Was Psychologen raten
09.09.2019 Kind & Kegel

Erster Schultag: So hilfst Du Deinem Kind, den großen Tag gut zu überstehen

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Oft sind Eltern nervöser als ihre Kinder, wenn der erste Tag in der Schule naht. Psychologen aus der Region raten zu Gelassenheit. Perfektionismus und zu hohe Erwartungen sind fehl am Platz. Was statt dessen hilft, erfährst Du hier.

Wie der Herr, so das Gscherr. Das ist eine Volksweisheit, der im Hinblick auf den Schulanfang am Dienstag große Bedeutung zukommt. Denn Psychologen aus Kempten und dem Oberallgäu sagen: Wie die Eltern mit der neuen Situation umgehen, schauen sich die Kinder ab. Das oberste Gebot lautet deshalb: Ruhe bewahren!

"Man ist nicht in der Schule, um von Anfang an zu können, sondern um zu lernen", sagt Michael Leicht. Er ist Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Oberallgäu der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) in Sonthofen. Wenn also in der ersten Zeit nach der Einschulung nicht alles glatt läuft, sei das ganz normal.

Das betont auch Katharina Babl, die in Kempten die Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen der Diözese Augsburg leitet. In das "System Schule" hineinzufinden, sei eine Entwicklung. Deshalb gebe es auch keine abzuarbeitende Check-Liste, um vorbereitet zu sein, sagt Leicht. Perfektionismus an dieser Stelle erzeuge eher Druck.

Trotzdem sei es sinnvoll, wenn Eltern mit ihrem Abc-Schützen im Vorfeld mal das Schulhaus besuchen oder üben, den Ranzen zu packen. "Manche Kinder können das schon sehr gut, andere brauchen länger", erklärt Babl. Denn entwicklungspsychologisch betrachtet könnten Kinder sehr verschieden sein. Wenn Tochter oder Sohn in den ersten Schuljahren noch wenig Interesse zeigen und spielerischer an die Sache herangehen, ist das nicht ungewöhnlich. "Kinder haben da noch ganz andere Prioritäten", sagt Babl. Dass die richtigen Buntstifte im Mäppchen stecken, könne viel wichtiger sein als die Hausaufgaben notiert zu haben. Wichtig sei dann, Verständnis zu zeigen.

Leicht betont außerdem, dass der Schulanfang nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie eine neue Situation sei. "Der Takt ändert sich, wenn das Kind am Vormittag nicht mehr da ist." Und auf jeden Wechsel folge eine Einspielphase, nicht nur in Bezug auf das Lernen. "Es geht auch darum, neue Kontakte zu knüpfen. So etwas ist sehr individuell und braucht Zeit."

Oft sind die Ängste der Erwachsenen größer. Michael Leicht, Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Oberallgäu.

Allerdings erlebe er als Berater selten, dass Kinder Angst vor dem ersten Schultag haben. "Da sind oft die Ängste der Erwachsenen größer." Möglicherweise, weil sie ihre eigenen Erfahrungen aus der Schule auf ihre Kinder projizieren. Diese müssten aber ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen.

Alexandra Diepolder tritt zum beginnenden Schuljahr ihre neue Stelle als Schulpsychologin am Kemptener Carl-von-Linde-Gymnasium an. Dass Eltern sich zum Schulanfang sorgen, hat auch sie schon erlebt. "Der Vater einer Fünftklässlerin hat sich gefragt, wie viel er helfen muss und ob das alles so klappt, weil er selbst einen niedrigeren Bildungsabschluss hatte", erzählt sie. Dabei gehe es gar nicht darum, fachlich zu helfen, sondern eine Struktur zu finden.

Eine etwas andere Einstimmung auf den Schulstart bietet das große Allgäuer Schul-Quiz von allgaeu.life. Viel Spaß beim Mitmachen. 

"Wenn die Eltern selbst optimistisch sind, übernehmen das die Kinder", sagt Babl. Und sie weist auch darauf hin, welchen Schaden harsche Kritik anrichten kann, wenn ein Kind mit schlechten Noten nach Hause kommt. "Du bist doch zu blöd dazu", "Aus dir wird ja nie was". Solche Sätze führten im schlimmsten Fall dazu, dass ein Kind das glaubt, an Selbstwertgefühl verliert, sich zurückzieht. "Da können auch schon zwei oder drei solcher Szenen reichen", sagt die Beraterin. Die Alternative sei, dem Kind zu vermitteln: Wir sind ein Team und packen es gemeinsam an.

Abgesehen davon sei auch für Kinder die vielzitierte Work-Life-Balance (Arbeit-Leben-Gleichgewicht) wichtig. Sich erholen, entspannen, zwischen den Hausaufgaben mal rausgehen und sich austoben. "Die Schule sollte nicht den ganzen Raum im Familienleben einnehmen", sagt Leicht.

Ein Thema, das mit zunehmendem Alter der Schüler immer bedeutender wird, ist die Selbstständigkeit. Diepolder rät Eltern, den Nachwuchs auch mal Probleme alleine lösen zu lassen - beispielsweise, wenn ein Kind mit dem Sitznachbarn nicht zurechtkommt. Leicht nennt als Beispiel die Kontrolle der Hausaufgaben. "Ab einer gewissen Phase müssen Eltern einfach aushalten, dass das Sache des Kindes ist."

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