Allgäuer Lawinentag 29.1.
29.12.2018 Wissen & Quizzen

Lawinengefahr auch bei wenig Schnee: Hier sagt ein Bergführer, was Du wissen musst

AZ
Noch hält sich der Winter ja mächtig zurück - doch in den Allgäuer Alpen herrschen gute Wintersport-Bedingungen trotz wenig Schnee. Leider kommt damit auch die Lawinengefahr einher. Und die ist trotz - oder gerade wegen - des wenigen Schnees nicht zu unterschätzen. Der Oberallgäuer Bergführer Bernd Zehetleitner beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Risiken im Gebirge. Er rät zu einer fundierten Ausbildung und sagt: „Man muss mit der Sicherheitsausrüstung auch umgehen können, sonst nützt sie nichts.“

Die Lawinenberichte werden ja immer besser und auch das technische Equipment. Mal ganz ehrlich: Müssen sich Wintersportler immer noch so intensiv mit der Materie Lawinengefahr auseinandersetzen wie früher?

Bernd Zehetleitner: Die Lawinenlageberichte werden in der Tat immer besser und präziser. Dennoch ist der Lawinenlagebericht nur eines von mehreren Instrumenten in der Tourenplanung und im Risikomanagement. Für den Schneesportler ist er aber dennoch eine große Hilfe, da man durch die Infos zum Teil auf aufwendiges Graben und Analysieren im Schnee verzichten kann. Aber der Lawinenlagebericht erspart keineswegs die Beurteilung eines Einzelhangs. Das ist letztendlich sogar das Wichtigste. Besonders für den Laien ist der Lagebericht jedoch das beste Informationsmittel – vorausgesetzt man versteht den Inhalt und setzt die Empfehlungen um.

Insgesamt sind die Winter in den vergangenen 20 bis 30 Jahren schneeärmer geworden – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Bedeutet das nicht auch, dass die Lawinengefahr für Schneesportler insgesamt rückläufig ist?

Zehetleitner: Hier muss unterschieden werden zwischen der jeweiligen Lawinengefahr und Lawinenunfällen. Die Lawinengefahr ist unabhängig von der Schneemenge. In kalten und schneearmen Wintern ist die Lawinengefahr häufig sogar größer als in Wintern mit viel Schnee. Aber: Bei wenig Schnee und schlechten Verhältnissen sind weniger Menschen abseits der Pisten unterwegs. Prozentual gibt es dann jedoch wahrscheinlich weniger Lawinenunfälle, was aber ausschließlich auf die Frequentierung zurückzuführen ist. Auch bei wenig Schnee kann es einen ungünstigen Schneedeckenaufbau oder zugewehte Rinnen und Mulden geben, in denen sich Schneebretter auslösen.

22. Allgäuer Lawinentag auf dem Nebelhorn:
Am Sonntag, 29. Januar 2019, findet ab 9 Uhr der 22. Allgäuer Lawinentag auf dem Nebelhorn bei Oberstdorf statt.
Der Allgäuer Lawinentag ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Bergschule Oberallgäu, unserer Zeitung, der Nebelhornbahn, der Firma Ortovox und Sport Reischmann. Ebenso mit dabei ist das Team des Rettungshubschraubers Christoph 17 und die Bergwacht Allgäu.
Am Sonntag geht es ab 8 Uhr mit der Bahn zur Station Höfatsblick. Um 9 Uhr ist Kursbeginn. Kurze Vorträge und Vorführungen im Gelände wechseln sich ab.
Kartenvorverkauf in allen Vorverkaufsstellen der Allgäuer Zeitung und der Heimatzeitungen. Tickethotline 0831/206-5555 sowie unter www.allgaeuticket.de. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Der Unkostenbeitrag beträgt 45 Euro für jeden Teilnehmer. Abonnenten der Allgäuer Zeitung und der Heimatzeitungen erhalten einen Vorteilspreis von 40 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre beträgt der Teilnehmerpreis 35 Euro.
Internet: www.lawinentag.de

Wie hat sich das Tourengehen und Variantenfahren gewandelt?

