Jetzt geht's ins Tal
30.09.2018 Land & Leute

Dieser Allgäuer verbringt seit 70 Jahren den Sommer auf einer Alpe

Er nennt den herrlichen Flecken in den Allgäuer Alpen das "Vorzimmer zum Himmel".  Ein Leben ohne die Schwarzberg-Alpe kann sich Martin Sichler (76) aus dem Gunzesrieder Tal nicht vorstellen. Über 70 Sommer hat er auf der familieneigenen Hütte verbracht. Damit gehört er zu dienstältesten Älplern im Allgäu. Wie er ohne Strom auskommt, was er im Umgang mit Kühen gelernt hat und warum er nie mehr ans Meer fahren würde, liest Du hier.

Die Herbstsonne gibt alles an diesem strahlenden Tag. Ganz so, als ob sie Martin Sichler noch lange hier oben an seinem liebsten Platz auf 1.150 Metern Höhe halten möchte. Er sitzt in Lederhosen und weißem Hemd vor der Alpe, die sein Ur-Großvater 1894 erbaute, und sinniert über die Kraft, die ihm dieser idyllische Flecken mit Blick auf den Grünten gibt. "Wenn ich nicht mehr raufkommen kann", sagt er während die Schellen seiner Kälber friedlich bimmeln. "Dann isch rum."

71 Sommer hat er auf der Hütte verbracht. Den ersten als fünfjähriger Bub, als er einem Senn zur Hand ging und mit wachen Augen alles aufsog, was ein Älpler braucht. Geschick beim Sensen, Dengeln oder Käsen. Geduld mit dem Kälbern und Kühen. Gelassenheit im Umgang mit Dingen, die nicht zu ändern sind. Das Wetter zum Beispiel. Die Menschen im Tal. Oder auch das eigene Schicksal.

Seinen Vater hat Martin Sichler nie kennengelernt. Er fiel an einem unbekannten Ort im Zweiten Weltkrieg. Schon früh musste er als einziger Bub auf dem elterlichen Hof mit anpacken. Auch die Sommer auf der Alpe bedeuteten harte Arbeit. Aber sie bescherten ihm Momente der Freiheit und des Glücks.

Ab dem 14. Lebensjahr lebte er im Sommer allein auf der Hütte. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er sich an die Besuche seiner Freunde erinnerte. Sie fischten Forellen aus dem nahen Gebirgsbach und grillten sie auf einem Lagerfeuer. "Das war ein echtes Festmahl für uns."

Nur wenige Besucher marschierten damals auf einem kleinen Wanderweg nach oben zur Hütte, sechs Kilometer von Gunzesried entfernt.  Das hat sich längst verändert. In den 1960er Jahren wurde die Straße ins Stubenbachtal asphaltiert. Für die Älpler, aber auch für die Urlauber. Wer heute 4 Euro Maut zahlt, kann sie mit dem PKW benutzen. Von der Hütte aus sieht man ab und zu ein Auto fahren. Martin Sichler stört es nicht. "Solang ich die nicht höre, ist alles gut." Die Straße erleichtert ihm die Sommer auf der Alpe. Erst Recht jetzt, im Alter. Er kann bei Bedarf nach Hause fahren, mit seiner Frau gemeinsam essen, einkaufen oder zum Arzt gehen, wenn es sein muss.

Vor 20 Jahren hatte Martin Sichler einen Schlaganfall. Vielleicht hatte er sich zeitweise zuviel aufgeladen. Der vierfache Familienvater bewältigte damals neben dem Hof auch noch zehn Ehrenämter. Von der Sennereigenossenschaft über den Alpwegeverband bis hin zur Alpwirtschaftlichen Verein. Dass er nach der schweren Erkrankung zurück ins Leben fand, schreibt er auch der Alpe zu. "Hier kann ich mich am besten erholen."

Fernsehen kann ich da oben auch. Bei mir gibt's halt nur ein Programm: Gamsen, Rehe und Vögel.
Martin Sichler

Am Berg lebt er im Einklang mit der Natur. In der Dämmerung geht er ins Bett und steht mit den ersten Sonnenstrahlen wieder auf. Strom gibt es keinen auf der Hütte. Dennoch kann Martin Sichler "fernsehen", wie er schmunzeld erklärt. Und zwar mit seinem Feldstecher. Mit ihm beobachtet er die Tiere in den umliegenden Bergwäldern. "Bei mir gibt's halt nur ein Programm: Gamsen, Rehe und Vögel. Das kann ich jedem nur empfehlen."

Diesen Sommer verbrachte der grauhaarige Älpler mit 14 Kälbern und 26 Jungrindern auf der Alpe. Es war einer seiner schönsten. "An so ein wunderbares Wetter und an so lange saftiges Gras für die Tiere kann ich mich kaum erinnern." Umso wehmütiger fällt der Abschied. Mitte Oktober werden auch die letzten Kälber mit ihm ins Tal ziehen.

Da der Hof längst an seinen Sohn überschrieben ist, könnte der Senior dann doch eigentlich Urlaub machen, oder? Martin Sichler überlegt eine Weile. Dann sagt er: "Ja, ans Matterhorn da würde ich gerne noch einmal hinfahren. Das hat mich schwer beeindruckt." Am Meer war er dagegen nur ein einziges Mal. Der Kurzurlaub an der italienischen Riviera brachte ihm jedoch keine Entspannung: "Das Meer-Rauschen war überhaupt nix für mi...." Man kann sich vorstellen, wie erleichtert Martin Sichler war, als er daheim endlich wieder das vertraute Bimmeln der Kuhschellen hörte. Jene Musik, die ihn seit über 70 Jahren auf der Schwarzberg-Alpe begleitet.                      


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