Kino-Erfolg vor 45 Jahren
12.02.2018 Sehen & Hören

Erotik-Darsteller aus Liebesgrüße aus der Lederhose: "Wir haben Pfronten sexy gemacht!"

Sex-Skandal im Allgäu: Vor genau 45 Jahren trauten viele Kinobesucher in Pfronten ihren Augen kaum. Die Erotikkomödie "Liebesgrüße aus der Lederhose" spielte ausgerechnet in ihrem idyllischen Dorf! Die Handlung war geradezu skandalös: "Bayerische Buam bumsen brünstige Blondinen (im Urlaub.)" So bringt sie das Heyne Filmlexikon auf den Punkt. Die Pfrontener hatten dagegen einen Heimatfilm erwartet. allgaeu.life spricht mit Haupt-Darsteller Rinaldo Talamonti (70) über den Geheimdreh, Gürtellinien und Glockenspiele.

Wie sexy ist Pfronten, Herr Rinaldo? 

Talamonti: Besonders sexy war es glaube ich nicht. Bis wir kamen! (lacht) Pfronten ist ein kleines Nest im Allgäu. Viele Berge, Seen und natürlich Kühe. Genau die richtige Umgebung. "Liebesgrüße aus der Lederhose" bedient sich ja an den Klischees aus Heimatfilmen und treibt sie buchstäblich auf die Spitze. Wir haben die frische Luft der Alpen, aber auch den Geruch der Misthaufen mit sexy Parfüm besprüht. 

Weshalb waren Kühe wichtig? 

Talamonti: Weil eine Kuh für jeden Regisseur ein Traum ist. Ihr Auftritt kostet nichts. Sie ist immer splitternackt - und sie hat große Euter. Vom Glockenspiel auf der Kuhweide ist es nur ein kleiner Schritt zu anderen Assoziationen. Das Publikum hat die Filme geliebt. Es wurde gejodelt und gevögelt. So sagte man damals. Das war das Erfolgsrezept. Wobei die Filme völlig harmlos sind im Vergleich zu dem, was heute im Internet zu sehen ist. 

Wieviele Drehbuch-Seiten hatte Liebesgrüße aus der Lederhosen? 

Talamonti: Das weiß ich nicht mehr genau. Aber es waren schon über 100. Alles war genau geplant. Man wollte ja keine Zeit und kein Geld verlieren. Wir drehten 25 Tage. 

Und Ihre Rolle? 

Talamonti: Ich spielte Tonio. Einen italienischen Gastarbeiter und feurigen Latin-Lover. Mein Kumpel Alfredo ist Callboy in einem Lokal, überlässt mir aber die Arbeit mit den Damen. Das Lokal erhält daraufhin ausgezeichnete Touristen-Bewertungen. Alle sind glücklich, zufrieden und befriedigt. Seelisch und sexuell. Besser geht's nicht, oder?

Was sagte Ihre Frau dazu?

Talamonti: Sie war bei den Dreharbeiten in Pfronten dabei - und fand es langweilig! 

Und was sagten die Pfrontener? 

Talamonti: Ich glaube nicht, dass sie wussten, was da für ein Film gedreht wird. Das war damals die Masche der Regisseure. Sie gingen zur Gemeinde und sagten, dass sie einen Heimatfilm drehen wollten. Alle waren daraufhin Feuer und Flamme. Um was es in Wahrheit ging, verschwiegen sie. Wie ein Künstler, der dem Museumsdirektor erzählt, dass er ein wunderschönes Bild gemalt hat. Dass darauf mehrere Nackte übereinander liegen, erfährt die Welt dann erst bei der Ausstellungseröffnung... 

Die Pfrontener wussten also von nichts? 

Talamonti: Die Szenen wurden einzeln und nicht in der Öffentlichkeit gedreht. Selbst viele Schauspieler wussten nicht, wie der Film letztlich aussehen wird. Das war auch ein Grund, weshalb ich die volle Zeit in Pfronten blieb. Ich schaute mir den Dreh von jeder Szene an. Ich wollte sicher sein, dass am Schluss kein Porno entsteht, für den ich mich niemals hergegeben hätte. 

Was ist "Liebesgrüße aus der Lederhose" für Sie?  

Talamonti: Ein Heimatfilm mit Erotik und Comedy. Und darin durfte Rinaldo Talamonti damals nicht fehlen (lacht). Anfang der 1970er-Jahre war ich der meistbeschäftigtste Filmschauspieler Deutschlands. Stellen Sie sich vor: Teilweise drehte ich drei Filme parallel. Das war Fließband-Arbeit. Ich hatte kaum Zeit zum Atmen. Alle wollten den lustigen, kleinen Italiener, der die Frauen glücklich macht. In sechs Jahren habe ich in 28 Filmen mitgespielt...

Deren Titel ließen keine Fragen offen: Zum Beispiel "Die liebestollen Apothekerstöchter" oder "Dr. Fummel und seine Gespielinnen", der teils in Memmingen spielt. Also wieder im Allgäu...

Talamonti: ... das stimmt, aber es ist mir nicht mehr so präsent wie Pfronten. "Liebesgrüße aus der Lederhose" wurde ein echter Kassenschlager. 

Sind Sie stolz darauf? 

Talamonti: Ich stehe zu den Filmen. Aber ich war nie wirklich zufrieden. Ich hätte mir mehr Qualität gewünscht. Aber leider sank das Niveau statt besser zu werden. Die Drehbücher wurden immer vulgärer, dumm und beschränkt. Wir waren in einer Sackgasse. 1977 habe ich mich von diesem Genre getrennt. Ich wollte als ernsthafter Schauspieler in Erscheinung treten. Aber es war sehr schwierig, das alte Image loszuwerden. 

Wie haben Sie die Atmosphäre unter "Lederhosen"-Regisseur Franz Marischka in Pfronten in Erinnerung?

Talamonti:  Die Stimmung war sehr gut. Es wurde viel gelacht, wie so oft bei Dreharbeiten. Doch ich erinnere mich auch an einen ordentlichen Krach zwischen einem Darsteller und dem Produzenten und Kameramann Gunter Otto. Der Schauspieler war sauer, dass Otto bei einer Nacktszene zu sehr in Richtung Geschlecht zoomte. Dagegen wehrte er sich erfolgreich ... 

Was war für Sie die größte Herausforderung? 

Talamonti: Ich musste in einer Szene zum Fensterln auf einer Leiter nach oben steigen. Bis in den zweiten Stock. Dabei habe ich Höhenangst. Mir wurde schwindlig und ich war heilfroh, dass ich irgendwann oben ankam. Doch das war noch nicht alles: Ich musste auch wieder nach unten klettern. Die Crew hatte ihren Spaß...

Waren Sie später mal wieder in Pfronten?

Talamonti: Nein. Aber ich habe gehört, dass die Gemeinde damals durch den Film richtig bekannt wurde. Das war eine große Werbung. Auch wenn die Pfrontener wohl mit einem anderen Film gerechnet hatten. Aber ich denke, darüber können heute alle lachen. Vielleicht komme ich Pfronten besuchen, wenn ich in den nächsten Monaten meine Autobiografie veröffentlicht habe. Eine Lesung in diesem Ort hätte einen besonderen Reiz...   


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