Historiker begeistert
05.09.2019 Hier & Heute

Geheimnisvolles Kästchen in Kemptener Basilika gefunden

Dokumente, Heiligenüberreste und geweihte Objekte: Der Inhalt eines Kästchens, das Handwerker bei der Sanierung der Basilika St. Lorenz in Kempten gefunden haben, birgt für Historiker eine „zeitgeschichtliche Sensation“. Warum das so ist, erfährst Du hier.

Der Inhalt eines Blechkästchens hat sich für Kemptens Historiker als „zeitgeschichtliche Sensation“ entpuppt. Handwerker haben es während der Sanierungsarbeiten in der Kuppel der Basilika St. Lorenz gefunden. Restaurator Johannes Amann glaubte zunächst an eine zweite Zeitkapsel, nachdem er bereits im Südturm eine Kupferhülse mit Fotos und Dokumenten aus dem Jahr 1899 entdeckt hatte. Doch der neue Fund enthält neben wertvollen Dokumenten zur Geschichte des Fürststifts Kempten auch Heiligenreliquien und geweihte Objekte. Für Markus Naumann, den Vorsitzenden des Kemptener Heimatvereins, beinhalten diese Fundstücke wertvolle neue Informationen zur weiteren Erforschung der Kemptener Stiftsgeschichte. In Vorträgen und einer Publikation sollen sie auch den Bürgern vorgestellt werden.

Eher nebenbei hatte Restaurator Amann während der Vorstellung des neuen Farbkonzeptes für die Basilika seinen Fund präsentiert und das Kästchen zusammen mit Stadtpfarrer Dr. Bernhard Ehler und der Leiterin des staatlichen Bauamtes, Cornelia Bodenstab, geöffnet. Zum Vorschein kamen handgeschriebene Urkunden, eine Kostenaufstellung, zwei Rosenkränze und eine Madonnenfigur. Die Stücke brachte Bauleiterin Angela Gehrke vorsorglich ins Stadtarchiv Kempten. Dort untersuchte Stiftsexpertin Birgit Kata zusammen mit Papierrestauratorin Ursula Dekker-Sturm und Archivar Thomas Steck den Inhalt. Schicht für Schicht, mit Handschuhen und Pinzette nahmen sie den Fund auseinander. Am Ende lagen 44 Stücke auf dem Tisch, alle „exzellent“ erhalten, wie es heißt. 

Als Dekker-Sturm zum Beispiel ein gefaltetes Papierbündel aufschlägt, kommt eine Pergamenturkunde zum Vorschein, die in lateinischer Sprache von der Fertigstellung der Kugel mit dem goldenen Kreuz auf der Kuppel und der Einbringung des Kästchens 1660 berichtet. Auch eine Liste der Konventsmitglieder und des Hofes sind dabei. „Durch diese Urkunde erfahren wir Details über die Zusammensetzung des Konvents und die Angehörigen des Hofes des Fürstabtes Roman Giel von Gielsberg“, sagt sich Kata. Diesem Fürstabt sind der Wiederaufbau der Klosterkirche und Residenz nach dem Dreißigjährigen Krieg zu verdanken.

Als die Restauratorin ein zweites Papierbündel aufschlägt, hält sie einen noch größeren Pergamentbogen in der Hand. Auf beiden Seiten wird in lateinischer Sprache über die Renovierung des Turmknaufes 1726 berichtet. Wie in der älteren Urkunde sind alle Personen aufgelistet, die damals zu Konvent und Hofstaat gehörten. Ebenfalls im Kästchen: ein Papierbogen mit der Abrechnung der Handwerkerleistungen von 1660.

Außer den Schriftstücken birgt das Kästchen aber auch einen beachtlichen Reliquienschatz in 29 Papierbriefchen, dazu Wallfahrtsmedaillen und Kreuze. Die wohl wertvollsten Briefchen beinhalten einen Milchtropfen der Jungfrau Maria sowie Knochensplitter von Johannes dem Täufer und dem Ritter Gordian. Letzter starb als Märtyrer bei der Christenverfolgung im Jahre 362 und ist seit der Karolingerzeit einer der Kemptener Hausheiligen.

Zwei winzige Knochensplitter sollen vom heiligen Abt Magnus von Füssen stammen, dem Apostel des Allgäus. In acht weiteren Papierbriefchen verpackt sind geweihte Wachssiegel von verschiedenen Päpsten, darunter dem 1726 regierenden Benedikt XIII. „Beide Fürstäbte waren wiederholt in Rom und haben diese von dort persönlich mitgebracht“, ist sich Historikerin Kata sicher. Ein Briefchen enthält prägefrische Wallfahrtsanhänger, beispielsweise aus Altötting, sowie ein Ulrichskreuz. Mit dem Fund in der Goldkugel erhalten die Kemptener Historiker auch einen Einblick, welche Heiligen damals von den Gläubigen besonders verehrt wurden. Für Interesse sorgt ein Stück vom Gewand des 2003 seliggesprochenen Kapuzinerpaters Markus Avianus oder Marco d’Aviano (1631- 1699), einem Freund und Beichtvater von Kaiser Leopold I.

Die Funde wurden vorsichtig gereinigt, umfassend dokumentiert und dann wieder verpackt. Am Ende der Basilika-Renovierung werden sie wieder dorthin zurück, wo sie seit 1660/1726 lagern. Kata: „Wir respektieren damit den Willen der beiden Fürstäbte und geben Kemptens Basilika ihren religiösen Schatz zurück“.

Weitere Artikel