Praktisches Jahr
26.11.2019 Wissen & Quizzen

Lieber Klinikum Kaufbeuren als Uniklinik: Warum es Medizin-Studentinnen ins Ostallgäu zieht

Das Klinikum Kaufbeuren ist Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München. Medizin-Student-inn/en können hier Teile ihres Praktischen Jahres verbringen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Zwei junge Medizinerinnen erzählen, warum sie sich am Ostallgäuer Klinikum besser aufgehoben fühlen, als an einer großen Uniklinik – und nach dem Studium sogar bleiben.

"Und dann stand ich bei meiner ersten Operation, einem Eingriff an der Schilddrüse, ausschließlich mit Frauen im Saal“ – für die junge Assistenzärztin Eva Liebner war das eine Überraschung. Denn die Chirurgie gelte noch immer als Männerdomäne, es herrsche eine Ellenbogenmentalität und jeder habe Angst, unterzugehen.

Obwohl Liebner der Fachbereich an sich interessiert hat, hatte sie während des Studiums eigentlich nicht vor, anschließend Chirurgin zu werden. Weil sie die Klischees, die sich um den Fachbereich ranken, abschreckend fand. Trotzdem ist sie seit 1. August Assistenzärztin in der Gefäßchirurgie am Klinikum Kaufbeuren. Dort verbrachte die 27-Jährige, die in Würzburg studiert hat, das erste Tertial ihres Praktischen Jahres (PJ), und es sei ganz anders gewesen, als sie befürchtet hatte. „Ich durfte vom ersten Tag an selbstständig arbeiten“, erinnert sich die gebürtige Kaufbeurerin. Es sei aber immer ein erfahrener Arzt in der Nähe gewesen, mit dem sie Rücksprache halten konnte.

Ganz weit vorne im Vergleich

Das Klinikum Kaufbeuren, Lehrkrankenhaus der LMU München, ist einer der am besten bewerteten Anbieter von PJ-Stellen und steht derzeit im internationalen Vergleich auf Platz drei. „An großen Häusern fühlen sich PJ-ler oft wie das fünfte Rad am Wagen, die Ausbilder haben meist wenig Zeit, sehen es als lästige Pflicht und zusätzliche Belastung“, weiß Dr. Marcus Koller, Chefarzt der Abteilung Kardiologie und Innere Medizin, aus eigener Erfahrung. In Kaufbeuren sei das nicht so, die Studenten werden als Teammitglieder ernstgenommen.

„Und obwohl unser Haus vergleichsweise klein ist, decken wir das universitäre Spektrum, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ab. Vom kleinen chirurgischen Eingriff bis zur Hochleistungsmedizin“, sagt Professor Stefan Maier, Chefarzt der Chirurgschen Klinik. An den Unikliniken dagegen seien viele Operationen sehr spezialisiert und hätten wenig mit dem Alltag in kleineren Krankenhäusern zu tun.

Patienten untersuchen, Wunden nähen, Diagnostik anmelden – diese Aufgaben durfte auch Stephanie Heimrich von Anfang an, zunächst im Notfallzentrum, übernehmen. Also nicht nur Blut abnehmen oder im OP mal einen Haken halten. „Dafür gibt es Stationsassistenten.“

Praktisches Jahr (PJ) am Klinikum Kaufbeuren
>> Das Klinikum Kaufbeuren ist seit 2014 Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie akademische Lehrabteilung der Medizinischen Universität Innsbruck und der Privatuniversität Krems.
>> Regelmäßig werden zwei PJ-Studenten in der Abteilung für Innere Medizin aufgenommen, weitere Plätze gibt es in der Chirurgie, in der Anästhesie und in der Pädiatrie (jeweils zwei Plätze) und einen in der Neurologie.
>> Die Studenten erhalten bisher freie Unterkunft am Klinikum (im Wohnheim), Verpflegung und Arbeitskleidung werden ebenfalls gestellt.
>> Ab dem 1. Januar 2020 zahlt ihnen das Klinikum zusätzlich eine monatliche Aufwandsentschädigung von bis zu 744 Euro (der Betrag darf den Bafög-Höchstsatz nicht übersteigen). Obwohl die bisher noch nicht gezahlt wurde, sind die Plätze in Kaufbeuren beliebt: Das Klinikum Kaufbeuren ist derzeit auf Platz 3 im internationalen PJ-Ranking (www.pj-ranking.de).

Familiäre Atmosphäre

Sie habe über Mundpropaganda von den guten Bedingungen in Kaufbeuren gehört und im PJ-Ranking, einer Art Vergleichsportal im Internet für diese Stellen, mit anderen verglichen. Dass es bisher keine finanzielle Aufwandsentschädigung gibt, habe keine so große Rolle gespielt. Wichtiger sei ihr gewesen, mitzuarbeiten, in den Klinikalltag integriert zu sein und zu lernen. Weil es ein kleines Haus sei, werde man sofort ins Team eingebunden. Ohnehin sei sie nicht der Typ für den Massenbetrieb, sie schätzt die familiäre Atmosphäre in Kaufbeuren. Und man werde auch von den Chef- und Oberärzten auf Augenhöhe wahrgenommen, nicht von oben herab.

Deshalb kommt die 24-Jährige, die an der LMU studiert, im Januar wieder nach Kaufbeuren, um ihr drittes Tertial in der Anästhesie zu absolvieren. Das Erste hat sie, wie Liebner, dort in der Chirurgie verbracht, aktuell sammelt sie praktische Erfahrungen auf der Inneren am Uniklinikum Augsburg.

Vor allem in der Chirurgie und der Inneren Medizin sei die Nachfrage nach PJ-Plätzen groß, da praktische Erfahrung in diesen Fachbereichen im Medizinstudium Pflicht seien. Professor Maier und seinen Kollegen ist es wichtig, dass die Studierenden viel lernen und zufrieden sind. Deshalb gibt es einmal pro Woche PJ-Unterricht, zur Prüfungsvorbereitung werden Probe-examen angeboten. Das Engagement sei nicht uneigennützig, sagt Maier: „Natürlich hoffen wir, dass wir so Mitarbeiter rekrutieren können.“

Der Stellenmarkt im medizinischen Bereich sei leer gefegt, vor allem junge Ärzte ziehe es eher in die Großstädte. Umso mehr freue es ihn, wenn aus ehemaligen PJ-Studenten Kollegen werden.

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