Bergwachtler in Interview
10.07.2019 Wissen & Quizzen

Lebensrettende Tipps: So gehst Du richtig vorbereitet in die Berge

Drei tote Wanderer im Oberallgäu in den ersten sechs Monaten des Jahres und drei tödliche Abstürze im Kleinwalsertal. Hinzu kommen jede Menge Rettungen der Bergwacht. Das zeigt: Einfache Regeln sollte jeder beachten, der in die Berge geht. Infos über den Schwierigkeitsgrad der Tour einholen, gehört dazu, sagt Bernd Zehetleitner. Wir sprachen mit dem Bereitschaftsleiter der Bergwacht Sonthofen über Gefahren im Gebirge und was jeder selber tun kann, um das Risiko eines Absturzes zu minimieren.

Was wird allgemein beim Bergwandern unterschätzt, beziehungsweise überschätzen die Wanderer? Welche Erfahrungen haben Sie?

Bernd Zehetleitner: Beim Bergsteigen, Klettern und Bergwandern wird man mit alpinen Gefahren konfrontiert. Hier braucht es Grundwissen Erfahrung und Ausrüstung um diese bestmöglich zu reduzieren. Leider wird dies häufig unterschätzt. Speziell in den Voralpen ist man sich dessen aufgrund der niedrigen Höhe und dem vermeintlich leichten Gelände oft nicht bewusst. Man sollte sich vorher immer über den Schwierigkeitsgrad der Tour informieren.

Es haben sich leichte Schuhe fürs Wandern eingebürgert, sind die für alle Wege geeignet?

Zehetleitner: Leichte halbhohe Schuhe eignen sich für Wanderungen im Flachland und eventuell in den Mittelgebirgen. Fälschlicherweise werden genau diese Schuhe auch von der Sportartikelindustrie für das Gebirge beworben, da dies ein großer Umsatzmarkt ist. Fakt ist, dass noch nie so viel Geld für ungeeignete Schuhe im Gebirge ausgegeben worden ist. Die Anatomie des Menschen ist seit Jahrtausenden dieselbe. Nach wie vor ist es mit das Wichtigste, dass der Schaft über den Knöchel reicht und diesen stabilisiert sowie der Schuh über eine ausreichende Festigkeit und eine gute Sohle verfügt. Unsere Bergführer sind ausschließlich mit Bergstiefeln auf Tour unterwegs, was zur Professionalität dazu gehört.

Unfälle in den Alpen:
>> Vier Bergsteiger kamen bislang 2019 in den Allgäuer Alpen ums Leben, davon drei am nur knapp 1.500 Meter hoch gelegenen Burgberger Hörnle. Auch dort gibt es ausgesetzte Passagen und kurze Wegstrecken mit einem Handlauf. Solche Stahlseile sind an vielen Bergen üblich, informiert die Bergwacht. Wer eine Bergtour startet, sollte eine gute Kondition haben und schwindelfrei sein.
>> Im Kleinwalsertal starben 2019 bislang vier Menschen im Gebirge.
>> 2018 kamen insgesamt im Gebirge im Allgäu 25 Menschen ums Leben, davon 17 Bergsteiger oder Wanderer – so viel wie noch nie in den vergangenen fünf Jahren, laut Polizei.
>> Zum Vergleich: Im Straßenverkehr Getötete 2018: 14 im Oberallgäu und 15 im Ostallgäu. Insgesamt waren es im Allgäu 43. 

Wann sollte ich Stöcke mitnehmen?

Zehetleitner: Stöcke nützen in erster Linie direkt Personen, die Knieprobleme haben und mit den Stöcken besser unterwegs sind. Ansonsten ist der Einsatz von Wanderstöcken umstritten. Immer wieder geben beispielsweise Unfallopfer an, über die Stöcke gestolpert und dadurch gestürzt zu sein. Daher sollte der Einsatz von Bergwanderstöcken wohl überlegt sein.

Manche denken, ich brauch doch kein Getränk oder viel Proviant, am Weg ist ja eine Hütte. Was sagen Sie?

Zehetleitner: Das kommt natürlich immer auf die jeweilige Länge der Etappe sowie auf die individuelle Konstitution der Person an. Aber grundsätzlich sollte man natürlich auch bei kleineren Touren immer für „Notfälle“ einen Riegel zum essen und etwas zu trinken dabei haben. 

Wie kann ich eine Überanstrengung erkennen – und was mache ich dann?

Zehetleitner: Personen, die sich überanstrengen, klagen meist über Kopfschmerzen, Schwindel, hohem Puls, Kraftlosigkeit und eventuell Übelkeit. Häufig gehen diese Symptome mit Hitzschlag, Sonnenstich und Dehydration beziehungsweise Unterzucker einher. Natürlich sollte es mit einer guten Tourenplanung gar nicht erst soweit kommen. Wenn doch der Fall eintreten sollte, dann erst mal möglichst im Schatten Pause machen. Der Betroffene soll ausreichend trinken, eventuell auch etwas essen. Auf jeden Fall sollte die Tour abgebrochen werden. Wenn der Abstieg nicht mehr aus eigener Kraft erfolgen kann, dann über die Handykurzwahl 112 die Bergwacht alarmieren.

Viele Menschen sind allein in den Bergen unterwegs und vertrauen im Notfall auf ihr Handy. Reicht das?

Zehetleitner: Ein Handy ist zwar Standard. Da es aber nicht überall Netz gibt, sollte man zuhause immer möglichst exakt mitteilen, wo man unterwegs ist und wann man wieder zurück sein wird.

Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die untrainiert sind und nur ein- bis zweimal im Jahr in die Berge gehen. Was raten Sie denen?

Zehetleitner: Die ersten Touren sollten bewusst kurz und leicht ausgewählt werden. Oft wird unterschätzt, dass der Aufstieg nur die halbe Tour ist und es für den Abstieg noch dementsprechend Reserven braucht.

Bei größeren Touren mit mehr als fünf oder sechs Stunden: Was gehört unbedingt in meinen Rucksack?

Zehetleitner: Man sollte natürlich immer ausreichend zu trinken und auch zu essen dabei haben. Wetterschutzkleidung für Kälte, Regen, Wind und Sonne sowie ein Erste-Hilfe-Set gehören sowieso immer in den Wanderrucksack.

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