Wie klingt das bitte?
14.12.2019 Sehen & Hören

Horror für Traditionalisten? Zwei Allgäuer spielen ein Karbon-Alphorn

Da staunten die Zuhörer neulich beim Konzert von Matthias Schriefl und seinen „Moving Krippenspielers“ in Wertach nicht schlecht. Der Oberallgäuer Multiinstrumentalist zog irgendwann einen schwarzen Stock aus einem Etui, machte eine schleudernde Handbewegung – und schwuppdiwupp, schon hatte er ein ausgewachsenes Alphorn in der Hand, freilich nicht aus Holz, sondern aus Karbon/Kohlenstoff-Fasern. Als er hineinblies, wuchs das Staunen noch: Das Instrument klang in etwa so, wie man es von herkömmlichen Alphörnern aus Fichte gewohnt ist...

60 Jahre nach Wiedereinführung des hölzernen Alphorns im Allgäu, wird nun das Alphorn aus Kohlenstoff-Fasern hoffähig. Das Wunderwerk der Technik, das aus etlichen Einzelteilen besteht, die sich wie ein Teleskop zusammenschieben und auseinanderziehen lassen, besitzt Schriefl aber erst seit ein paar Wochen.

Das Alphorn aus Karbon sei halt viel leichter und kleiner als eines aus Holz, sagt er. Es wiegt gerade mal 1,3 Kilogramm und ist zusammengeschoben nur 75 Zentimeter lang. Deshalb lässt es sich erheblich einfacher transportieren. Schriefl ist meist mit acht Instrumenten unterwegs, bisweilen im Flugzeug. Da tut er sich mit Karbon schon leichter.

Doch begeistert ist der Musiker, der in Maria Rain bei Nesselwang aufwuchs, nicht: „Einen Kompromiss“ nennt er das Kunststoff-Instrument. Nur notgedrungen nutze er es. Grundsätzlich verwendet er viel lieber das gute alte hölzerne Alphorn – wegen des Klangs. Holz töne einfach erdiger.

Neben Matthias Schriefl gibt es noch einen zweiten virtuosen Musiker, der sich ein Karbon-Alphorn zugelegt hat – freilich schon vor über zehn Jahren: Andreas Kerber aus Oberstaufen. Er hat aber eine ganz andere Meinung davon als Schriefl. Als sein altes Holzhorn nicht mehr richtig funktionierte, hat Kerber viele Instrumente getestet und sich für Karbon entschieden. „Ich bin ein innovativer Mensch“, sagt Kerber, Teil der bekannten Musikerfamilie. „Ich finde, es klingt sehr gut und möchte es nicht mehr missen.“ Kerber spielt damit Volksmusik und Jazz gleichermaßen.

Karbon kostet mehr als Holz

Wer ein Karbon-Horn kaufen möchte, muss in die Schweiz fahren, genauer gesagt nach Yverdon-les-Bains am Neuenburger See bei Bern. Dort residiert die Firma „Alp Flying Horn Factory“, die ihr Patent in der Werbung als „ein technologisches Wunderwerk“ anpreist. Es sei „praktisch, leicht, schockbeständig, teleskopisch und dennoch traditionell“. Nur nicht ganz billig. Rund 4.000 Franken mussten Schriefl und Kerber berappen, was derzeit umgerechnet etwa 3.600 Euro entspricht. Zum Vergleich: Ein neues Holz-Alphorn kostet je nach Qualität zwischen 1.500 und 3.000 Euro, sagt Paul Knoll, musikalischer Leiter der Euregio-Alphorngruppe.

Der Musiker aus Wertach hält nicht viel von dem neuartigen Instrument. Warum? Weil es nicht der Tradition entspricht, antwortet Knoll. Und weil das Fichtenholz einen schönen weichen Klang besitze, den er nicht missen möchte. Er kenne keinen einzigen anderen Alphornspieler im Allgäu, der auf eine Karbon-Version gewechselt hätte.

Mit der Vorliebe für Holz liegt Knoll auf einer Wellenlänge mit Matthias Schriefl. Denn eigentlich bläst auch er lieber in ein herkömmliches Instrument. „Das klingt so gut, da bekomme ich Gänsehaut“, sagt er. „Ich empfehle allen: Kauft ein Holzalphorn – am besten bei einem lokalen Instrumentenbauer.“

Hören: Wer eine Eintrittskarte der beiden Konzerte von Matthias Schriefl und seinen Krippenspielern am Samstag in Memmingen oder am Sonntag in Görisried besitzt, kann hören, wie ein Karbon-Alphorn klingt. Die Konzerte sind freilich schon ausverkauft. Schriefl ist wieder im Allgäu zu Gast am 16. Februar (20 Uhr) im Gasthof Hirsch in Vorderburg (bei Sonthofen) – mit seiner Band „Six, Alps & Jazz“.
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