Sinvoll oder voll daneben?
26.09.2019 Land & Leute

Diskussion um XXL-Parkgebühren: Wie viele Tagesgäste dürfen's denn sein?

Frechheit oder bewusste Provokation, um eine Diskussion über den Tagestourismus im Allgäu in Gang zu bringen? Der Bund Naturschutz (BUND) Oberstdorf/Fischen hat gefordert, von Tagesgästen im Raum Oberstdorf 100 Euro Parkgebühr zu verlangen. Betroffen wären Tausende von Wanderern, Skifahrern oder andere Ausflügler. Was steckt dahinter?

Der Oberstdorfer BUND-Vorsitzende Michael Finger, der mit seiner 100-Euro-Forderung seit Tagen für Schlagzeilen sorgt, hat auf jeden Fall ein Ziel schon einmal erreicht: Die Debatte über den Tagestourismus in der Region ist angefacht worden. Ebenso wie die Diskussion, ob einfach zu viele Menschen jedes Wochenende ins Allgäu kommen – in die Oberstdorfer Täler genauso wie in den Königswinkel im Füssener Land.

Tatsache ist: Immer mehr reisen mit dem Auto an oder fahren durch die Region, beispielsweise über die A7. Fast jeden Samstag ist der Grenztunnel in Richtung Süden dicht, auf der B 19 stauen sich die Autos im Sommer wie im Winter fast regelmäßig vor den Ampeln in Fischen. Längst nicht mehr nur an Wochenenden, sondern oft auch werktags. Bei schönem Wetter sind es vor allem auch die Tagestouristen, die für die Staus am Morgen und am Abend sorgen. Die Autokennzeichen zeigen es: Viele kommen aus der Umgebung, etwa aus dem Unterallgäu oder dem Württembergischen Allgäu. Stark vertreten sind aber auch Kennzeichen aus dem Großraum Stuttgart.

Oberstdorf: An dem bei Bergsteigern und Ausflüglern beliebten Parkplatz Faistenoy kostet ein Tagesticket 4 Euro, drei Tage 12 Euro. Am Renksteg werden 5 Euro pro Tag erhoben. Dort beträgt die Höchstparkdauer sieben Tage. In der Tiefgarage am Eislaufzentrum nahe der Nebelhornbahn zahlt ein Weitwanderer für sieben Tage 52.50 Euro. An der Nebelhornbahn kostet das Tagesticket fürs Parken 6 Euro, Benutzer der Bergbahn erhalten 3 Euro erstattet.
Tannheim/Vilsalpsee: Für das Tagesticket an dem herrlich gelegenen Bergsee verlangen die Tiroler 7 Euro.
Allgäu-Airport, Memmingen: Je nach Parkplatz differieren die Gebühren für einen Tag: 19, 20, 26 oder 28 Euro kostet das Tagesticket Für eine Woche firfferieren die Preise von 43 bis 105 Euro.
Flughafen München: Wesentlich teurer ist es, am Münchener Flughafen sein Auto für 24 Stunden abzustellen: Es gibt Tickets für 59, 79 und 119 Euro.
Parkplatz Eibsee/ Bayerische Zugspitzbahn in Grainau: Tageskarte 5 Euro, Abendkarte 18 bis 22 Uhr: 3 Euro.
Chamonix/Montblanc (Frankreich): Ein Tag kostet auf dem Parkplatz 9,50 Euro, eine Woche Parken kostet 50 Euro.
Saas Fee: Im ebenfalls verkehrsberuhigte Saas Fee im Schweizer Wallis beträgt der Preis für einen Tag im Parkhaus 14 Franken (12,88 Euro), für die Woche werden 98 Schweizer Franken verlangt (90,16 Euro).
Zermatt: In dem weltberühmten Dorf zu Füßen des Matterhorns werden pro Tag 15,50 Franken Parkgebühr erhoben. Das entspricht 14,26 Euro.
Venedig: 23,40 bis 32 Euro kostet es, in den Parkhäusern der Lagunenstadt sein Auto abzustellen.
Trolltunga-Wandergebiet (Norwegen): Das Beispiel aus Skandinavien zeigt, dass dort in viel besuchten Regionen die Autofahrer zur Kasse gebeten werden. Am Hauptparkplatz des Wandergebiets in Skjeggedal muss man für das Ticket für einen Tag 500 Kronen (etwa 50 Euro) bezahlen. (mun)

Für Kommunen wie Oberstdorf ist die Sache eigentlich klar: Das Allgäu brauche den Tages- und den Übernachtungstourismus, heißt es aus dem dortigen Rathaus. Um die bisweilen angespannte Verkehrssituation in den Griff zu bekommen, arbeite die Gemeinde an einem Mobilitätskonzept.

