Schippst Du noch...?
10.01.2019 Land & Leute

„Es schneit halt!“ - So gelassen bleiben die Allgäuer trotz Schnee

Winterchaos: Alles schaufelt und fräst
Die ARD sendet einen Brennpunkt, in den sozialen Netzwerken sieht man fast nur noch weiß, und manch einer spricht von Schneechaos! Und die Allgäuer? - Bleiben ruhig und gelassen wie eh und je: Mei, s'isch halt Winter! So der Tenor vieler Menschen aus der Region, die unsere Reporter am Donnerstag getroffen haben. Auch wenn der ein oder andere am Wochenende wohl Muskelkater vom Schneeschippen haben wird...

Wer vor dem Haus von Familie Tunc steht, sieht nur einen riesigen Schneehaufen. Auf den zweiten Blick fällt ein rotes Zucken auf: Immer wieder taucht eine Schneeschaufel aus dem Weiß auf. Zu ihr führt ein schmaler Weg, einen halben Meter breit, mit scharfer Kante durch mannshohen Schnee gebahnt. Nach einer Kurve taucht Olga Tunc auf, die in kurzem Rock mit nackten Knien Schnee schippt. „Ein riesen Spaß“, sagt die 37-jährige Kreuzthalerin, die aus Sibirien stammt: „Das ist Leben!“ Wie andere Allgäuer an diesem Tag in und um Kempten freut sie sich über den Schnee. So manche Kinder dürften sich ebenfalls freuen: In Kempten und im Oberallgäu fällt am heutigen Freitag die Schule aus.

Nur für Begeisterung sorgen die Schneefälle freilich nicht. So ist gestern die Autobahnauffahrt bei Leubas zeitweise gesperrt, weil Lkw-Fahrer nicht voran kommen. Und der Schnee bedeutet auch für Hausbesitzer jede Menge Arbeit. Zu erkennen ist das bei einem Kemptener Baumarkt. Dort steht gestern nur noch eine Schneeschaufel im Regal.

Seine Mittagspause nutzt Franz Kammerlander, um seine Einfahrt in Kleinweiler freizufräsen. „Mich freut der Schnee – wann soll er denn kommen, wenn nicht im Januar?“ Der 53-Jährige sitzt auf dem Mini-Traktor und blickt zum Hausdach, wo der Schnee 70 Zentimeter hochsteht. „Das ist als nächstes dran.“

Ähnlich ist das bei Heiko Pfeil (48) in Wengen. „Ich warte aber, bis der Nachbar sein Dach freiräumt“, sagt er auf seine Fräse gestützt. Im Allgäu müsse man nun mal mit Schnee rechnen. Er fragt sich nur langsam: wohin damit? Die Fräse wirft die Flocken in hohem Bogen in den Garten. Dort bilden sich bereits Hügel. Einer von ihnen ist das Auto: Der rote Lack lugt hervor.

Mich freut der Schnee – wann soll er denn kommen, wenn nicht im Januar.
Franz Kammerlander

In Weitnau macht sich Jenö Horvath daran, sein Auto zu befreien. Seit dem Vortag hat sich darauf ein halber Meter Schnee gehäuft. Sein Tipp: Zuerst das Nummernschild kehren. „Damit man nicht das falsche Auto freiräumt.“ Zuhause in Ungarn sei Katastrophenalarm, sagt er und lacht. „Dort erwarten sie 15 Zentimeter Schnee.“

In Schwarzerd ist Anja Mayer unterwegs – auf Schneeschuhen. Sie geht damit regelmäßig zum Einkaufen nach Buchenberg, sagt die 49-Jährige. Sie sieht das als Abenteuer.

In Eschach entscheidet sich Katrina Schaible nach einem Blick aus dem Fenster, zuhause zu arbeiten. Zu ihrer Haustür führt ein schmaler Korridor zwischen hohen Schneewänden. Einen Vorteil habe das Homeoffice, sagt Schaible und deutet auf ihre gemütliche Jogginghose.

Am Haus geht Christina Göttig vorbei. Die Frankfurterin (41) macht mit ihrer Familie Urlaub. Sie hofft, heil heim zu kommen. „Vielleicht kaufen wir Schneeketten.“ Ihre Töchter freuen sich. Noch nie haben sie so viel Schnee gesehen.

So richtig kann Johann Reichart die Aufregung um den vielen Schnee nicht nachvollziehen. Der „Ur-Schrattenbacher“, wie er sich selbst bezeichnet, hat schon öfter heftige Winter erlebt. „Es schneit halt“, sagt er und kippt mit seiner Schaufel die nächste Ladung Schnee auf einen Haufen. Ein wenig Sorgen macht er sich aber um die Last auf dem Dach seines Anbaus. „Ich traue mich kaum, Holz zu holen. Es knarzt schon.“ Ansonsten sieht er sich gut versorgt.

In Probstried ist Erich Wörfel im Schneepflug im Einsatz. „Es würde langsam reichen.“ Seit 32 Stunden sei das Fahrzeug in Bewegung, „wenn du hinten fertig bist, kannst du vorne wieder anfangen“. Als er am Dorfladen die Parkplätze freiräumt, kommt eine Frau mit ihrem Auto nicht los. Kurzerhand springt Wörfel ein und schiebt das Auto aus der Parklücke.

„Ich weiß nicht mehr, wohin mit dem Schnee“, sagt der Wildpoldsrieder Markus Wegmann, während er die vollbeladene Schaufel über seinen Gartenzaun kippt. Er lobt wie andere die Räumdienste. Und auch die Landwirte würden vollen Einsatz zeigen und Schnee mit Anhängern wegkarren.

Kathrin Großkreutz reicht es langsam mit dem Schnee. Doch während sie das sagt, ist die Stimmung auf dem Schlitten, den sie zieht, deutlich besser. Ihre Kinder Elisabeth (3) und Leopold (4) freuen sich über die weiße Pracht und, dass die Mama sie mit dem Schlitten aus dem Kindergarten abholt.

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