Christina Meissl aus KF
07.10.2019 Land & Leute

„Jede Schicht ist anders“: Was eine junge Allgäuer Polizistin erlebt

Christina Meissl ist eine von wenigen weiblichen Polizei-Führungskräften im Allgäu. Sekundenschnell reagiert ihr Team auf Einsätze – auch dank gemeinsamer Essen. Wir stellen Dir die 27-Jährige vor.

Abrupt bremst Polizist Christian Rehle den Streifenwagen. „Da läuft jemand“, bestätigt Christina Meissl und prallt unsanft gegen die Beifahrertür. Es ist Nacht: 1.40 Uhr. Versuchter Raub. Zwei maskierte Männer flüchten durch Kaufbeuren. Einer ist schwarz gekleidet. Der andere hat helle Augen. Mehr Informationen haben sie nicht. Jeder wirkt verdächtigt.

Doch die Kontrolle ergibt schnell, dies ist nur ein zufälliger Passant. Dienstgruppenleiterin Meissl greift nach dem Funkgerät. Sie koordiniert vier Streifenwagen. Ihre Stimme ist ruhig, der Blick konzentriert. Es muss schnell gehen. „Gibt es eine Täterbeschreibung?“ Michaela Schlayer verneint. Sie sitzt in der Wache. Nur jeder vierte Polizist im Allgäu ist weiblich. Führungspositionen bei der Bayerischen Polizei sind zu 90 Prozent in Männerhand.

„Die Stellen sind rar“, sagt Michaela Schlayer. Der lange Weg zu einer leitenden Position liegt noch vor ihr. 2013 begann die 27-Jährige ihre Ausbildung bei der Polizei. Es ist ihr Kindheitstraum. Sie fährt gerne Streife. Um aufsteigen zu können, muss sie eine spezielle Prüfung absolvieren, sagt sie. „Und sich über lange Jahre hinweg bewähren.“

Das sei hart, benachteiligt fühle sie sich allerdings nicht: „Niemand wird bevorzugt.“ Christina Meissls Aufstieg ging schneller. Auch sie ist 27 Jahre alt. Aber sie studierte bei der Polizei. 2014 begann ihr gehobener Dienst in Dachau. Zwei Jahre später wechselte sie nach Kaufbeuren, ihre Heimatstadt. „Die Arbeit macht Spaß“, sagt sie. Schon wenige Monate später wurde sie zur Dienstgruppenleiterin ernannt. Sie ist damit eine von 191 Führungskräften der Landkreise Ost-, Ober- und Unterallgäu; 31 davon sind weiblich. „Das war auch Glück“, sagt sie – weil eine Stelle frei wurde. Bewähren musste sie sich trotzdem. Anfängliche Bedenken aber zerschlugen sich schnell. „Wir arbeiten als Team“, sagt sie. Ehrlichkeit und Vertrauen seien wichtig. Nicht das Geschlecht.

Die Autotür schlägt zu. Christian Rehle gibt Gas. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir die Täter jetzt noch erwischen“, sagt Meissl. Die Unbekannten sind seit gut zwanzig Minuten flüchtig. Sie könnten überall sein. Im Gebüsch, im Garten, auf dem Trümmergelände. Drei Streifen durchkämmen das Gebiet, filzen Autos, Bars und Fußgänger. Eine vierte sichert Spuren. Meissl bricht die Suche ab. Beordert alle an den Tatort. Eine Verfolgungsjagd wie in dieser Nacht ist keine Routine.

Man muss flexibel sein und den Druck aushalten.
Christina Meissl

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Kaufbeurer Polizei 117 Fälle im Bereich Gewaltkriminalität – also Mord, Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung und Raub. Etwa 80 Prozent davon wurden aufgeklärt. Jede Spur ist wichtig, die Stimmung angespannt. „Was wissen wir?“, fragt Meissl in die Runde. Am Tatort steht ein Rettungswagen. Blut klebt an der Haustür. Alex Landgraf hat die Geschädigte vernommen. Er fasst zusammen: Die Täter haben geklingelt, das Opfer geschlagen. Sie wehrte die Eindringlinge ab. Geklaut wurde nichts. „Also kein Raub, aber Körperverletzung.“ Seit sechs Stunden ist die Schicht von Christina Meissl schon im Dienst. Sie haben Zeugen vernommen, Wildunfälle erfasst und Autofahrer kontrolliert.

Wie in jeder Nachtschicht hat die Gruppe gemeinsam gekocht und gegessen. Das hat sie eingeführt. „Es ist wichtig, viel miteinander zu reden“, sagt Meissl. Das gehe am besten beim Essen. Zu Tisch spricht das Team über vergangene Einsätze, aktuelle Probleme und künftige Herausforderungen. „Das schweißt zusammen.“

Und genau das merke sie im Einsatz – wie etwa in dieser Nacht. Als die Polizei über die Tat informiert wurde, reichten knappe Anweisungen von Meissl. Kaum eine Minute später begann die Suche. Inzwischen ist es 2.30 Uhr. Die Polizisten sind zurück auf der Wache. Der Fall wirft Fragen auf. Wieso öffnete die Frau nachts die Türe? Kannte sie die Täter? Gibt es noch Zeugen?

Das Telefon klingelt. In Oberostendorf fährt ein Auto in Schlangenlinien. Das Funkgerät knackst. Ein Mann in Kaufbeuren braucht Hilfe. Die Beamten müssen weiter. Zehn Stunden dauert eine Schicht. Oft bleibt wenig Zeit für Pausen. Die Akten müssen angelegt werden. Der Fall geht an Kollegen. Sie versuchen, Zeugen zu finden. In diesem konkreten Fall gelingt dies jedoch nicht. Die Täter bleiben bisher unerkannt.

„Jede Schicht ist anders“, sagt Meissl. „Man muss flexibel sein und den Druck aushalten.“ Sonst habe man in dem Beruf keinen Erfolg – weder als Mann noch als Frau.


Weitere Artikel