„Immer mehr Verkehr“

Michael Finger, Ortsvorsitzender des BUND und Kreisrat der ÖDP, ist der vor allem auch durch die Tagestouristen verursachte Straßenverkehr schon lange ein Dorn im Auge. Die Situation habe sich seit zwei, drei Jahren nochmals dramatisch zugespitzt, sagt er. Über 20 000 Autos seien auf der B 19 nördlich von Oberstdorf im Schnitt registriert worden. Jeder Übernachtungsgast trage mit 80 Euro an der Wertschöpfung in der Region und an den Kosten für die Infrastruktur bei, sagt Finger. Auf der anderen Seite stünden Tagesgäste, die außer sechs Euro Parkgebühr nichts in der Region liegen lassen, weil sie alles mitbringen.
Im Verband Deutscher Seilbahnen (VDS) sieht man das naturgemäß ganz anders. In der Branche heißt es: Ohne Tagesgäste könnten die Bahnen nicht wirtschaftlich betrieben werden. Das gilt – nicht nur, aber im Besonderen – für den Winterbetrieb. Der VDS verweist auf eine „Grundlagenuntersuchung“ von 2015, die das Deutsche Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr an der Universität München.

Demnach gibt der Tagesgast einer Bergbahn laut Statistik unterm Strich 44 Euro aus – wobei der durchschnittliche Ticketpreis für die Bahn nur 17,90 Euro beträgt. Ein Übernachtungsgast lässt 96 Euro am Urlaubsort, bei ihm beträgt der Ticketpreis 13,20 Euro. Fazit: Auch der Tagesgast trägt zur Wertschöpfung in der Region bei. Seilbahnverbands-Geschäftsführerin Birgit Priesnitz sagt: „Betrachtet man die Ausgabenstruktur genauer, so sieht man, dass der Tagesgast von seinem durchschnittlichen Budget in Höhe von 44 Euro etwa 32 Prozent in der Gastronomie, zehn Prozent für Einkäufe und 17 Prozent für „sonstige Dienstleistungen“ ausgibt. Der VDS möchte laut Geschäftsführerin Priesnitz „einen qualitativ hochwertigen Tourismus fördern und den Individualverkehr reduzieren“. Um das zu erreichen, wolle man „mit allen touristischen Leistungsträgern intensiv zusammenarbeiten“.

Bayerns BUND-Chef Richard Mergner stellt sich hinter den Oberstdorfer Ortsvorsitzenden Finger und dessen umstrittene 100-Euro-Parkgebühr: Dessen Vorstoß habe auch innerhalb des Verbandes eine Diskussion entfacht. Dabei gehe es aber nicht vorrangig um die Höhe von Parkgebühren, sondern um die Frage, was der öffentliche Raum wert ist. Die Belastung durch den Verkehr jedenfalls sei nicht zu leugnen.

Die Nase voll

BUND-Regionalreferent Thomas Frey („Wir brauchen auch im Tourismus eine Klimaneutralität“) hat nach eigenen Worten die Nase voll von Lippenbekenntnissen der Politiker zum Öffentlichen Personennahverkehr. Im Oberallgäuer Kreisrat beispielsweise passiere praktisch nichts, seit Jahren werde nur diskutiert. „Das Land braucht einen flexiblen Nahverkehr zu vertretbaren Preisen, sonst wird die Autokarawane weiter zunehmen“, glaubt auch unser Leser Siegbert Eckel (79) aus dem Oberallgäuer Rauhenzell. Der Rentner fährt nach eigenen Worten gerne mit seiner Frau zum Wandern nach Oberstdorf.

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