Ärger über Trainings-Gerüchte
30.10.2019 Sport & Action

Letzter! Was ist los beim ESVK? - Jetzt spricht Trainer Andreas Brockmann

Nach 14 Spielen in der zweiten Eishockey-Bundesliga ist der ESV Kaufbeuren momentan Letzter. Vergangenes Wochenende verloren die Joker mit 2:4 gegen Ravensburg und 5:7 in Bayreuth. Die Situation wird brenzliger, das Umfeld unruhiger. Cheftrainer Andreas Brockmann (52), mit dem Kaufbeuren zuletzt drei Mal im Halbfinale stand, ärgert sich im Gespräch mit der Allgäuer Zeitung – bei Weitem nicht nur über das Spielerische...

Herr Brockmann, im Sport wie im Leben ist selten etwas schwarz oder weiß. Lassen Sie uns daher mit der Frage starten, was momentan gut läuft beim ESVK?

Andreas Brockmann: Schwer zu sagen, weil man in unserer Situation eher auf das Negative schaut. Wir haben aber in den Spielen selbst immer gute Phasen gehabt. Beispiel: Beim 3:7 in Kassel, da lagen wir in Führung, haben uns sechs Zwei-gegen-Eins-Situationen erarbeitet, bringen dann aber keinen Schuss aufs Tor. Gegen Ravensburg am Wochenende haben wir gekämpft und in Bayreuth, da brauchen wir nicht reden, war es ein vogelwildes Spiel. Da lagen wir auch 5:3 vorne.

Auch das Powerplay funktioniert...

Brockmann: Da sind wir bei 23 Prozent. Ein sehr guter Wert.

Eishockey ist ein großer Teil Ihres Lebens. Wie geht es Ihnen persönlich? Schlechter als in Zeiten, in denen es gut läuft?

Brockmann: Nein, dafür mache ich den Job schon zu lange. Eine so extreme Situation habe ich aber auch noch nie mitgemacht. Als junger Trainer war ich anders. Da hätte mich das viel mehr getroffen. Ich weiß, wir sind in einer prekären Situation. Viele Menschen fragen, warum ich mich bei Erfolgen nicht so sehr freuen kann. Ich weiß einfach im Vorfeld, dass es zwei Seiten gibt. Ich hüpfe bei Siegen nicht herum, genauso wie ich jetzt nicht alles schlecht finde. Ich versuche, meine Balance zu halten. Natürlich fallen jetzt in der Kabine aber härtere Worte. Und meinen Job mache ich zu jeder Phase zu 100 Prozent.

Eine so extreme Situation habe ich auch noch nie mitgemacht.
ESVK-Coach Andreas Brockmann

Sie sagten mal, es sei schwierig einer Mannschaft begreiflich zu machen, dass man in eine neue Saison niemals als Vierter startet, sondern immer auf Position Null. Ist das diese Saison ein ESVK-Problem?

Brockmann: Ich habe gedacht, dass diese Situation schon früher kommt. Nach meinem ersten Jahr hier habe ich gesagt, dass das zweite Jahr schwer wird. Aber das zweite Jahr war gut. Das dritte Jahr, auch da haben wir mal sieben Spiele in Folge verloren, war eigentlich nochmal besser. Vergangene Saison hatten wir am Ende sechs verletzte Verteidiger – und sind trotzdem ins Halbfinale gekommen. Da ist es klar, dass mancher Spieler im Hinterstübchen den Gedanken hat: Wir spielen um die Top 4.

Sie sprachen zuletzt oft von einer schweren Phase. Könnte es auch eine schwere Saison werden?

Brockmann: Beides. Ich will wirklich nicht jammern, aber schauen wir doch mal. (Brockmann steht auf, zeigt mit einem Stift auf ein Whiteboard an der Wand, auf dem die Rückennummern der verletzten Spieler Laaksonen, Gracel, Wolter, de Paly und Lewis stehen) Das sind drei Topstürmer plus ein Verteidiger, die uns fehlen. Das ist der Ist-Zustand. Wir hatten in dieser Saison nie weniger als fünf bis sechs verletzte Spieler. (Brockmann schreibt die Nummern 91 und 16, von Verteidiger Julian Eichinger und Florin Ketterer auf das Bord. Beide kommen gerade von schweren Verletzungen zurück. Er zeigt auf Eichingers Nummer, dann auf Ketterers) Eichinger war acht Monate an der Hand verletzt. Wir haben nicht gewusst, ob er überhaupt noch einmal Eishockeyspielen kann. Ketterer hatte einen Kreuzbandriss, war auch über ein halbes Jahr weg.

Wir sprechen über die Verletzten. Ist diese Häufung an Verletzungen, oft muskulär, ein Zufall?

