Sprache unserer Heimat
04.12.2019 Sehen & Hören

Heimische Mundart-Profis erzählen: Das bedeutet uns der Allgäuer Dialekt

Volo Projekt: Poetry Slammerin Manuela Mühlegg
Muss immer alles neuer werden? Nein, findet die Allgäuer Poetry-Slammerin Manuela Mühlegg. Die 23-Jährige aus Ofterschwang bringt modernen Dichtwettstreit und heimische Mundart zusammen. Unsere Reporterinnen haben sie und zwei weitere Allgäuer Dialekt-Profis gefragt: Was macht für euch die Sprache unserer Heimat aus? Und ist Dialekt nicht etwa "oldschool"?
Allad muss ma alls
verbessre, als allad
schneller mache,
Allad dr beschde sing
und gonz hip
und modern.
Und des – na klar – mit
deana tolle
Oktobrfescht-Ledrhos.
Das ma do eher wie a
Depp üsslueget isch
egal, weil ma goad ja
mit dr Zit, aber muss
des allad sing?
Ka ma it mol mit deam
zfriede sing, wo ma hot
und wer ma isch?
Muss ma Traditiona
üffgea, nur um mit dr
Zit zum gong?

Manuela Mühlegg

Manuela Mühlegg schaut von ihrem Tablet auf, der konzentrierte Blick weicht einem fröhlichen Lächeln. Etwas überspitzt ist ihr erstes Gedicht im Dialekt schon, sagt die Poetry-Slammerin, aber es soll ja auch lustig sein. Hinter ihr am Horizont erstreckt sich das Ofterschwanger Berg-Panorama, grüne Wiesen, strahlend-blauer Himmel. Wobei, ihre Botschaft, die ist ihr auf jeden Fall ernst, ergänzt sie. „Alles muss immer schneller, besser und neuer werden. Obwohl das oft gar nicht das Beste ist“, sagt die 23-Jährige. „Es ist doch schön, Kultur und Tradition weiterzugeben. An dem festzuhalten, was man beigebracht bekommen hat.“ Sonst gehe es irgendwann verloren, Stück für Stück.

Es ist doch schön, Kultur und Tradition weiterzugeben. An dem festzuhalten, was man beigebracht bekommen hat.
Manuela Mühlegg

Sie „schwätzt“ gern in der Ofterschwanger Mundart, mit ihrer Familie, mit den Freunden aus dem Dorf – und mittlerweile auch auf der Bühne. Poetry-Slam, dieses Spiel mit Worten, mal lyrisch, mal in Prosa, mal improvisiert, mal inszeniert. Mühlegg hat es vor über einem Jahr für sich entdeckt, als die Slam-Szene verstärkt ihren Weg ins Allgäu fand.

Moderner Dichtwettstreit und Mundart, passt das zusammen? Unbedingt, sagt die Oberallgäuerin. „Der Dialekt bringt vieles ganz anders rüber, lustige Texte gehen da noch besser.“ Und doch sind Dialekt-Slams bisher rar gesät, wenn überhaupt fänden sie eher in Österreich und der Schweiz statt. „Ich glaube, die haben da noch einmal einen ganz anderen Bezug zum Dialekt“, erklärt Mühlegg.

All Johr isch ebbas Nuis,
aber nix wird so schnell alt
wie ebbas Nuis

Harald Probst

Vom Voralpenland geht es nach Aitrang ins Ostallgäu. Zu einem Liedermacher, für den Allgäuerisch und moderne Musik zusammengehören. Der sogar findet: „Es ist noch einen Tick runder als das Englische.“ Harald Probst hat über 150 Stücke im Dialekt geschrieben, auch für Gruppen wie „Funkahex“, „Ludarleabe“ und „Lumpamensch“ (hier stellen wir Dir die 6 jungen Ostallgäuer Sängerinnen vor). „Do dieba“, „do dunda“, „do hinda“ – das wirke doch gleich viel klangvoller und rhythmischer als „dort drüben“, „dort drunten“ und „dort hinten“, sagt der 66-Jährige. „In der Mundart, da steckt einfach schon viel Melodie drin.“

So sieht es auch der Westallgäuer Liedermacher Werner Specht, in seinen Händen liegt eine Akkord-Zither. Mit flinken Fingern zupft er die Saiten und weckt damit Erinnerungen an rauschende Gebirgsbäche. Zwischen die idyllischen Klänge schleichen sich rockige Töne. „So bleibt die Melodie interessant.“ In seinen Liedern singt Specht von Heimat. Von den Momenten, wenn der Morgennebel über das nasse Moos wabert. Oder von den Augenblicken, wenn sich die letzten Sonnenstrahlen abends im Wasser spiegeln.

Isa Allgai
Noch dr Donau und vor de Berg
so mippa dinn, it z'groß, it z'klui
lieged an Land, 's isch oige grote
Milch und Käs sind do dahui

Werner Specht

Ja, in seiner Musik strahlt das Allgäu in seinen schönsten Farben – aber eben nicht nur. Oder besser gesagt: nicht mehr. „Früher war Liedermachen kitschig“, sagt Specht, der vor über 36 Jahren seine ersten Stücke geschrieben hat. „Heute brauchst du Tiefe.“ Und die erreicht der 77-Jährige, indem er über das Leben singt – über die lustigen Momente und über die traurigen. Genau da hilft ihm der Dialekt. „Da kannsch viel ehrlich saga.“ Doch einen Haken hat es. „Woandersch vrschtoht ma di halt öftrs mol it.“

Eins ist klar, da sind sich alle einig, „den einen“ Allgäuer Dialekt gibt es nicht. Die Mundart im Westallgäu ähnle beispielsweise dem Schweizerischen, im Unterallgäu dagegen „geht‘s scho recht schwäbisch zu“, erklärt Probst. Nicht zu vergessen, die feinen Unterschiede von Region zu Region, von Dorf zu Dorf. „Ein Hindelanger redet wieder anders als ein Oberstdorfer. Das macht den Dialekt für mich auch aus, dass er nie gleich ist“, sagt Poetry-Slammerin Mühlegg. Und andere wiederum „schwätzen“ gar nicht in der Mundart ihrer Heimat, Allgäuer hin oder her. Das hat die 23-Jährige so in Sonthofen erlebt, wo sie zur Schule ging. Wer da im Dialekt redet, sei schon negativ aufgefallen.

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