Ein Streitgespräch
17.12.2019 Land & Leute

"Overtourism": Wie offen soll man im Allgäu darüber reden?

Es ist ein Schlagwort, das längst nicht mehr nur Experten benutzen: „Overtourism“. Dieses „Zuviel an Tourismus“ wird vor allem dort thematisiert, wo die Zahl der Gäste für Einheimische störend ist. Venedig ist ein Beispiel, das oft genannt wird. Auch im Allgäu gibt es Punkte, die viele Gäste (und Einheimische) anlocken. Soll man das offen ansprechen und auf die Befindlichkeiten der Einheimischen mehr Rücksicht nehmen? Oder verschreckt man damit potenzielle Gäste? Bei der Jahresversammlung der Ferienhofbetreiber „Mir Allgäuer“ wurde der Tourismus-Wissenschaftler Prof. Alfred Bauer (Hochschule Kempten) dafür kritisiert, dass er die Probleme offen benennt. Klaus Holetschek, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Tourismusverbandes Allgäu/Bayerisch-Schwaben, plädiert dafür, die positiven Aspekte des Tourismus herauszustellen. Wir haben beide zum Interview gebeten – aber Fragen waren kaum notwendig.

Holetschek: Natürlich muss man Probleme benennen, aber doch nicht immer nur unter der plakativen Überschrift Übertourismus! Der Streit um die geplanten Investitionen am Grünten ist ein gutes Beispiel dafür, wohin solche Schlagworte führen: Da gibt es viel zu wenig Miteinander, dabei brauchen wir genau das. Ökonomie und Ökologie müssen miteinander versöhnt werden, denn beides sind wichtige Aspekte für die Lebensqualität in unserem Allgäu.

Bauer: Ich heize die Debatte zum Übertourismus nicht an. Aber wenn Veranstalter mich nach diesem Thema fragen, dann sage ich etwas dazu. Und dass wir im Allgäu Hotspots haben, an denen die Einheimischen belastet werden, kann niemand abstreiten. Darüber müssen wir reden, damit das nicht zu einem echten Problem wird. Es reicht übrigens nicht aus, über einzelne Projekte zu diskutieren. Man muss darüber reden, wie eine ganze Region sich aufstellen will, darüber müssen wir uns Gedanken machen.

Holetschek: Wir haben heute schon naturnahen Tourismus, wir haben auch keine riesigen Bettenburgen wie andere Wintersportgebiete. Wir haben viele kleine, familiengeführte Betriebe im Allgäu, die gute Arbeit leisten. Das dürfen wir nicht schlechtreden. Wir müssen die Probleme, die es gibt, ansprechen und lösen. Und wir müssen auch die positiven Aspekte des Tourismus herausarbeiten.

Die Einheimischen wissen um die Bedeutung des Tourismus und dessen Beitrag für die Region. Deshalb braucht das Allgäu keine Pro-Tourismus-Kampagne.
Prof. Alfred Bauer

Bauer: Die Tourismuspolitik hat vielleicht ein falsches Bild davon, was die Einheimischen glauben. Die wissen um die Bedeutung des Tourismus und dessen Beitrag für die Region. Deshalb braucht das Allgäu keine Pro-Tourismus-Kampagne.

Holetschek: Zur Kommunikation gehört auch, den Menschen klarzumachen, wie stark das Allgäu vom Tourismus profitiert und lebt. Vieles an Infrastruktur in den Bereichen Verkehr, Kultur, Einzelhandel und Gastronomie gäbe es ohne den Tourismus nicht. Wir haben in Deutschland die Autoindustrie kaputtgeredet, wir müssen jetzt nicht auch noch eine Diskussion über den Tourismus entfachen, die kein Mensch mehr einfangen kann. Diese Branche bietet viele Jobs im ländlichen Bereich, die nicht in Billiglohnländer verlagert werden können. Noch diskutieren wir über den Fachkräftemangel, aber wenn die konjunkturelle Entwicklung so weitergeht, sind wir vielleicht bald froh, dass wir den Tourismus als Leitbranche weiterhin hier haben.