Zehetleitner: Skitourengehen ist momentan eine Trendsportart. Zum einen gibt es nach wie vor die klassischen Skibergsteiger, welche wie eh und je gut organisiert in den Bergen unterwegs sind. Früher wurde Tourenausrüstung ausschließlich im Fachhandel mit entsprechender Beratung gekauft. Durch den Trend gibt es aber auch immer mehr Menschen, die sich im Kaufhaus mit einer Tourenausrüstung ausstatten und dann loslegen. Das Selfie am Gipfel ist oft wichtiger als das Tourenerlebnis. Da durch das hochwertige Skimaterial auch schwache Skifahrer abseits der Pisten unterwegs sein können, gibt es an jedem Neuschneetag einen regelrechten Kampf um die ersten Spuren im Tiefschnee. Für eine Risikobeurteilung bleibt da natürlich keine Zeit mehr.

Wie sieht es mit Pistentourengehern aus?

Zehetleitner: Jemand der aus sportlicher Motivation oder aufgrund fehlender Skitechnik mit einer Tourenausrüstung auf einer Piste aufsteigt und abfährt, ist noch kein Tourengeher. Grundsätzlich ist es natürlich sinnvoll, wenn Unerfahrene und Ungeübte zunächst im „sicheren“ und kontrollieren Skibereich unterwegs sind, solange man die Spielregeln befolgt. Dazu zählt vor allem, ganz am Rand aufzusteigen. Gegen die Abfahrtrichtung der Skifahrer aufzusteigen ist aber immer ein nicht unerhebliches Risiko.

Was bringt ein einziger Tag wie der Allgäuer Lawinentag für einen Schneesportler?

Zehetleitner: Der Allgäuer Lawinentag ist eine Infoveranstaltung rund um Lawinenprävention und Rettung. Er findet heuer zum 22. Mal statt. Hier versuchen wir möglichst kompakt, Wintersportlern Wissen und Know-How zu vermitteln. Leider ist die Materie aber sehr umfassend und wir können durch die begrenzte Zeit nur die wichtigsten Schwerpunkte behandeln. Für die Vorträge konnten wir heuer wieder Fachleute der jeweiligen Gebiete gewinnen. Logischerweise kann der Lawinentag aber keinen mehrtägigen Lawinen- und Tourenkurs ersetzen.

Wo kann man im Anschluss an den Lawinentag noch intensiver in die Materie einsteigen?

Zehetleitner: Wir empfehlen allen Teilnehmern, zusätzlich einen weiterführenden Lawinen- oder Skitourenkurs bei einer Profi-Bergschule zu besuchen, da hier vor allem praktische Anwendungen sehr intensiv vermittelt werden.

Welche Gegenstände zählen heute zur Grundausstattung für Schneeschuhgeher, Tourengeher oder Variantenfahrer im freien Skigelände?

Zehetleitner: Grundsätzlich gilt, dass eine Lawine nicht zwischen Skifahrer oder Schneeschuhgeher unterscheidet. Daher braucht jeder die gleiche Notfallausrüstung. Während man auch auf Pisten grundsätzlich immer mit Verbandszeug, Handy und Recco-Reflektor unterwegs sein sollte, zählen Lawinen-Verschüttetensuchgerät, Schaufel und Sonde zur Elementarausrüstung abseits der Piste. Empfehlenswert ist zudem ein Lawinen-Airbag, der die Überlebenschance aber nur um etwa zehn Prozent erhöht.

Mit welchen Kosten für die Ausrüstung muss man rechnen?

Zehetleitner: Wie überall im Leben ist man im Mittelfeld ganz gut beraten. Gute Verschütteten-Suchgeräte gibt es ab etwa 250 Euro. Sonden ab 30 Euro und gute Lawinenschaufeln, die in der Lawinenrettung ja fast die wichtigste Rolle spielen, kosten ungefähr 50 Euro. Vorsicht ist geboten bei Set-Angeboten, wo häufig bei Sonde und Schaufel eingespart wird. Gute Lawinenairbags kosten 600 Euro, Recco-Reflektor 25 Euro.

Was ist bei der Notfallausrüstung zu beachten?

Zehetleitner: Die beste Ausrüstung nützt wenig, wenn diese nicht richtig angewendet werden kann. Leider ist das bei vielen, die im Gelände unterwegs sind, wohl der Fall. Die Wenigsten sind in der Lage, unter Stress – was ein Lawinennotfall immer mit sich bringt – effektiv zu retten. Daher sind eine solide Grundausbildung und regelmäßiges Training wesentlich effektiver als nur das Beste zu kaufen. Sehr kritisch sehe ich die vermeintliche Sicherheit der Lawinenairbags. Diese Sicherheit kann sehr schnell trügerisch sein und dazu führen, dass Wintersportler ein höheres Risiko eingehen. Das aber kann sich sehr schnell als verhängnisvoller Fehler erweisen.

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