Brockmann: Der Körper besteht viel aus Muskeln. Wolter läuft gegen den Pfosten, de Paly hat jedes Jahr Probleme mit dem Knie. Lewis hat sich im Training nach einem Cross-Check verletzt, Gracel nach einem Schuss, den er abbekommen hat. Ich weiß aber, worauf Sie anspielen.

Die Fans interessiert, ob es da Zusammenhänge gibt?

Brockmann: Mir gefällt es nicht, dass draußen darüber gesprochen wird, dass wir angeblich zu viel und zu hart trainieren. Wir trainieren weder zu hart noch zu viel, sondern genauso wie in den vergangenen drei Jahren. Aus. Basta.

Wo kommen dann die Gerüchte?

Brockmann: Es gibt einen Ehrenkodex: Das habe ich der Mannschaft nochmals verdeutlicht. Alles, was in der Kabine ist, bleibt da. Mir gehen da zu viele Gerüchte rum. Kaum jemand sucht immer zuerst die Schuld bei sich, die sucht man doch immer woanders. Wissen Sie, ich lese kein Internet, aber ich höre in diesen Phasen genauer hin. Wenn ich höre, dass unser Co-Trainer Sebastian Osterloh verantwortlich gemacht wird, er würde zu viel trainieren, dann ist das eine bodenlose Frechheit. Er ist den ganzen Sommer da und kümmert sich. Er macht ein überragendes Training und ist auf dem neuesten Stand. Für ihn lege ich meine Hand 100 Mal ins Feuer. Ich bin so froh, dass ich ihn habe. Osti macht einen unglaublichen Job. Aber man darf nicht vergessen, dass Osterloh uns als Spieler in der Kabine abgeht. Osterloh ist immer vorausgegangen, er hat seinen Körper zur Verfügung gestellt und so auch kaputt gemacht.

Neben den verletzten Spielern sind es die Leistungsträger, die nicht zu ihrer Form finden ...

Brockmann: Es sind sicher einige da, von denen wir uns mehr erwarten. Aber das ist mir zu einfach. Wir sind eine Mannschaft. Das hat uns immer ausgezeichnet.

Warum sehen wir dann das Brockmann-Eishockey so selten?

Brockmann: Mein Eishockey ist ein modernes Eishockey, hohes Tempo, druckvoll. Es ist eine Kopfsache und es wird immer mehr zur Kopfsache. Wenn dein Kopf nicht funktioniert, dann gehen auch die Beine nicht mehr. Wir haben Respekt und Angst, Fehler zu machen. Das Selbstvertrauen fehlt. Und du kriegst jedes Mal eine auf den Deckel. Du führst 2:0 und tust und machst – und prompt steht es 2:2 und 2:3.

Wenn dein Kopf nicht funktioniert, dann gehen auch die Beine nicht mehr. Wir haben Respekt und Angst, Fehler zu machen. Das Selbstvertrauen fehlt.
ESVK-Coach Andreas Brockmann

Also Kopf aus und nicht denken.

Brockmann: Denken schon, aber fokussiert. In einer schweren Phase will man es zu kompliziert machen. Wenn ich Spielern zeige, wie sie gespielt haben, als es gut lief, dann sehen sie, dass sie ganz einfaches Eishockey spielten. Jeder will, wenn es nicht gut läuft, laufen und kämpfen. Es ist aber wie eine Blockade. Diese löst sich nur durch Erfolge – und an die muss man glauben.

Das Saisonziel ist immer Platz zehn. Haben Sie Zeit nachzudenken, was wäre, wenn es am Ende wirklich die Play-Downs werden?

Brockmann: Soweit denke ich nicht. Bis dahin haben wir noch 38 Spiele. Wenn es so weit ist, müssen wir uns dem stellen. Der ESVK hatte jetzt drei Jahre wie im Märchen, alles war schön. Man hat gedacht, es geht immer so weiter. Alle Mannschaften, die zuletzt Play-Downs gespielt haben, wollen doch da nicht mehr hin. Mir hat genau das in meinem ersten Jahr hier in die Karten gespielt. Ich konnte meinen Spielern Dinge leicht vermitteln, weil keiner mehr in die Play-Downs wollte. Jetzt bricht das Kartenhaus zusammen, weil im Sommer alle dachten, dass wir eh wieder unter den ersten Sechs spielen.

Am Freitag, 18 Uhr, gastiert Dresden in Kaufbeuren. Was erwartet Sie?

Brockmann: Dresden hat unglaubliche Spieler. Sie haben einen neuen Trainer, sie haben sich gefangen. Das ist ein Top-Team mit einem Budget weit über unserem.


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