Bauer: Wir haben hier kein Problem mit Touristen. Aber wir müssen trotzdem über die Belastung der Menschen im südlichen Oberallgäu und rund um Neuschwanstein reden, weil wir auch kein Problem bekommen wollen.

Holetschek: Wir haben einige Herausforderungen, zum Beispiel beim Thema Verkehr. Da müssen wir über Lenkung und Steuerung nachdenken.

Bauer: Gäste können nur schwer gesteuert werden. Die Menschen drängt es in Bayern zum Beispiel nach Neuschwanstein und an den Königssee. Um die Menschen in weniger stark frequentierte Gebiete zu bringen, benötigen wir neue Attraktionen und ein entsprechendes Marketing.

In Ihrer aktuellen Studie, Herr Bauer, heißt es, die befragten Allgäuer sagten mehrheitlich: So wie der Tourismus jetzt ist, ist es gut. Was heißt das denn? Dass die Branche nicht mehr wachsen darf?

Bauer: Ich schließe daraus, dass die Menschen keine quantitative Ausweitung wollen, also nicht noch mehr Gäste. Wir werden demnächst bei einer Tagung darüber diskutieren, ob erfolgreicher Tourismus ohne Wachstum möglich ist.

Holetschek: Wer entscheidet denn dann, ob noch irgendwo ein Hotel gebaut werden darf oder touristische Entwicklung stattfinden darf?

Wer entscheidet denn heute? Ein Investor und ein Stadt- oder Gemeinderat – oder manchmal eine gut organisierte Bürgerinitiative, die vielleicht nur wenige Mitglieder hat, aber beim Bürgerentscheid eine Mehrheit der Bevölkerung für ihre Position mobilisiert.

Holetschek: Das ist genau der Punkt. Ich stimme ja zu, dass wir Ökologie, Ökonomie und Soziales stärker zusammenführen müssen. Dazu müssen wir die Menschen in Prozesse einbinden und uns über Grundfragen verständigen. Das ist eine zentrale Aufgabe für Abgeordnete, Landräte, Bürgermeister. Also für Menschen, die Verantwortung für eine Region tragen.

Bauer: Das setzt aber voraus, dass die Landräte und Bürgermeister ergebnisoffen moderieren. Und es setzt voraus, dass die Menschen bereit sind, aufeinander zuzugehen, dass sie ihr Schwarz-Weiß-Denken aufgeben.

Politiker können aber nicht nur moderieren, sie werden gewählt, um zu entscheiden. Und viele Entscheidungen brauchen heute schon zu viel Zeit.

Holetschek: Richtig, wir können nicht nur moderieren. Wir müssen jedoch, um beide Seiten in einer Diskussion zu verstehen, viel häufiger bereit sein, uns in die Position des anderen zu versetzen.

Ein Problem, das Einheimische bei Diskussionen über Tourismus oft beklagen, ist der Verkehr. Dabei bleiben zwei Dinge meist unbeachtet: Wenn jemand aus Kempten nach Oberstdorf fährt, dann ist er auch ein Tagestourist – das sind nicht nur die Stuttgarter. Und: Die meisten von uns sind Teil des Problems, weil auch wir zu oft das eigene Auto und zu selten Bus und Bahn nutzen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es dauert viel zu lange, bis Verkehrsprobleme gelöst werden.

Bauer: Es wird nicht den einen großen Wurf geben, sondern eine Vielzahl an kleinen Lösungen.

Holetschek: Aber der Wille ist da und die Zeit ist reif. Wir haben jetzt die Möglichkeit, den Verkehr der Zukunft zu organisieren. Die Allgäu GmbH muss da jetzt die Führungsrolle übernehmen, damit wir schnell zu Entscheidungen kommen.

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