Hubertus in Balderschwang
13.01.2020 Hier & Heute

Ein Jahr nach dem Lawinen-Schock: So ist die Lage im Balderschwanger Hotel heute

Am 14. Januar 2019 zerstörte eine Lawine den Wellnessbereich der Hubertus Alpin Lodge in Balderschwang. Bei dem Unglück wurde niemand verletzt. Warum es bis nächstes Jahr dauert, den Hang oberhalb der Anlage zu sichern.

Hotelier Marc Traubel aus dem Oberallgäuer Balderschwang hätte nach eigenen Worten „nie gedacht, dass da so was runterkommt“. Gemeint ist die große Lawine, die morgen vor einem Jahr in den Wellnessbereich der Hubertus Alpin Lodge donnerte. Das war am frühen Morgen des 14. Januar, einem Montag.

Der 37-jährige Geschäftsführer des familieneigenen Hotels erinnert sich: Bereits am Sonntag hatte es kräftig geschneit, in den Tagen davor war es ebenfalls unbeständig – mal kurze sonnige Abschnitte, dann wieder Regen und Schnee oder Graupel. Immer dicker wurde die Schneedecke. Vor allem aber: Der Aufbau der unterschiedlichen Schichten war instabil.

Die Lawinengefahr stieg an jenem Tag immer weiter an. Bereits am Morgen traf die örtliche Lawinenkommission eine Entscheidung, die wohl Schlimmeres verhinderte. Es wurde empfohlen, den Pool- und Wellnessbereich des Hotels zu sperren. Dem kamen die Traubels nach. Irgendwann im Laufe dieses Sonntags hieß es, dass Balderschwang wegen akuter Lawinengefahr nicht mehr zu erreichen sei – weder über den Riedbergpass noch über die österreichische Seite. Viele Urlauber saßen daraufhin fest, sie konnten nicht abreisen.

Ein Jahr später steht Marc Traubel vor dem Hotel – dort, wo die Lawine in den Wellnessbereich raste.

Der Junior-Chef hatte in der Nacht zu jenem Montag im Hotel geschlafen, da man am Abend zuvor noch mit Gästen zusammengesessen war. Einige wären eigentlich schon abgereist , aber sie kamen nicht weg. Die Stimmung ist dennoch gut.

Ein gewaltiges Donnern lässt den im Bett liegenden Hotelier um fünf Uhr aufschrecken. Er spürt eine leichte Druckwelle. Zunächst denkt er, eine Dachlawine sei abgegangen. Schnell wird das gesamte Ausmaß klar: An dem Hang oberhalb des Hotels hat sich ein über 300 Meter breites Schneebrett gelöst und ist in den Wellnessbereich gekracht. Der Spa-Bereich ist komplett zerstört. Meterhoch liegt der schwere Schnee. Holzwände sind umgeknickt wie Streichhölzer. Spezielles lawinensicheres Fensterglas hat zwar gehalten, aber die Fensterrahmen wurden durch die Wucht der Schneemassen verbogen, Stahlgeländer zusammengestaucht. Bis in einige Hotelzimmer sind die Schneemassen eingedrungen.

Traubel springt auf und schaut als erstes nach seinen Gästen. Es ist wie ein Wunder: Niemand ist zu Schaden gekommen. Der Hotelier wählt den Notruf. Dann kommen die Helfer – die Feuerwehr, die Bergwacht. Vorsorglich wird nach möglicherweise Verschütteten gesucht. Mitarbeiter des Hotels kümmern sich um die Gäste.

Tagelang dauern die Aufräumarbeiten, zwei Bagger sind im Einsatz. Der Schnee ist schwer und betonhart. Immer wieder bedanken sich Marc Traubel und sein Vater Karl in diesen Tagen bei den vielen Helfern: „Das Zusammengehörigkeitsgefühl war überwältigend“, sagt der Junior-Chef.

Das gesamte Ausmaß des Schadens wird erst in den nächsten Tagen und Wochen deutlich. Der zerstörte Spa-Bereich muss abgerissen werden, auch der Pool. Die Gefahr, dass auch das Hotel durch eine Lawine in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, besteht nicht. Das Haupthaus liegt nicht im gefährdeten Bereich. „Außerdem sind das 30 bis 40 Zentimeter dicke Stahlbeton-Mauern“, sagt Traubel. Den Schaden am Objekt beziffert er auf mindestens zwei Millionen Euro. Bis heute hat das Haus Umsatzausfälle. 21 Zimmer sind nicht belegt.

Die Stammgäste sind wieder da

55 Tage lang – bis zum 10. März 2019 – bleibt das Hotel komplett geschlossen. Dann kommen die ersten Urlauber wieder. Wie immer sind es viele Stammgäste. „Einige wollten sogar bei den Aufräumarbeiten helfen“, berichtet Traubel. Andere spenden für die Helfer. Die Hoteliersfamilie hat eigens ein Konto eingerichtet, auf dem sage und schreibe 30.000 Euro an Spenden zusammenkommen. Das Geld erhalten die Feuerwehr, die Bergwacht und die örtliche Lawinenkommission.

Nach dem Unglück ist für die Verantwortlichen schnell klar: Noch im Sommer soll der Lawinenhang so verbaut werden, dass dort nichts mehr passieren kann. Für die Forstbehörden steht fest: Der Bergwald muss gestärkt werden. Doch neu gepflanzt wird nur dort, wo kein Wildverbiss droht. Inzwischen liegt ein Gutachten vor, an welchen Hängen rund um Balderschwang der Lawinenschutz verbessert werden muss.

Gespräche mit den Landwirten als Grundbesitzern habe es auch gegeben, berichtet Traubel. Denn um einen Hang lawinensicher zu verbauen, müsse der Grundbesitzer zustimmen. „Wir stehen Gewehr bei Fuß“, sagt Klaus Dinser von der Forstverwaltung in Immenstadt. „Wir warten darauf, dass wir auf die Fläche können.“ Denkbar seien Lawinenverbauungen aus Kastanienholz, die gleichzeitig junge Bäumchen schützen könnten.

Balderschwangs Bürgermeister Konrad Kienle ist optimistisch: „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt er und berichtet von großen Bemühungen, Balderschwang lawinensicher zu machen. In einem Jahr, kündigt er an, sei der Hang oberhalb des Hubertus-Hotels gesichert. Dabei gehe es auch um den Schutz des benachbarten Feuerwehrhauses und der Straße. Außerdem seien noch andere Bereiche der Gemeinde zu sichern, berichtet der Rathauschef.

Die Traubels wollen im Sommer neu bauen – zumindest damit anfangen. Das sei gar nicht so einfach, sagt der Hotelchef. Planer und Baufirmen sind überall viel beschäftigt. Die Auflagen zum Lawinenschutz müssen mit den Behörden abgestimmt werden. Und die Sommer in Balderschwang können kurz sein. Oft schneit es noch im Mai – und im Oktober dann schon wieder.

Weitere Artikel