Allgäu Tastings
27.06.2018 Wissen & Quizzen

Gin Gin! Bei diesen Allgäuern kannst Du das Trend-Getränk in allen Facetten kennenlernen

Wer vor ein paar Jahren einen Gin Tonic wollte, hat sich einen bestellt. Einfach, oder? Heute sieht das schon anders aus: Der Kellner fragt nämlich, welchen Gin er dafür nehmen soll. Wenn Du in solchen Momenten Fragezeichen im Gesicht hast und nicht weißt, wie Du Dich entscheiden sollst, bist Du hier richtig: Denn im Dschungel der über 1.000 Gin-Sorten geben Almira und Christoph Rafeld die Richtung vor. Die beiden Spirituosen-Spezialisten bieten unter anderem Gin-Tastings an. Sie erklären Dir hier, warum das Getränk so hip ist und worauf es beim Trinken ankommt.

Beim ersten Gin kann viel schief gehen. Da ist sich Christoph sicher. Er dürfe nicht zu überladen sein oder zu stark schmecken, sonst finde der Einsteiger keinen Gefallen mehr daran. Außerdem sollten Anfänger nicht gleich mit exotischen Tonics ans Werk gehen, sondern den Gin an sich geniessen.

"Stimmt, man muss sich erst in die Vielfalt hinein trinken", bestätigt seine Frau Almira lachend. Sie ist Geschäftsführerin des Unternehmens Allgäu Tastings. In ihrem irischen Keller in Ebenhofen und im Restaurant Chapeau in Füssen bietet sie mit ihrem Ehemann zahlreiche Verköstigungen an. "Aber am Besten läuft momentan Gin", meint Christoph. 

Seit drei Jahren gebe es den Hype - verdient, findet Almira. Denn das Getränk sei enorm vielseitig. Das hat die gelernte Barkeeperin hinter der Theke entdeckt: Aus Gin lässt sich viel kombinieren und mit dem richtigen Tonic (chininhaltige Bitterlimonade) kann etwas ganz Neues aus dem Schnaps entstehen. Dieses Wissen wendet sie auch bei den Tastings an.

"Seit ich hinter die Kulissen geblickt und mehr über Tradition und Herstellung erfahren habe, weiß ich das Handwerk sehr zu schätzen", sagt die 35-Jährige. 

Gintastic: Aus Blau wird plötzlich Rosa

Und dieses Handwerk hat Vorgaben. Es gibt einmal den klassischen Gin, der aus sieben bis neun sogenannten Botanicals, also Kräutern, besteht. Der New Western Style ist kreativer und abgefahrener. Eine Sorte schmeckt zum Beispiel nach Alpensalz. Oder nach geräuchertem Speck. In Kombination mit dem passenden Tonic sind sogar optische Kunststücke möglich. "Inzwischen stellt fast jede Destillerie ein passendes Tonic zu ihrem Gin her", sagt Almira.

Ein Beispiel gefällig? Der blaue Gin, der unter anderem aus Schmetterlingsblume besteht, reagiert mit dem Chinin und färbt sich in der Mischung plötzlich rosa. 

Doch es gibt natürlich noch mehr Sorten des Wacholderschnaps. Über 1.000 existieren mittlerweile, sagt Christoph. "Der Teuerste kostet um die 100.000 Euro, der wurde mit Diamanten und Gold behandelt", fügt er noch an und verdreht die Augen. Der Extravaganz seien keine Grenzen gesetzt. Ein guter Gin koste aber maximal 60 Euro. Davon stehen etwa 150 verschiedene Flaschen im Probierraum des Ehepaars. Zehn bieten sie bei jedem Tasting an, fast jedes Mal andere. 

