Allgäuer Kampfsportler
27.11.2018 Land & Leute

"Früher war ich rechts. Heute betreue ich einen syrischen Flüchtling"

Wegen Nazi-Tätowierungen steht der frühere deutsche Thaibox-Meister Martin Ritter (28) in der Kritik: auf seinem Körper ist unter anderem das Konterfei eines Wehrmachtssoldaten gestochen sowie die verbotene Odal-Rune, ein Kennzeichen der ebenfalls verbotenen Wiking-Jugend. Zwei Jahre nach seiner aktiven Karriere ist der Maschinenführer heute Trainer bei seinem Heimatverein Allgäu Thais. Im Interview spricht er über seine rechte Vergangenheit und darüber, wie er sein Leben änderte - und dass er die Tattoos loswerden will.

Wie erklären Sie die umstrittenen Tätowierungen?
Ritter: Sie sind Teil meiner Vergangenheit. Das sind Jugendsünden. Ich hab sie mit 17 Jahren stechen lassen. Damals war ich rechts. Doch das bin ich längst nicht mehr. Ich habe mein Leben geändert.

Was bedeutet, Sie waren rechts?
Ritter: Ich habe damals Anschluss gesucht und bin in die falschen Kreise gekommen. Wir waren eine Clique von Gleichgesinnten mit rechter Einstellung aus unterschiedlichen Allgäuer Gemeinden. Wir trafen uns auf Festen, liefen in Bomberjacken rum, hörten rechte Musik. Aber wir waren nicht gewalttätig. Soweit ist es zum Glück nie gekommen. Ich habe mit 15 mit dem Thaiboxen angefangen. Meine Aggression habe ich im Ring ausgelebt.

Wie kamen Sie darauf, sich Nazi–Symbolik tätowieren zu lassen?
Ritter: Das war absolut hirnlos. Heute erkläre ich es mir so: Mich hat das Soldatische fasziniert. Ich wollte einerseits Anerkennung und andererseits provozieren.

Sie waren später bei der Bundeswehr vier Jahre Zeitsoldat. Wie haben Ihre Vorgesetzten auf die Tattoos reagiert?
Ritter: Das war nie Thema. Trotzdem hat mir die Bundeswehr geholfen, aus dem rechten Mist rauszukommen.

Wie das?
Ritter: Der Zugführer meiner Einheit hat mich einmal beiseite genommen. Er sagte, dass er das Gefühl hat, irgendwas stimme bei mir nicht. Meine Leistung sei überdurchschnittlich. Aber er glaubte, dass mich etwas belastet, das ich aufarbeiten müsste. Er schickte mich zu unserem Gruppenarzt und der wiederum zu einer Psychologin. Das war das Beste, was mir passieren konnte.

Wieso?
Ritter: Ich habe eine vierjährige Therapie begonnen – und ich habe alles rausgelassen, was an Hass und negativer Energie in mir steckte. Die Psychologin war der erste Mensch, dem ich voll vertraut habe. Und die mit mir ans Eingemachte ging. Meine Kindheit war nicht leicht. Mit Gewalterfahrung und traumatischen Erlebnissen. Ich war keine zehn Jahre alt, als ich ins Kinderheim musste. Diese Dinge musste ich aufarbeiten, um ein neuer Mensch zu werden. Ich musste lernen mit meiner Angst umzugehen. Sie positiv zu nutzen.

Welche Bedeutung hatte der Sport dabei?
Ritter: Während der Therapie habe ich pausiert. Das hat mir die Psychologin geraten. Nach Abschluss dieses Prozesses hat sie mich ermutigt, wieder Kampfsport zu betreiben. Sie meinte: ’Da gibt es Leute, die auf Dich warten.’ Sie hat Recht gehabt.

Für mich sind die Kämpfer und speziell die Allgäu Thais wie eine Familie. Wir haben Kämpfer aus knapp 20 Nationen. Ich verstehe mich mit allen. Es ist eine Bereicherung. Vor zwei Jahren habe ich meine jetzige Ehefrau, eine gebürtige Rumänin, bei einer Kampfveranstaltung kennengelernt. Zu diesem Event bin ich als Trainer eines syrischen Flüchtlingsjungen gekommen.

Wie kam dieser Kontakt zustande?
Ritter: Mein Onkel und seine Frau haben den Jungen vor drei Jahren als Pflegekind bei sich aufgenommen. Er war 14, als ich ihn das erste Mal getroffen habe. Abdulsalem ist allein aus Aleppo nach Deutschland geflohen. Er hat schreckliche Dinge erlebt. Trotzdem oder gerade deswegen ist er ein unheimlich starker junger Mann. Ich glaube es war Fügung, dass wir uns begegnet sind. Für mich ist er wie ein Ziehsohn. Ich hab ihn mit zum Thaiboxen genommen. Es hat ihm sofort gefallen. Er hat großes Talent.

Wenn sich Ihr Leben so verändert hat, warum gibt es ein Trainingsfoto von Ihnen, das Sie in einem T-Shirt einer rechten Band zeigt? 
Ritter: Ich hab dieses T-Shirt vor ein paar Jahren im Training angehabt, richtig. Da zieht man immer alte Shirts an, die man durchwitzen kann. Die Dinger stinken danach. Daran sieht man, dass das Shirt für mich absolut keinen Wert mehr hatte. Mittlerweile habe ich es weggeschmissen.    

Wieso haben Sie weiter die umstrittenen Tätowierungen?
Ritter: Bis vor einem knappen halben Jahr habe ich sie als Teil meiner Vergangenheit gesehen. So wie eine hässliche Narbe. Ein Teil, ohne den ich heute nicht der wäre, der ich bin. Seit der Geburt meiner Tochter vor knapp sechs Monaten sehe ich es anders: Ich will die Tattoos entfernen lassen. Ich will, dass sie mich ohne diesen Teil kennenlernt. Das Runen-Zeichen lasse ich überstechen. Der Termin steht bereits. Außerdem spare ich  darauf, andere Tätowierungen weglasern zu lassen. Doch das wird leider nicht billig.

Wenn Ihnen heute jemand anböte, die Tattoos kostenlos zu entfernen oder dafür die Rechnung zu zahlen, wären sie weg?
Ritter: Ja, sofort. Das können Sie mir glauben. Mit dem rechten Mist habe ich abgeschlossen und ich bin froh darüber. Vielleicht kann ich andere ermutigen, dass ihnen der Schritt auch gelingt.

Das sagen andere Kampfsportler über Martin Ritter: 

Profiboxer Ali Celik (31, Dynamic Gym):
„Ich kenne Martin seit vielen Jahren. Er war im Ring ein super Kämpfer und ein absolut fairer Sportsmann. Privat kenne ich ihn als liebenswerten Menschen, dem die Herkunft von Leuten egal ist. Seine Tattoos haben mir nie gefallen. Ich glaube ihm aber, dass es sich um  Jugendsünden handelt.“

Abdulsalem Alshahin (17, Thaiboxer bei den Allgäu Thais): „Martin ist ein Mentor für mich. Er betreut mich nicht nur im Ring, sondern auch im Leben. Wir gehen zum Beispiel zusammen auf Bergtouren. Für Training und Wettkämpfe opfert er sehr viel Freizeit. Weit über das normale Engagement eines Trainers hinaus. Ich bin ihm sehr dankbar.“
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