La Vista
05.07.2019 Kind & Kegel

Dieses Projekt bringt Gefängnis-Insassen und ihre Kinder zusammen

Johanniter-Benefizkonzert des Gebirgsmusikkorps
Sechs und sieben Jahre alt sind die Kinder des Mannes, der seit gut einem Jahr in Kempten im Gefängnis sitzt. Er selbst ist 31. Zweimal im Monat bekommt er die Gelegenheit, sie im Mehrzweckraum der Justizvollzugsanstalt (JVA) zu treffen – zusammen mit anderen Insassen und deren Kindern. Möglich macht das „La Vista“, ein Projekt der Johanniter Allgäu und der JVA. Erfahre hier mehr über das Projekt, das heuer sein fünfjähriges Bestehen feiert.

Als der 31-Jährige inhaftiert wurde, dauerte es einen Monat, bis er seine Kinder das erste Mal wieder sah – im regulären Besuchsraum des Gefängnisses. Der ist in etwa so groß wie ein kleines Café, ausgestattet mit Tischen und Stühlen. Die La-Vista-Treffen seien im Vergleich dazu „ganz anders“, sagt der Vater. „Es sind andere Räume und keine Beamten in Uniform dabei.“ Der Mehrzweckraum ist so groß, dass man darin sogar Fußball spielen kann.

Immer bei den Treffen dabei sind JVA-Seelsorger Marcus Martin, Anika Enderle vom Sozialdienst der JVA und die Sozialpädagogin Annette Zuck-Rzymann von den Johannitern. „Sehr viele Gefangene fragen nach dem Angebot“, sagt JVA-Leiterin Anja Ellinger.

„Wir spielen zum Beispiel Mensch ärgere dich nicht oder ein Kartenspiel, malen oder basteln“, erzählt der 31-Jährige. Und wenn sein sechsjähriges Kind „Karussell“ ruft, weiß er, dass es abheben und durch den Raum fliegen möchte. Trotzdem macht sich der Vater Sorgen, dass die Beziehung zu seinen Kindern nach der Haft nicht mehr so sein wird wie davor. „Ich habe schon das Gefühl, dass etwas anders ist“, sagt er. Dass sein Siebenjähriges mehr Abstand zu ihm hält, dass es dauert, bis es mit der Situation warm wird.

Hier hast du so viel Zeit zum Nachdenken, wenn du alleine bist. Du denkst über deine Fehler nach, über das, was du gemacht hast. Du liebst deine Kinder und kämpfst weiter, kommst raus und machst es besser.
Ein Insasse der Kemptener JVA

Nichtsdestotrotz sind beide Kinder bisher zu jedem Treffen gekommen. Zwar ist der 31-Jährige inzwischen von der Mutter getrennt, doch sie bringt sie jedes Mal vorbei. Wenn das nicht möglich ist, versuchen die Johanniter, den Müttern zu helfen, sagt Sozialpädagogin Zuck-Rzymann. „Es gibt einen Fahrdienst und wir erstatten Zugfahrkarten.“ Zwischen drei und 15 Jahre alt sind die Kinder, die am Projekt teilnehmen. Angemeldet sind zehn Väter und 16 Kinder. Für Zuck-Rzymann stehen die Kinder im Fokus. „Denn sie sind diejenigen, die keine Lobby haben.“ Ein Stück Normalität im Umgang mit dem Papa zurückzuerlangen, sei das Ziel.

Eines seiner Kinder habe in den nächsten Tagen Geburtstag, erzählt der 31-Jährige. Deshalb organisiert Zuck-Rzymann fürs nächste Treffen einen kleinen Kuchen und ein Geschenk, das der Vater dann überreichen darf. Sein eigenes, ganz persönliches Geschenk hat er schon in die Post gegeben. „Ich habe etwas gezeichnet und ein Gedicht geschrieben, zwei Seiten“, sagt er. Es gehe darum, dass sein Kind jetzt bald in die Schule komme und was es dann alles lernen werde. Auf die Frage, ob es ein besonderes Erlebnis bei den La-Vista-Treffen gab, an das er sich erinnert, antwortet er: „Jedes Treffen ist besonders.“

Aus Sicht von JVA-Leiterin Ellinger haben die Treffen den Effekt, dass die Väter sehen, welche Verantwortung sie tragen. „Und deshalb vielleicht keine Straftaten mehr begehen.“

Jeweils zwei Stunden können die Väter mit ihren Kindern zusammen verbringen. Das gebe ihm Halt, sagt der 31-Jährige. „Hier hast du so viel Zeit zum Nachdenken, wenn du alleine bist. Du denkst über deine Fehler nach, über das, was du gemacht hast. Du liebst deine Kinder und kämpfst weiter, kommst raus und machst es besser.“ Dass er die verpasste Zeit nicht nachholen kann, weiß er. Trotzdem will er es versuchen.

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