Doch bevor ein Tasting beginnt, müssen die Gäste einen Test absolvieren. "Sie müssen sich ihren Gin schon verdienen", sagt Christoph grinsend. Vor die Probierwilligen stellt das Ehepaar jeweils ein tiefschwarzes Glas, darin eine Spirituose. Nur welche? Das sollen sie erriechen. "Die Trefferquote liegt bei gerade mal 20 Prozent", meint der 43-Jährige. Deshalb schulen er und Almira beim Tasting die Sinne ihrer Gäste. Dazu gehört unter anderem, mit zugehaltener Nase einen Schluck zu nehmen. Dadurch lernen sie, mit dem reinen Geschmack umzugehen. Denn: "Durch die Geschmacksverstärker sind die Nerven verstört, man muss sie zuerst wieder sensibilisieren."

Die Geschichte des Gins
> Zum ersten Mal erwähnt wurde Gin im 17. Jahrhundert, damals noch als Genever (vom holländischen "Jenever"). Er entstand wohl damals aus einem Wacholderdestillat, das als Arznei gegen Koliken und Nierensteine helfen sollte. Weil die Medizin immer beliebter wurde, halfen Brennereien bei der Herstellung. Dadurch bekam die Masse Zugang dazu. 
> Da englische Soldaten im holländisch-spanischen Krieg von 1568 bis 1648 die Holländer in ihrem Heimatland unterstützten, brachten sie den Genever nach Großbritannien. Dort bekam er den Namen Gin. 
> Queen Anne erlaubte allen Engländern zu Beginn des 18. Jahrhunderts, selbst Gin zu produzieren. Daraufhin artete der Konsum dermaßen aus, dass 1736 der sogenannte Gin-Act verabschiedet wurde: Seitdem durften nur noch mindestens zwei Gallonen verkauft werden. Hersteller mussten außerdem 50 Pfund jährlich als Sonderabgabe zahlen - damals eine Menge Geld. 
> Weil das Rezept von Gin aber nicht genau definiert war, wurde trotzdem munter weiter produziert. Es folgten also weitere, schärfere Verbote. Und durch Missernten erhöhte sich der Preis des Getreides, mit dem Gin hergestellt wird. Erst dadurch nahm der exzessive Konsum langsam ab - und die Qualität der Spirituose stieg an. 
> Heutzutage gibt es über 60 Sorten deutschen Gin, darunter auch mindestens fünf aus dem Allgäu: Mountain G Dry Gin (Allgäu-Brennerei, Sulzberg), Hinterland Gin (Hinterland Gin, Hergensweiler), Bergwelt-Gin (Bergwelt Brennerei, Pfaffenhausen-Salgen), Allgäu Brown Dry Gin (Allgäu Brown,  Wangen/Neuravensburg) und Gäu Dschinn (Allgäu Rauschen, Opfenbach).

Das merken zum Beispiel diejenigen, die sich wundern, warum laut Flasche die absurdesten Aromen im Gin stecken sollen, obwohl sie nur die leicht arzneiige Note schmecken. Ihnen fehlt offenbar das feine Geschmacksvermögen, schließlich gebe es diese angegeben Aromen tatsächlich, sagt Almira überzeugt. Je nach Zutat entwickle Gin ganz unterschiedliche und feine Nuancen. "Und wenn ein Gin danach im Fass weiterreift, was manche Destillerien auch machen, ergibt das noch mal eine ganz andere Note", fügt Christoph an.

Um all das wahrzunehmen, können sich die Tasting-Gäste in drei Schritten durchprobieren. "Zuerst riechen sie am Gin, dann schmecken sie ihn und schließlich reden wir über den Abgang", erklärt Almira. Aber am wichtigsten - da sind sich die beiden einig - ist: "Nicht einfach nur schlucken."

Wie Du am Besten Spirituosen verkostest
1. Du brauchst ein Ballonglas oder ein bauchiges Glas. Darin kann der Schnaps seine Aromen voll entfalten. 
2. Schenk ein wenig davon ein, schwenk ihn und riech daran. Du wirst andere Nuancen riechen als schmecken. 
3. Dann nippe am Gin. Behalte den Schnaps kurz im Mund und lasse ihn im Zungenbereich zirkulieren. 
4. Wenn Du ihn anschließend runter schluckst, achte auf den Abgang: Wie lange bleibt der Geschmack? Verändert er sich?
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