Tierskandal im Allgäu
10.07.2019 Hier & Heute

Nach Schock-Bildern: Tierärztin erhebt Vorwürfe gegen Veterinäramt - Landrat wehrt sich

Nach dem Tierskandal auf einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Bad Grönenbach herrscht in der Region - aber auch deutschlandweit - große Aufregung. Nachdem eine Tierschutz-Organisation gravierende Verstöße gegen den Tierschutz in dem Betrieb mit etwa 1.800 Milchkühen dokumentiert hatte, bekommt der Bauer Drohungen. Das Anwesen wird nun von der Polizei beobachtet. Indes teilte die Molkerei Champignon aus Heising mit, von dem Landwirt "aus ethischen und moralischen Gründen" keine Milch mehr abzunehmen. Doch auch die Behörden rücken in den Fokus. In der Allgäuer Zeitung erhebt eine Tierärztin Vorwürfe gegen das Unterallgäuer Veterinäramt. Landrat Hans-Joachim Weirather weist diese mit scharfen Worten zurück.

Nach dem Tierskandal in Bad Grönenbach greift eine Tierärztin aus der Region das Unterallgäuer Veterinäramt an. Sie erhebt schwere Vorwürfe und behauptet etwa, die Mitarbeiter der Behörde legten bei ihren Kontrollen mehr Wert auf eine korrekte Dokumentation als auf das Tierwohl.

Es überrasche sie deshalb nicht, dass das Veterinäramt den Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach in den vergangenen fünf Jahren zwar 34 Mal kontrolliert, dabei aber nur „geringe und mittlere tierschutzrechtliche Verstöße“ festgestellt hat, sagte die Tierärztin in einem Gespräch mit der Allgäuer Zeitung.

Die von der Organisation „Soko Tierschutz“ veröffentlichten Fotos und Videos zeigen gravierende Verstöße gegen den Tierschutz in dem Betrieb mit etwa 1.800 Milchkühen. Darauf ist etwa zu sehen, wie Arbeiter die Kühe mit Eisenstangen traktieren und an Traktoren durch den Stall ziehen.

Mehr Zeit im Büro als in den Ställen?

Während ihrer Arbeit als Tierärztin habe sie in der Vergangenheit häufig mit dem Unterallgäuer Veterinäramt zu tun gehabt, sagt die Frau. Sie habe dabei die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeiter der Behörde bei Kontrollen mehr Zeit im Büro der Landwirte verbringen und Belege überprüfen, als dass sie in den Ställen nach dem Rechten sehen.

Zudem seien die Kontrollen grundsätzlich zu kurz angesetzt. „Wenn man größere Betriebe genau überprüfen will, dauert das“, sagt sie. Oftmals habe sie das Gefühl, die Veterinäre hätten kein Interesse daran, tierschutzrechtliche Verstöße bei Landwirten zu finden – „das wäre ja mehr Arbeit, als Fehler in der Dokumentation zu suchen“.

Ein weiterer befragter Tierarzt bestätigte teilweise die Aussagen der Kollegin, andere wollten über das Veterinäramt nichts Schlechtes sagen oder sprachen von einer guten Zusammenarbeit.

Landrat: "ehrabschneidend" und "unterirdisch"

Der Unterallgäuer Landrat Hans-Joachim Weirather weist die Vorwürfe der Tierärztin entschieden zurück. Diese Unterstellungen gegen das Veterinäramt hält er für „unterirdisch“ und „ehrabschneidend“. Auf die Frage, wie lange eine Kontrolle des Veterinäramts auf einem Bauernhof in der Regel dauert, antwortete er nicht – „aus Fürsorge für meine Mitarbeiter“. Er wisse seit 13 Jahren, wie seine Mitarbeiter arbeiten und dass sie alle wollen, „dass es in den landwirtschaftlichen Betrieben ordentlich zugeht“, sagt der Unterallgäuer Kreischef.

Weirather weist zudem darauf hin, dass im Landkreis Unterallgäu vier Veterinäre und zwei Veterinär-Assistenten für etwa 1.600 Betriebe mit 140.000 Rindern zuständig seien. „Trotz dieser personellen Besetzung und bei den vielen Betrieben waren wir bei dem Betrieb in Bad Grönenbach in den vergangenen Jahren 34 Mal“, betont er.

143.700 Euro Subventionen von der EU

Bei 19 dieser Prüfungen handelte es sich um reguläre Kontrollen. Dabei untersuchen Veterinäre etwa, ob der Landwirt alle Richtlinien einhält, um Agrarsubventionen der EU zu bekommen. Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erhielt der Bad Grönenbacher Landwirt im vergangenen Jahr etwa 143.700 Euro von der EU.

Zusätzlich fuhren die Veterinäre aber auch 15 Mal nach Bad Grönenbach, weil sie Hinweise auf Tierschutzvergehen erhielten. Der Landwirt habe die festgestellten Mängel jedoch jedes Mal beseitigt, teilt das Landratsamt mit. Darüber hinaus bekamen die Veterinäre Hinweise auf Straftaten, die durch Kontrollen nicht mehr nachweisbar waren – etwa, weil die betroffenen Tiere nicht mehr auf dem Hof waren.

Bei diesen Verdachtsfällen habe die Behörde Strafanzeige gestellt. „Zudem haben wir mehrfach Bußgelder wegen Verstößen gegen die Tiergesundheit verhängt“, teilt das Landratsamt mit.

Auf Vermutungen, dass Veterinäre möglicherweise ihre Besuche bei Landwirten vorher ankündigen, hatte Weirather scharf reagiert: Gegen solche Aussagen werde er „mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln vorgehen“ (wir berichteten).

Kontrollen (un)angekündigt?

Am Mittwoch meldete sich ein Unterallgäuer Landwirt bei unserer Zeitung und schilderte seine Erfahrungen: „Voriges Jahr hingen Visitenkarten an meinem Stall und an der Haustür. Dort war zu lesen, dass das Veterinäramt am nächsten Tag kommen möchte.“ Wenn dies nicht möglich sei, dann solle er wegen eines anderen Termins zurückrufen.

Damit konfrontiert, erklärte Hans-Joachim Weirather, dass dies vorkommen könne, wenn die Veterinäre nach einer bereits erfolgten Kontrolle zur Nachschau ein weiteres Mal auf das Grundstück kämen – dort aber niemanden anträfen. Grundsätzlich gelte aber: „Unsere Kontrollen werden vorher nicht angekündigt.“

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