aus anderen zentralasiatischen und europäischen Staaten teilnehmen. Die KHL gilt nach der nordamerikanischen NHL als beste Liga der Welt. Vetter ist für die Torhüter des Juniorenteams verantwortlich, das zwei Flugstunden von Peking entfernt in Harbin in der Provinz Heilongjiang stationiert ist. Die Red Stars Junior spielen ebenfalls in einer russischen Liga, der höchsten Nachwuchsklasse MHL.

"Das Niveau ist irrsinnig. Ich sehe ständig die besten jungen Eishockeyspieler Russlands. In diesen Tagen spielen wir wieder gegen das Juniorenteam von Lokomotive Jaroslawl. Von denen waren allein sechs Spieler im letzten NHL-Draft (dabei sichern sich jedes Jahr die NHL-Teams die Rechte an den besten Nachwuchsspielern der Welt; Anm. d. Red.). Wir spielen jeden Spieltag gegen irgendwelche U20-Nationalspieler Russlands", staunt der Memminger.

Die künftigen Olympiahelden formen

Eine nahezu unlösbare Aufgabe für das junge Team aus China, das abgeschlagen am Tabellenende steht und keine Chance auf die Play-offs hat. Und das, obwohl die KRS Juniors - wie überall in der Eishockey-Welt - auf fünf Importspieler und viele Kräfte setzen, die zwar einheimische Wurzeln haben, aber in Nordamerika geboren sind. Doch für den Coaching Staff mit Patrick Vetter spielt der Tabellenstand derzeit nur eine untergeordnete Rolle. Vom chinesischen Verband haben sie einen klaren Auftrag: Sie sollen die künftigen Olympiahelden des Landes formen. 2022 finden die Winterspiele in Peking statt - dort will das chinesische Eishockeyteam eine gute Rolle spielen.

Das Potenzial dafür sei vorhanden, versichert der Torwart-Trainer aus dem Allgäu. "Einer meiner Jungs, Paris O'Brien, ist mit einer Fangquote von fast 90 Prozent in der Liga ganz vorne", sagt der Memminger stolz. Vier junge Goalies stehen bei KRS Junior unter seinen Fittichen. "Ich versuche, ihnen das moderne Torwartspiel zu vermitteln und lege viel Wert auf ihre schlittschuhläuferischen Fähigkeiten."

Leben in unterschiedlichen Zeitzonen

Trainiert wird täglich - wenn das Team nicht gerade im Flugzeug quer durch Russland reist. Die Distanzen sind riesig, 20 bis 30 Flugstunden sind keine Seltenheit. "Ich lebe ständig in verschiedenen Zeitzonen", sagt Vetter. Seit Wochen ist sein Team auf einem "Roadtrip" durch das Land von Wladimir Putin, absolviert ein Auswärtsspiel nach dem anderen. Ein Rhythmus wie in Deutschland, wo sich Heim- und Auswärtsspiele abwechseln, würde wegen der Distanzen keinen Sinn machen. Hotel, Eishalle, Flughafen, Bus, Eishalle - so sieht das Leben von Patrick Vetter aus. "Es dreht sich alles um Eishockey, aber genau das war immer mein Traum", sagt der 31-Jährige.

Die spärliche Freizeit nutzt er, um Land und Leute kennenzulernen. "Moskau ist eine wunderschöne Stadt. Aber die Unterschiede in dem Land sind krass. Du fährst mit dem Bus auf einer fünfspurigen Autobahn aus Moskau heraus und keine 100 Kilometer weiter tuckern wir auf besseren Feldwegen. Dort irrsinniger Prunk, anderswo kaum Strom", erzählt der Deutsche, der aber auch feststellt: "Mir begegnen viele glückliche Gesichter, die Menschen sind mit dem Wenigen zufrieden."

Erst in einigen Wochen wird es für ihn wieder zurück ins bitterkalte Harbin ("Eis-Stadt Chinas") gehen. Dort lebt Vetter wie die meisten Spieler und Coaches im Hotel. "Eine eigene Wohnung würde keinen Sinn machen. Wenn Du nach Wochen auf Reisen zurückkommst und es hat nachts minus 40 Grad, dann freust du dich auf ein beheiztes Hotelzimmer." Eine Umstellung war für den Allgäuer auch das chinesische Essen ("Zum Glück habe ich ein deutsches Restaurant gefunden") und der Verkehr ("Ampeln interessieren die Chinesen nicht"). Verständigt wird sich außerhalb der Eishalle (dort ist die Amtssprache Englisch) mit Händen und Füßen - und einer Übersetzungs-App auf dem Handy.

Es ist eine andere Welt, ein neues Leben für den früheren Bayernliga-Torhüter. Nur eines ist gleich: "Am meisten fasziniert mich: Eishockeyspieler ticken überall gleich - egal welche Hautfarbe oder Nationalität sie haben. Die sind alle mit 16 ein bisschen stehen geblieben, aber wenn es drauf ankommt, arbeiten sie hart und leben für ihren Sport", sagt Vetter lachend.

Und so kann er sich vorstellen, ein weiteres Jahr im fernen Osten zu verbringen. Bis Ende April läuft sein Vertrag in dieser Saison, erst dann geht es nach Hause ins Allgäu. Auf den Urlaub freut er sich, doch geht es nach ihm, kehrt er im Juli wieder nach China zurück. "Mit meiner Karriere als Spieler habe ich abgeschlossen", sagt er. "Aber als Profi-Trainer kann ich den ganz großen Coup noch schaffen."

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