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10.09.2019 Sehen & Hören

Kutschenmuseum in Hinterstein: Warum diese "Wunderkammer" Kult ist

Kutschenmuseum
Dieses Museum ist einmalig. Genau wie sein "Museumsleiter": Martin Weber (57) ist ein "Mächler", der auf einem Grundstück zunächst Kutschen präsentierte. Zum bunten Allerlei des Kutschenmuseums in Bad Hindelang gehören inzwischen auch lebensgroße Tiere aus Bronzeguss. 

Ins Kutschenmuseum? In den meisten Familien wird sich die Begeisterung der jüngeren Familienmitglieder in Grenzen halten, wenn solch ein Ausflug angekündigt wird. Beim Hintersteiner Kutschenmuseum aber kommen nach dem gemeinsamen Besuch mit Kind und Kegel mit großer Wahrscheinlichkeit Rückmeldungen wie "cool", "verrückt" oder "richtig unheimlich". Denn am  Rande von Hinterstein auf einem privaten Grundstück reihen sich nicht nur die Kutschen aneinander, dort kommt noch so manches hinzu: Präparierte Wildtiere, Schaufensterpuppen in historischem Gewand, Huinza, Wagenräder, verschneite Landschaften bei sphärischer Musik und noch vieles mehr. Da gibt es eine Menge zu entdecken.

"Museumsleiter" und Gestalter des Ganzen ist ein 57-Jähriger aus Sonthofen: Martin Weber. Er wuchs in Hinterstein auf, studierte einige Jahre Theologie, arbeitete dann als selbstständiger Maler. Er ist seit einigen Jahren wegen einer Erkrankung arbeitsunfähig. Das Kutschenmuseum ist sein Lebenswerk. Es ist immer offen. Der Eintritt ist frei. Weber hofft, "dass die nächste Generation mal froh ist, dass es so etwas in Hinterstein gibt." Vor über 30 Jahren hat Weber dieses Domizil auf einem familieneigenen Grundstück eröffnet.

Das schreiben User auf der Facebookseite "Kutschenmuseum Hinterstein"
"Das kurioseste Museum, das ich je gesehen habe! Es gleicht einer Wunderkammer aus früheren Zeiten - heimelig und unheimlich zugleich."
"So traumhaft, man glaubt, man ist für kurze Zeit in einer völlig anderen Welt. Ein toller Ort, um in der heutigen hektischen Zeit, einfach mal innezuhalten."
"Es ist ein kleines Museum, aber sehr detailgetreu und liebevoll hergerichtet. Das Kutschenmuseum war schon immer schön, aber jetzt nach der Neueröffnung ist es noch schöner geworden."
"Ich kann nur hoffen, dass diese beeindruckende Sammlung niemals irgendwelchen Vandalen zum Opfer fällt."

Weber ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen im landwirtschaftlich geprägten Hinterstein. Kutschen faszinieren ihn. Er erwarb die alten Stücke im Allgäu und Umgebung, richtete sie her, bestückte sie mit lebensgroßen Schaufensterpuppen. Da sind beispielsweise ein historischer Bestattungswagen und ein Schlitten aus dem 19. Jahrhundert und viele andere, liebevoll gestaltete Kutschen aus früheren Zeiten.

Trotz allem: Das Hintersteiner Kutschenmuseum polarisiert. "Zu viel auf einem Fleck", sagen Kritiker, die es gerne überschaubarer hätten. "Eine Märchenwelt" titulieren andere, die gerne in solch ein Sammelsurium eintauchen. Eineinhalb Jahre, bis Oktober 2018, war das Kleinod im Oberallgäu jedoch geschlossen. Fehlender Brandschutz machte einen Neubau nötig.

Wie ein Labyrinth hatte Weber früher einen Holzstadel an den nächsten gereiht, über Jahre hin sein Museum vergrößert, mit Porzellan, Bilderrahmen oder Kunststoffblumen ausstaffiert. Es war duster, ohne Tageslicht und unübersichtlich. Im Falle eines Brandes, so befürchteten die Verantwortlichen des Landratsamts Oberallgäu, wäre es für manche schwierig gewesen, einen Ausgang zu finden. Weber musste einige Gebäude abreißen. Der Gemeinderat Bad Hindelang - sich wohl bewusst, dass das Kutschenmuseum ein Besuchermagnet ist - entschied, dass die Gemeinde den Plan für einen 130 Quadratmeter großen Neubau zahlt. Weber selbst und einige Mitstreiter stellten ein neues, stabiles Haus auf. Seit knapp einem Jahr ist es wieder offen.

Um das Haupthaus herum gibt es immer noch einige Schuppen - auch eine Grotte. Überdachungen mit Kutschen reihen sich in einem Halbkreis im Garten hinter dem Hauptgebäude aneinander. Es ist ein Ort der Einkehr - aber nicht des Einkehrens. Niemals würde Weber Getränke oder eine Brotzeit anbieten. Er will keinen Kommerz. Wer ihm eine Spende für seine Sammlung geben will, herzlich gerne. Aber Spenden für den Bau des neuen Haupthauses, in das Weber, so sagt er, ungefähr 75 000 Euro gesteckt hat, will und wollte er nicht annehmen. Er möchte niemandem etwas schuldig bleiben.

Mit Lammfell belegte Holzbänke laden vor dem Neubau zum Verweilen ein, es gibt einen Teich hinterm Haupthaus mit einem Alligator, Pferden, Rehen und Hirschen aus Bronzeguss. Das ist Webers neue Leidenschaft. Die Figuren schenkt er sich selbst Stück für Stück. "Ich habe keine Kinder, lege keinen Wert auf Luxus und lebe ansonsten ganz bescheiden", sagt der Oberallgäuer, der immer weiter an seinem kuriosen Museum werkelt, mal wieder was mit dem Rad zum Wertstoffhof schafft, mal wieder was vom Wertstoffhof bringt, gestaltet und umgestaltet. Denn nix bleibt, wie es ist, auch nicht im Kutschenmuseum, das Kultstatus hat. Schätzungsweise bis zu 30 000 Besucher finden jährlich dorthin den Weg. Und viele finden Webers Lebenswerk "einfach cool".

Das Hintersteiner Kutschenmuseum ist nur zu Fuß zu erreichen. Im 800 Quadratmeter großen Gelände sind Schwellen. Für Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderte ist das Kutschenmuseum deshalb nicht empfehlenswert. Wer einen (geländegängigen) Kinderwagen dabei hat, kann gut bis zum Museum laufen, in die Innenräume kann der Wagen allerdings nicht mitgenommen werden. Dazu ist es zu eng. In Hinterstein gibt es gute Einkehrmöglichkeiten. Der Fußweg dauert von einem der großen Parkplätze im Dorf ungefähr 15 bis 25 Minuten. Auch mit einem geländegängigen Rad ist das Kutschenmuseum gut zu erreichen. Für einen Rundgang durchs Museum nehmen sich die meisten Besucher 20 bis 60 Minuten Zeit. Der Eintritt ist frei.
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