Ziegen statt Kühe
02.09.2019 Hier & Heute

Mäh statt Muh: Warum Allgäuer Landwirte auf Nischen setzen

Ziegenhof Egger
Auf dem Hof von Johannes Egger wird ständig gemeckert. Das liegt aber nicht an übermäßiger Unzufriedenheit: Egger hält Ziegen, 138 Tiere versorgt er auf seinem Hof nahe Leubas bei Kempten. Der junge Biolandwirt hat sich für diese Nische entschieden, um den kleinen Hof der Eltern erhalten zu können. Wie er machen es immer mehr junge Bauern im Allgäu - sie verdienen ihr Geld anders...

Als Egger 2015 den Hof übernahm, war ihm klar, dass er von Kühen auf Ziegen umsteigen will: „Der Stall ist recht klein und wir haben wenig Flächen. Um eine Familie mit Milchkuhhaltung zu ernähren, hätte ich viel investieren müssen“, sagt der 27-Jährige. Doch damals habe es in der Kuhmilchbranche „düster“ ausgesehen, der Milchpreis war im Keller. Investiert hat er schließlich trotzdem, etwa eine halbe Million Euro. Aber in Ziegen.

Sein Vorteil: Der gelernte Molkereimeister verarbeitet auf dem Hof die Milch zu Camembert und Frischkäse. So verdient er auch an diesem Arbeitsschritt. Wöchentlich produziert er 400 Stück Käse, 100 Kilogramm Frischkäse und 700 Flaschen Ziegenmilch.

Wie er ausgerechnet auf Ziegen kam? „Ich habe immer schon zum Spaß Ziegen gehalten.“ Deren Eigenheiten müsse man aber mögen: „Kühe sind wesentlich ruhiger, eine Ziege ist immer auf Achse.“ Was ebenso anders ist als bei Rindern: Ziegen sind nur saisonal fruchtbar. Das heißt, dass auf dem Egger-Hof zwischen Januar und März Geburt-Zeit ist. „Wir hatten schon Tage, an denen 20 Lämmer zur Welt kamen.“

„Bio-Erlebnis-Tage“ wie auf dem Ziegenhof organisiert die „Ökomodellregion Kempten-Oberallgäu“. Das sind die Termine für weitere Hofführungen in der Region:
>> 27. September, 16 bis 18 Uhr: Die Solidarische Landwirtschaft der Familie Jörg in Durach.
>> 25. Oktober, 15 bis 17 Uhr: Muttergebundene Kälberaufzucht: Hofführung auf dem Betrieb Gabler, Haldenwang.
Anmeldungen sind verpflichtend. Telefon: 08323/998 36 40.
Weitere Informationen zum Programm mit weiteren Veranstaltungen finden sich im Internet unter www.bioerlebnistage.de

Ebenso untypisch geht es am Hof von Hubert Jörg in Durach zu: Dort wird Gemüse angebaut. Jörg sei es immer schwerer gefallen, seine Kühe wiederholt befruchten zu lassen und die Kälber wegzugeben. „Es wurde zunehmend schwieriger, die Achtung für das Tier zu wahren“, sagt Jörg. Er empfand das als Zwangsrad – und wollte ausbrechen.

Vor vier Jahren fing er deshalb mit Gemüse an. „Das war schon gruslig. Für einen Allgäuer Bauern liegt alles näher als Gemüse.“ Trotzdem funktioniere der Anbau – „ich war überrascht, wie gut“. Weil er nun mit offenem Boden arbeitet, sei Erosion plötzlich Thema: Damit Starkregen die Erde nicht wegspült, mulcht Jörg seine Felder mit Gras. Etwa solche Tipps gebe ihm ein Bio-Berater.

Auch wenn der Gemüseanbau funktioniert – Jörg konkurriert nicht mit dem freien Markt. Er betreibt seinen Hof als Solidarische Landwirtschaft. Das heißt: Eine Gruppe von Kunden zahlt monatlich einen festen Betrag und erhält die Ernte des Hofes. Etwa 120 Familien nehmen teil. So wissen sie, woher ihre Nahrung stammt. Im Gegenzug tragen sie das Risiko mit: Fällt weniger Ernte an, erhalten sie weniger Gemüse.

Zwar baut Jörg Gemüse nur auf etwas mehr als einem Hektar an und hält auch heute noch einige Rinder – allerdings trennt er die Kälber nicht mehr von ihren Müttern und schlachtet nur noch in einem kleinen Betrieb. „Ich habe das Gefühlt: Ich bin raus aus dem Zwangsrad.“

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