Bergwachtler schreibt
17.05.2018 Land & Leute

Liebe Urlauber, bitte lest diesen Text, bevor Ihr in die Bergsaison startet... 

Mit den Pfingstferien beginnt für viele Urlauber die Wandersaison in den Bergen. Doch oftmals werden die Gefahren im alpinen Bereich unterschätzt. Hannes Bruckdorfer (43), Bereitschaftsleiter der Bergwacht Füssen, hat für allgaeu.life einen Brief verfasst, der zu verletzungsfreien Ausflügen beitragen will. Außerdem schildert er die Arbeit der ehrenamtlichen Bergwachtler.

Liebe Urlauber, 

ein Gedanke vorweg: Die Alpen sind ein besonderer Ort. Jedem sei es vergönnt, ihn zu genießen. Ganz egal ob er Einheimischer oder Tourist ist.

Genauso sollte sich jeder Gedanken machen, bevor er zu einer Wanderung aufbricht.

Wir Bergwachtler - übrigens alle ehrenamtlich aktiv - erleben leider immer wieder, dass sich Menschen leichtsinnig in Gefahr bringen. Grob gesagt, lassen sie sich in zwei Kategorien unterteilen: 

Der Unterschätzer: Er stolpert völlig unbedarft in eine gefährliche Situation. Er fährt beispielsweise mit der Bergbahn auf den Gipfel - und beschließt spontan nach unten zu laufen. In Turnschuhen oder Sandalen. Untrainiert, ohne Proviant. Er wirft kurz einen Blick aufs Handy, das ihm den kürzesten Weg nach unten vorschlägt. Der führt dann beispielsweise vom Tegelberg-Gipfel schnurstracks in einen Klettersteig: die Gelbe Wand. Und schon wird's brenzlig.        

Der Überschätzer: Er ist bestens ausgerüstet, was an sich natürlich sehr gut ist. Doch das Top-Equipment führt in seinem Fall dazu, sich und das eigene Leistungsvermögen zu überschätzen. Motto: Ich bin ja super ausgerüstet und hab ein Smartphone dabei... Dann werden große oder spektakuläre Touren gewählt, für die weder körperliche Vorbereitung noch alpine Kenntnisse ausreichen. Oder man steigt zum Beispiel nachts in einen Klettersteig, den man schon tagsüber kaum schaffen würde.   

Tipps für Deine Bergtour 
 1. Plane Deine Tour sorgfältig. Kläre dabei folgende Fragen: Wie fit bist Du? Wie schwierig ist das Gelände? Wo machst Du Pausen?  
2. Achte auf die richtige Ausrüstung. Festes Schuhwerk, Wechselklamotten und Regenschutz gehören dazu.  
3. Packe Deinen Rucksack mit Bedacht. Achte auf ausreichend Essen und Trinken. Denk für Notfälle an Handy und Erste-Hilfe-Set! 
4. Berücksichtige die Wetterprognosen. Der Bergwetter-Service des Deutschen Alpenvereins ist eine gute Informationsquelle. Beachte Warnungen von lokalen Experten. 
5. Brich zeitig auf. Ein guter Start für eine Bergtour ist zwischen 7 und 8 Uhr. Wer mittags losläuft, riskiert in ein Nachmittagsgewitter zu kommen.   
6. Wähl im Notfall die 112. Die europaweit einheitliche Notrufnummer ist kostenlos aus allen Mobilfunknetzen zu erreichen. 
7. Achte auf Deine Koordinaten. Für die Helfer ist es im Notfall extrem wichtig, Deinen exakten Aufenthaltsort zu erfahren. Du kannst Dir vor der Tour dazu eine spezielle App aufs Handy laden. Zum Beispiel: Send my GPS location. Auch auf den neueren Wanderschildern findest Du Deine Koordinaten.   

Natürlich lassen sich Unfälle in den Bergen nie gänzlich verhindern. Genau deshalb sind wir Bergwachtler da. Wir sind ehrenamtliche Helfer mit Leib und Seele.

Aber wir denken auch, dass manche Einsätze vermeidbar wären. Ein Beispiel. Wir wurden schon einmal von wandernden Urlaubern gerufen, die kurz vor der Rohrkopfhütte einen Notruf abließen und über Erschöpfung klagten. Als wir dann die Hütte erreichten, saßen sie gemütlich bei Kaiserschmarrn und Radler zusammen und forderten uns auf, doch zu warten, bis sie aufgegessen und -getrunken hatten. Das muss doch nicht sein, oder?

Die Zahl der Einsätze hat sich bei der Füssener Bergwacht - und sicher nicht nur bei uns! - im Laufe der vergangenen Jahre erhöht. Mittlerweile sind es bei uns 120 bis 140 pro Jahr. 80 Prozent davon im Sommer und Herbst. Manche halten dies für eine Selbstverständlichkeit.

Denn die wenigstens wissen, dass wir allesamt Ehrenamtlich aktiv sind. Jeden Tag haben fünf von 38 aktiven Kollegen der Füssener Bergwacht Bereitschaft - neben Job und Familie. Pro Halbjahr kommen pro Mann oder Frau sechs bis sieben Wochen Bereitschaftsdienst zusammen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir jammern deshalb nicht. Aber wir freuen uns, wenn jemand nach einer geglückten Rettung auch mal "Danke" sagt.

Vielleicht fragst Du Dich jetzt, warum ich mich seit über 25 Jahren bei der Bergwacht engagiere?

Meine Antwort: Ich möchte, dass das Leben funktioniert. In unserer Gesellschaft. In unserer Gegend. In unserem Gebirge.

Wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, gelingt das umso besser.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine verletzungsfreie und schöne Bergsaison 2018!     

Euer Hannes Bruckdorfer  

   


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