Gipfelstürmer Martin Noah
06.02.2019 Land & Leute

Geflüchteter aus dem Irak ist heute Wanderleiter im Allgäu

Angekommen im Allgäu: Martin Noah ist 2014 aus dem Irak nach Deutschland geflohen - der "IS" hatte sein Dorf zerstört. Seit fünf Jahren lebt der 28-Jährige in Immenstadt und ist angekommen. Er ist der erste Geflüchtete, der beim Deutschen Alpenverein (DAV) den Wanderleiter-Schein gemacht hat. Warum Noah sich in das Allgäu verliebt hat, erfährst Du hier.

Wenn Martin Noah früher Filme über Gletscher in Alaska oder kräftezehrende Wander- und Kletterrouten im Fernsehen gesehen hat, war er sofort fasziniert – von der Natur und der körperlichen Leistung der Bergsteiger. „Das war ein Traum für mich“, sagt der 28-Jährige, der im Irak Sportwissenschaften und Sportpädagogik studiert hat.

Das Allgäu hat schöne Gipfel.
Martin Noah

Ein Teil seiner Wunschvorstellung ist Wirklichkeit geworden. Denn seit er in Immenstadt lebt, hat er die Bergwelt quasi vor der Haustür. Krottenkopf, Widderstein, Biberkopf, Mädelegabel und viele andere Berge zählt er auf. „Das Allgäu hat schöne Gipfel.“

Martin Noah ist der erste Geflüchtete, der beim Deutschen Alpenverein (DAV) den Wanderleiter-Schein gemacht hat. Damit darf der Iraker Gruppen auf markierten Wegen führen. Die Berge, seine Freunde und auch der Alpenverein haben ihm geholfen, seinen Weg in Deutschland zu finden.

Integration ist ein Thema, das sich der DAV auf die Fahnen geschrieben hat. Der Verein hat daher auch Projekte wie „Alpen.Leben.Menschen“ ins Leben gerufen, wo es um gemeinsame Bergerlebnisse von Einheimischen und Geflüchteten geht.

Die Sektion Immenstadt hat Noahs Ausbildung zum Wander- und Jugendleiter finanziell unterstützt. Der Geschäftsstellenleiter Michael Fracaro sieht die Rolle der Sektion differenziert: „Wir als Verein können lediglich die Rahmenbedingungen schaffen, Integration findet dann allerdings in den Köpfen der Mitglieder und natürlich der Geflüchteten selbst statt.“

Martin Noah sieht er als positives Beispiel: „Man spürt seinen Spaß und seine Begeisterung für den Bergsport.“ Vor dreieinhalb Jahren kam Noah nach Deutschland. Er ist Katholik, genauer gesagt aramäischer Christ. In seiner Heimat hatte er wegen seiner Religion viele Repressalien zu ertragen. „Es war immer schon schwierig für uns Christen, dort zu leben.“

Als der sogenannte Islamische Staat 2014 sein Dorf zerstörte, flüchtete er nach Deutschland. Drei Monate harrte er im Kirchenasyl in Immenstadt aus, um nicht abgeschoben zu werden. Eine Zeit, in der seine Geduld auf die Probe gestellt wurde. Er durfte nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen und auch keinen Deutsch-Kurs besuchen.

Vormittags Skitour, nachmittags Langlaufen

Heute nutzt der 28-Jährige jede freie Minute, um draußen zu sein. Ihn persönlich zu erwischen, ist daher gar nicht so leicht. In seiner Wohnung stehen noch die Skistiefel zum Auslüften vor der Heizung. Vormittags war er für eine Skitour auf dem Tennenmooskopf im Ostertal, nachmittags beim Langlaufen. In der Zimmerecke liegt seine Kletterausrüstung samt Gurt und Sicherungsseilen. Durch diese Sportart kam er auch zum DAV.

Die Sozialpädagogin Iris Günter nahm vor drei Jahren die Flüchtlinge, die in Immenstadt in der Turnhalle untergebracht waren, zum Klettern in die Baumit-Arena in Sonthofen mit – darunter war auch Martin Noah. Günter koordiniert die Jugendarbeit beim Alpenverein für Immenstadt, Sonthofen und Hindelang. „Mich hat es damals beeindruckt, dass er immer pünktlich, zuverlässig und hoch motiviert war“, sagt Günter.

Auch in der Wand stellte sich Noah geschickt an. Er hatte Taktik, Ausdauer und Ehrgeiz. „Teilweise war er etwas forsch, sodass ich ihn sogar bremsen musste“, erinnert sich Günter und lacht. Als besondere Eigenschaft sieht sie jedoch etwas anderes: „Er zögert nicht zu fragen, wenn er Hilfe braucht.“

Da Noah bereits in seiner Heimat eine Pfadfinder-Gruppe geleitet hat, empfahl ihm Iris Günter, den Jugendleiter-Schein zu machen. Trotz anfänglicher Sprachbarriere habe das sehr gut funktioniert. Bis heute trifft sich Noah alle zwei Wochen mit seiner Jugendgruppe und organisiert Klettereinheiten, Fackelwanderungen oder einen Rodel-Ausflug für die Acht- bis Zwölfjährigen. Im Herbst machte er dann zusätzlich seinen Wanderleiter-Schein. Einen Monat hat er für die Prüfung gepaukt.

Wintersport für sich entdeckt

Bei Bosch beginnt er im September eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Während es andere in die Großstadt zieht, fühlt sich Noah wohl in seinem ländlichen Umfeld. „Ohne Berge geht es nicht“, sagt er. Erst recht nicht, seit er den Wintersport für sich entdeckt hat. Seitdem findet er sogar Gefallen an Schnee und Kälte.

Die Abende nutzt er daher gern, um auf seinen Hausberg, den Mittag, zu laufen. Besonders froh ist er um seine Freunde, die ihn von Anfang an zum Klettern, Wandern und Tourengehen mitgenommen haben. „Ich danke Iris Günter, Wolfgang Schmieger sowie Gabi und Christian Hajek. Ihr seid wie meine Familie.“

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