Einmaliges Erlebnis!
24.09.2019 Land & Leute

Einmal die Schumpen ins Tal begleiten: Reporter René als Treiber beim Viehscheid in Wengen

Es gibt Jobs, die wohl jeder von uns gerne mal ausprobieren würde: Als echter Allgäuer etwa einmal in verantwortlicher Position beim Viehscheid helfen - mittendrin statt nur dabei! AZ-Reporter René hat es gewagt. Beim Viehscheid in Weitnau-Wengen (Oberallgäu) durfte er das Jungvieh der Familie Möslang von der „Alpe Wenger Egg“ hinunter treiben. Fazit? Mut braucht man - und anstrengend war's! Mehr über Renés Abenteuer hier...

Der Schweiß brennt in meinen Augen. „Halbzeit“, sagt ein anderer Treiber neben mir. „Erst?“, schießt es mir durch den Kopf. Ja, so ein Viehscheid ist anstrengend. Und doch jede Mühe wert. Ich habe es ausprobiert und mit der Familie Möslang von der „Alpe Wenger Egg“ die Schumpen nach Wengen (Ortsteil Weitnau) getrieben.

Um neun Uhr soll ich Samstag auf der Alpe sein. Kurz bevor ich die vier Kilometer lange Strecke hinter mich gebracht habe, höre ich laute Rufe und Glockengeläut. Die Vorbereitungen laufen dort bereits auf Hochtouren: Älpler Rainer Möslang bindet die Schumpen an ihren Stallplatz, die zwei Kranzrinder bekommen Halfter für den Schmuck, die Herde hat den Sommer unbeschadet überstanden.

Zwischendrin wuseln Bauern, Treiber und Möslangs Familienmitglieder herum.

Walter Möslang erklärt mir, was mich erwartet: „Vorneweg läuft die Alpfamilie. Danach kommen zehn bis fünfzehn Schumpen, dann drei Treiber und so geht’s weiter.“ 110 Rinder werden wir ins Tal treiben.

Während die Bauern ihren Tieren die großen Zugglocken umhängen, stellen sich die zwei erfahrenen Treiber aus meiner Reihe vor: Christian Fuchs und Markus Peter, genant Peti. Die beiden machen klar: Hier auf der Alpe duzt man sich.

Rainer Möslang erzählt von einer brenzligen Situation, die er einmal erlebt hat: „Ich habe nach hinten geschaut und bin hingefallen.“ Er habe schon gespürt, wie ein Tier auf seine Ferse getreten ist – „da habe ich geschaut, dass ich rauskomme“.

Ruhig und konzentriert

Um Angst zu bekommen, ist keine Zeit, denn es geht los: Immer mehr Schumpen verlassen den Stall und gehen in den eingezäunten Außenbereich. Die vielen Glocken bimmeln durcheinander, manche Tiere muhen laut. Die Treiber stehen ruhig und konzentriert da. Sobald alle Tiere draußen sind, machen sie den Weg frei. Das Jungvieh strömt heraus. Ich sehe zu, dass ich zu meiner Gruppe komme.

Wenn eine die ganze Zeit zu ihrem Kumpel will, musst du sie irgendwann lassen.
Treiber Christian über Schumpen-"Kumpels"

Links, rechts, hinter und vor mir springen die Schumpen. Unter „Ho“-Rufen bringen wir etwas Ordnung ins Chaos. Vier Kilometer bis zum Viehscheidplatz liegen nun vor uns.

Anfangs ist es Anstrengung pur: Im Laufschritt geht es bergab. Immer wieder drehen wir uns um und halten die Tiere zurück. Springt ein Jungvieh vor, springen zwei andere mit und wir treiben sie zurück. Ab und zu entwischt uns ein Tier, dann stürmt der Rest wie auf Kommando los. Wir Treiber rennen hinterher, um die Rinder wieder in unsere Gruppe zu bekommen.

Der Weg wird flacher und die Situation entspannter. Wir gehen nur noch, die Schumpen haben sich etwas beruhigt.

Im Dorf angekommen stehen die Zuschauer am Straßenrand. Blasmusik erklingt, die Menschen klatschen und winken. „Super“, sagt eine Frau. Überall filmen und fotografieren die Menschen mit Kameras, Handys und Tablets. Ein Grinsen breitet sich über mein verschwitztes Gesicht aus. Das Jungvieh folgt uns, von der Unruhe vorher keine Spur. Als wir eine große, umzäunte Wiese erreichen, weiß ich: Wir haben es geschafft. Die Treiber klatschen sich ab.

Ruhig sei es heuer gewesen, sagt Peti. Ein paar Unruhestifter gebe es immer in der Herde. Auch Schumpen schließen Freundschaften, erklärt Christian: „Wenn eine die ganze Zeit zu ihrem Kumpel will, musst du sie irgendwann lassen.“

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